Von links nach rechts: Hansjörg Albrecht, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Christian Gerhaher und Kevin Conners bei einer Pressekonferenz. Foto: Stephan Rumpf
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Die Initiative "Aufstehen für die Kunst" Warum diese vier Künstler gegen die Corona-Politik klagen

Eleonore Bünning

„Aufstehen für die Kunst“ will klären, welchen Schaden die Kultur durch den Lockdown nimmt. Darum ist die Initiative vor Gericht gezogen.

Vier Münchner Musiker haben sich zusammengetan, um Verfassungsklage einzureichen. Im Interview erklären der Tenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, der Bariton Christian Gerhaher, der Dirigent Hansjörg Albrecht und der Tenor Kevin Coners, warum.

Der Name ihrer Initiative lautet „Aufstehen für die Kunst“. Das hat Pathos. Wer hatte die Idee dazu?
HANSJÖRG ALBRECHT: Alle vier. Wir haben gemeinsam überlegt: Wie klingt das? Wie heißt das auf englisch? Was passt? Denn darum geht es doch, um das „Aufstehen!“ im Sinne von „Aufwachen!“ Die gesamte Kulturszene kam uns so lethargisch vor, zu Beginn dieses November-Lockdowns, so resigniert. Das hat uns zusammen geführt. Anfangs haben wir uns „Aufstehen für die Kunstfreiheit“ nennen wollen. Aber der Begriff schien damals zu nahe an den Querdenkern. Und damit hat unsere Initiative nun wirklich überhaupt nichts zu tun.

WOLFGANG ABLINGER-SPERRHACKE: Die Freiheit des Einzelnen hat Grenzen, soviel ist klar. Aber die Kunstfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Damals war die Diskussion darüber noch in den Babyschuhen. Das hat sich jetzt hoffentlich geändert. Wir wollen ja nicht, dass die Konzert- und Opernhäuser unkontrolliert wieder aufgemacht werden. Wir wollen, dass zur Kenntnis genommen wird, dass deren Hygienekonzepte tatsächlich funktionieren. Man muss sich von den Coronaleugnern erstmal distanzieren, wenn man sich anmelden will als Unterstützer auf unserer Webseite.

KEVIN CONNERS: Wie sehr die Kunst fehlt im gesellschaftlichen Leben, das ist, finde ich, überall deutlich zu spüren. Ganz besonders fehlt die darstellende Kunst: Theater, Tanz, Musik, Oper. Dabei ist es unsere Aufgabe als Künstler, eine Intimität mit dem Publikum zu erschaffen. Jeder von uns kennt doch diese Augenblicke auf der Bühne, in denen es plötzlich sehr intim werden kann – das funktioniert sogar im Nationaltheater, wenn 2100 Leuten da unten sitzen. Und diese direkte Beziehung, die so nur im Theater möglich ist, die ist jetzt weggebrochen. Was ist das für ein Gefühl? Leere! Ich sehe diese Lethargie auch beim Publikum, das zu Hause auf dem Sofa hockt und streamt und nicht weiß, wie es weitergehen soll. Wir können unser Publikum nur zurückgewinnen, wenn wir wieder live auftreten. Deswegen muss die Politik die Kunstfreiheit an ihre grundgesetzverankerte Stelle setzen und die Theater öffnen.

Sie haben eine Popularklage gestellt und am 29. März einen Eilantrag nachgeschoben. Wann erwarten Sie eine Reaktion?
CHRISTIAN GERHAHER: Bei der Popularklage vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof geht es darum, grundsätzlich zu klären, welchen Schaden für die Künste die politischen Entscheidungen ab dem „Lockdown Light“ im November angerichtet haben und noch anrichten. So eine Klage wird nicht in der übernächsten Woche entschieden. Wir denken, dass es vielleicht erst Ende dieses Jahres ein Ergebnis geben wird. Aber wir brauchen dieses Urteil für die Zukunft. Nach dem Abklingen der Coronakrise werden die Haushalte klamm sein, es wird gespart werden, das darf dann nicht zuerst auf Kultur und Bildung abgewälzt werden.

