Die drei aus der ehemaligen West-Berliner Hausbesetzerszene, jetzt Autorenkollektiv. Bettina Munk (links), Heinz Bude und Karin Wieland. Foto: Dawin Meckel/Ostkreuz/Hanser
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Die Hausbesetzerszene der 80er Es gab Kohl und es gab Derrida – und gegen Kohl waren viele

Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland erzählen in ihrem Bildungsroman „Aufprall“ vom Lebensgefühl der Vorwendezeit in Kreuzberg. Ein Treffen.

Gar nicht so leicht, sich an einem Freitagnachmittag ohne Reservierung zu viert im Café Einstein an der Kurfürstenstraße zu treffen. Es herrscht viel Betrieb, eigentlich wie in Prä-Pandemiezeiten, und es braucht ein bisschen, bis einer der umtriebigen, schwarzweiß geschürzten Kellner einen entsprechend geräumigen Platz im Kaffeehaustrubel findet.

Der Soziologe Heinz Bude ist schon da, unübersehbar mit seinem kahlen Schädel, und nach und nach trudeln auch seine Frau Karin Wieland ein, groß, lange blonde Haare, von Beruf Schriftstellerin und Politikwissenschaftlerin, und zuletzt die Künstlerin Bettina Munk, wie stets mit einer Mütze auf dem Kopf, dieses Mal einer roten.

Gekommen sind sie, um über „Aufprall“ zu sprechen. So heißt ihr Roman über die Hausbesetzerszene und das Leben im Kreuzberg der achtziger Jahre, den sie gemeinsam geschrieben haben, als „Kollektiv“, wie es seinerzeit gern hieß. (Hanser, München 2020, 382 Seiten, 24 €.)

Das Einstein passt gut zu der Zeit, die das Buch der drei behandelt, es wurde 1979 im Stil eines Wiener Kaffeehauses eröffnet; räumlich und stilistisch jedoch könnte es von dem Kreuzberg der achtziger Jahre gar nicht weiter entfernt sein.

Einen Spaziergang zu den Schauplätzen ihres Romans wollten Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland nicht unternehmen, in die Gegend der Oranienstraße, der Muskauer Straße oder der Adalbertstraße, in der ihre Protagonisten in einem besetzten Haus wohnen oder an Orten wie dem SO 36 oder der Roten Rose herumtreiben, die es ja immer noch gibt.

Der Grund für diese Weigerung: die letztendlich zu großen Veränderungen in Kreuzberg in den letzten zwei Jahrzehnten. Mehr noch aber, um sentimentale Gefühle gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Das ganze Nostalgiezeugs wollen wir nicht“, sagen sie unisono. „Das wollten wir auch nicht mit dem Buch. ,Aufprall’ ist keine urbane Trouvaille, keine romantische Verklärung, sondern eine Ortsbestimmung“.

Die drei legen Wert darauf, einen Roman geschrieben zu haben, kein bloßes Erinnerungsbuch. „Die Fiktion ist wahr, und die Fakten stimmen“, so heißt es darin einleitend. Die zahlreichen Figuren, fast dreißig an der Zahl, seien „die Container unserer Erfahrungen“, sagt Munk.

Es sind Mischfiguren, in denen die Erfahrungen, Erlebnisse und Denkweise jener Menschen eingeflossen sind, mit denen Bude, Munk und Wieland im West-Berlin bekannt oder befreundet waren.

„Unsere Geschichten sind völlig unterschiedlich, die sind unterschiedlich gewichtig in dem Buch. Das ist zeitlich und räumlich häufig aufgelöst und keine eins-zu-eins-Erzählung. Wir wollten unsere Erinnerungen für uns behalten. Erinnerungen taugen nicht dazu, einen Roman zu schreiben“, erläutert Wieland gleich zu Beginn des Gesprächs.

Sie haben alle Passagen gemeinsam geschrieben

Es gibt drei Perspektiven in diesem Kollektivroman, drei Erzählstimmen, die sich abwechseln: die eines gewissen Thomas, der Philosophie studiert, die von Luise, einer angehenden Künstlerin, beide in der Ich-Form verfasst. Und einen sogenannten Chor, „der weiblich ist und die Geschichte einer Gruppe aufrührerischer Jungmenschen in West-Berlin erzählt“.

Das tut der Chor in der ersten Person Plural, dem für Generationsbücher so typischen Wir. Bude, Munk und Wieland betonen, dass sie alle Passagen gemeinsam geschrieben haben, sich beispielsweise Thomas nicht einfach dem 1954 in Wuppertal geborenen Bude zuordnen lässt oder Luise einer der beiden Autorinnen.

Die schönen Zeichnungen im Buch, alle in den 80ern entstanden, die stammen jedoch eindeutig von Bettina Munk, da hat das Kollektiv doch seine Grenze.

Bude möchte dann noch einmal genauer auf die Fiktion ihres Buches zu sprechen kommen. Damit würde man in viel tieferen Schichten graben, sagt er, in Schichten, die bei einem einfachen Erinnerungsdiskurs auf der Strecke bleiben würden: „Den Thomas wollte ich viel ironischer, popistischer, was uns nicht gelungen ist. Unter der Hand wurde dessen Geschichte plötzlich tragischer, existentieller. Diese Offenheit damals, die war hart erkämpft. Das ist jetzt eine ganz andere Art der Archäologie unserer Generation."