Und der Eilantrag?
GERHAHER: Der Eilantrag an das Verwaltungsgericht kann die im Moment gültige Verordnung des Bayerischen Infektionsschutzgesetzes kippen, in unserem Sinne – oder eben auch nicht.
Sie stützen sich dabei auf diverse wissenschaftliche Studien, die beweisen, dass die Infektiosität in Theatern, Konzert- und Opernhäusern gleich Null ist. Wie Michael Kohlhaas berufen Sie sich auf Ihr gutes Recht, mit guten Argumenten. Aber mit wenig Aussicht auf Erfolg…

ABLINGER-SPERRHACKE: Das würde ich nicht sagen! Ich hatte es, gemeinsam mit anderen, schon beim ersten Lockdown in Österreich geschafft, die Kunststaatssekretärin aus dem Sessel zu kippen, genau damit: mit dem Grundrecht auf Kunstfreiheit. Sie hat dann selbst in ihrer Rücktrittsrede die Kunstfreiheit herausgestellt als mit das Wichtigste, was Kulturpolitik gewährleisten sollte, und das war der Grund, warum es unter der neuen Kunststaatssekretärin diese Öffnungsschritte gab, die im Sommer zu dem „Salzburger Modell“ geführt haben, mit Mitarbeitertests, Hygieneregeln, Schachbrettsitzordnung usw. Wir hatten drei Monate geöffnet. Niemand wurde infiziert. Das Modell wurde weltweit von anderen Theatern übernommen.

Setzt ein Signal. Das Theater Düsseldorf, November 2020. Foto: imago/Friedrich Stark Vergrößern
Setzt ein Signal. Das Theater Düsseldorf, November 2020. © imago/Friedrich Stark

ALBRECHT: Ohne dass wir uns abgesprochen hatten, ist jetzt auch die österreichische Florestan-Initiative in Wien vor das Verfassungsgericht gegangen. Auch die Deutsche Orchester Vereinigung hat dagegen protestiert, dass die Bundesländer rechtswidrig handeln in ihrer Umsetzung des Infektionsschutzgesetzes. Immer mehr Leute machen den Mund auf. Der Druck auf die Politik ist schon sehr hoch. Insofern: Wir sind nicht allein, es gibt inzwischen mehrere „Kohlhaasen“.

Und doch warten Sie immer noch auf breite Unterstützung seitens der anderen schönen Künste. Sie haben sich ja nicht „Aufstehen für die Oper!“ genannt. Wo bleiben Ihre Kollegen aus den Theatern, der Popbranche, die Filmleute, die Museen?
GERHAHER: Die Künste sind ungeheuer differenziert. Außerdem arbeitet jeder Künstler individuell. Deswegen kann sich die Kultur nicht so leicht zusammentun wie andere Lobbyisten, die eine beschränkte gemeinsame Wertschöpfung als Ziel vor Augen haben. Ich glaube, wir vier sind uns relativ einig, dass jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen ist, dass auch die Künstler mit einer Stimme sprechen müssen. Eigentlich ist das nicht unsere Aufgabe. Es wäre die Aufgabe der Intendanten und der Kulturmanager. Aber: Die können nicht. Und deswegen machen wir’s halt.

Warum können die nicht?
GERHAHER: Die Intendanten führen staatlich finanzierte Häuser. Die können nicht gegen sich selbst klagen. Das ist eine Tatsache, die wir hinnehmen müssen. Aber es ärgert mich schon, dass viele Theater jetzt schon nicht mehr für diese Spielzeit arbeiten und planen. Sie riskieren nichts. Sie sagen sich: ‚Wir benützen diese Coronahilfen und gehen mit einer schwarzen Null aus dieser Spielzeit, dann können wir nächstes Jahr halt wieder was Schönes machen'. Was bedeutet: Sie handeln unkünstlerisch, sie entziehen sich ihrer Verantwortung. Auch viele Museumsbetreiber haben versagt. Sie hätten sich wehren müssen.

Die Museen mit ihren großen, gut klimatisierten Räumen wären ideale Orte gewesen im Coronajahr, wo die Menschen viel Zeit mit Kunst hätten verbringen können. In anderen Ländern wurden sogar Schulklassen unterrichtet in den Museen. Hierzulande hat man nichts dergleichen gehört, gar nichts. In München wurde eine Versammlung anberaumt von Pinakotheksleitern, da ist nur einer gekommen, nämlich der Hausherr dieser Versammlung.

ALBRECHT: Ich finde schon, dass sich die Kunstmanager und Intendanten aufraffen könnten. Sie müssen ja nicht selbst klagen gegen sich. Aber sie sollten dabei helfen, öffentlich die Diskussion zu führen über Fragen der Kunstfreiheit. Was soll schon passieren, sie werden sicher deswegen nicht entlassen!

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GERHAHER: Freiheit der Kunst bedeutet auch, dass die Künstler vor einer Instrumentalisierung durch die Politik geschützt sein müssen. Das geht schon los mit der Definition. Was ist Kunst? Vor einem Jahr hat der bayerische Ministerpräsident gemeint: ‚Die Kunst ist zur Erbauung da'. Dann hieß es, sie sei zur Unterhaltung da. Natürlich kann auch die Kunst erbauen und unterhalten. Aber das ist kein Kriterium für eine Definition.

Im November, das war dann der echte Sündenfall, wurde gesagt: Kunst sei eine Freizeitaktivität, vergleichbar mit Spaßbädern und Bordellen. Das ist zwar relativ schnell korrigiert worden, aber aus solchen Missverständnissen heraus, die, man kann das nicht anders sagen, in der Unbildung der Politiker begründet sind, wurden Entscheidungen getroffen mit verheerenden Folgen für die Zukunft. Für uns, für die Künstler, für das Publikum, für die Bedeutung der Kultur in der Gesellschaft.

Was denken Sie: Wird das Streamen künftig das Livekonzert ersetzen?
ABLINGER-SPERRHACKE: Man tritt auf, aber man hat kein Gegenüber. Es werden auch nur ausgewählte Produktionen überhaupt gestreamt. Auf einen gestreamten „Rosenkavalier“ kommen hier in München fünf andere Produktionen, allein im März, und weitere fünf Stücke im April, die abgesagt worden sind. Im Konzertsektor wird sogar nicht einmal mehr geplant. Und was nicht geplant wird, das kann auch nicht gestreamt werden.

GERHAHER: Das Streamen an sich ist ja keine neue Sache. Auch das virtuelle Publikum gibt es schon länger. Man hat früher schon CD-Produktionen gemacht vor leeren Sälen, es werden seit langem Konzerte im Radio oder im Fernsehen übertragen, mit vergleichbar großen Zuschauerzahlen. Aber dass das jetzt so ausschließlich betrieben werden muss, ist in vieler Hinsicht gefährlich.

Zum Beispiel ist die Vergütungsfrage rechtlich noch überhaupt nicht geklärt. Das traut sich keiner anzusprechen, weil jeder froh ist, dass er überhaupt wieder irgendwo auftreten kann. Außerdem ist, fürchte ich, die Hörkompetenz des Publikums in Gefahr. Viele Konzerte werden jetzt extra für das Streamingformat geplant, sie suggerieren einen Live-Charakter. Wenn das dann später mal ins Programm kommt, denken die Leute, ja, das hab ich doch schon mal live gehört von dem, warum soll ich da jetzt nochmal ins Konzert gehen? Es kann sein, dass hier ein enormes Potential an Selbstvernichtung der Livemusik im Hintergrund schlummert. Es wird dadurch eventuell sogar Repertoire verbrannt.

ABLINGER-SPERRHACKE: An der Metropolitan Opera in New York ist es ja wirklich so gelaufen, schon vor Corona. Sie haben drei Millionen Kinobesucher neu dazu gewonnen und sich dadurch selbst ihr Live-Publikum im Opernhaus kannibalisiert. Da waren nur noch zwei Drittel der Plätze besetzt. Es ist absurd, dass Intendant Peter Gelb die Kürzungen bei den Musikern damit rechtfertigt, dass er wegen Corona nur mit fünfzig Prozent aufmachen kann. Das ist ja nicht weit von der Auslastung, die er in den letzten beiden Jahrzehnten schon gehabt hat!

CONNERS: Darf ich eine Schlussbemerkung machen? Wir alle schränken uns ein. Alle haben Angst vor Corona. Corona hat uns im Griff. Jetzt langsam aber hoffe ich, dass wir die Sache in den Griff kriegen. Wir sollten uns nicht mehr vor der Krankheit fürchten, sondern uns um die Demokratie sorgen. Wir sind alle Mieter auf dieser wunderschönen Erde. Unsere Begabung ist es, Kunst zu machen. Da wir das zur Zeit nicht tun dürfen, fühlen wir uns verpflichtet, unsere Miete zu zahlen, indem wir diese Initiative gegründet haben. Wir wollen unser Publikum zurückgewinnen und die Häuser öffnen. Deswegen: Aufstehen für die Kunst!

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