Es gab Kohl und Derrida

Tatsächlich fällt an diesem Nachmittag häufig das Wort Generation. Bude, Munk und Wieland glauben daran, dass es einer großen Gruppe von Gleichaltrigen ähnlich ging wie ihnen – bei allem Wissen darum, dass Generationen immer Konstrukte sind.

In „Aufprall“ sind es die vielen aus der westdeutschen Provinz Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre nach West-Berlin gekommenen jungen Leute, so wie die 1960 in München geborene Bettina Munk und die 1958 in Hohenlohe geborene Karin Wieland.

Sie besetzen Häuser, weil sich der Senat damals nicht in der Lage sah, den Leerstand zu bewirtschaften, sie wollen anders leben als ihre Eltern, anders lieben, anders arbeiten – und sie begreifen die RAF als „treue Begleiterin“, wie der Chor im Buch behauptet.

Freiheit bedeutet für sie, „nichts zu verlieren zu haben“. Und Wieland sagt im Einstein: „Es gab Kohl und Derrida. Gegen Kohl waren viele. Wir standen außerhalb, geistig sowieso, aber auch in dieser West-Berliner Enklave“.

Kreuzberger Belagerung. Polizisten versuchen im März 1981, das Haus Kopischstraße 4 zu räumen. Foto: Henning Langenheim / akg-images Vergrößern
Kreuzberger Belagerung. Polizisten versuchen im März 1981, das Haus Kopischstraße 4 zu räumen. © Henning Langenheim / akg-images

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„Aufprall“ porträtiert also jene Generation, die nach 68 kam und lange vor der Generation Golf, eine Zwischengeneration; jene der Babyboomer, wie Bude herausstreicht, die gleichermaßen von den Geistern des Nationalsozialismus, dem anschließenden Schweigen und der Scham ihrer Eltern geplagt wird wie von den übermächtigen 68ern.

„Die wussten immer Bescheid“, sagt Munk, „wie man es macht und wie nicht. Wir dagegen wussten, was falsch ist, mehr nicht“.

Während Munk das ganz entspannt äußert, kann sich Bude bei diesem Thema fast ein bisschen in Rage reden. Er nennt es „Abgrenzungsaggression“. Allein der Umgang der 68er mit ihrer Vergangenheit: „Wie kann man so an seiner Jugend hängen, das ist ein richtiggehender Jugendnarzissmus! Die glauben, sich auf einem enorm sicheren Beschreibungsgrund zu befinden“.

Eine Korrektur der Babyboomer-Generation

Heinz Bude, Soziologe, der er ist, gibt schließlich eine Definition der in „Aufprall“ beschriebenen Generation, die in diversen Büchern schon als „Zaungäste“, als „Zu-spät-Gekommene“, als „wegdenkbar“ beschrieben worden ist.

„Der Pragmatismus dieser Generation ist teuer erkauft worden, das war ein großer Einsatz. Das sind Virtuosen von Kontingenz und Heterogenität, nicht einfach nur blöde Pragmatiker. Das Spielerische an alldem, das war Ernst, hart erkämpft. Leben plus Kunst, Lebenskunst. Unser Buch hat schon was von einer Korrektur dieser Babyboomer-Generation. Es liefert eine neue Interpretation, das ist ein Bildungsroman der West-Berliner Vorwendezeit.“

Hausbesetzer in Kreuzberg, 2011. Schlesische Straße 25. Foto: Florian Schuh/dpa Vergrößern
Hausbesetzer in Kreuzberg, 2011. Schlesische Straße 25. © Florian Schuh/dpa

Natürlich bleibt es nicht aus, das in dem Gespräch mit den dreien die konkrete, erlebte Vergangenheit gestreift wird, die fiktiven Grenzen und das Faktische verschwimmen. Bude, Munk und Wieland erinnern sich an „harte“ Absturzläden wie das Ex’n’Pop oder das Risiko, an den „irgendwie überflüssigen“ Dschungel, an einen Lieblingsladen wie den Bierhimmel

Oder an das Andere Ufer in Schöneberg, „das eigene Vertrauen, die eigene Stärke, die man darin hatte“, wie Bude sagt. „Wenn da eine Nina Hagen hereinkam oder irgendein ein anderer Szene-Prominenter – Bowie habe ich da übrigens nie gesehen –, dann sagte man sich: Das kann ich auch!“

Karin Wieland wiederum weist darauf hin, dass dieses West-Berlin nicht zuletzt kaum zu verstehen gewesen sei ohne die prägenden intellektuellen Figuren jener Zeit: den Religionssoziologen und Philosophen Jacob Taubes, den an der FU lehrenden Philosophen Klaus Heinrich, den Besitzer der Heinrich-Heine-Buchhandlung im Bahnhof Zoo Hans Brockmann oder die Welt des Merve Verlags und seiner Gründer Peter Gente und Heidi Paris.

Das Leben ist an sie herangeknallt

Sie werden in den Thomas-Passagen allesamt kurz porträtiert. Luise dagegen treibt sich vermehrt in Kunstkreisen herum, der Galerie Endart, dem Laden für Nichts, in der Kippenberger-Posse. Der Blick darauf ist ein wohltuend feministischer.

Auch der weibliche Chor erlaubt eine präzisere Perspektive auf die alles andere als ausgeglichenen Geschlechterverhältnisse jener Zeit. Wie überhaupt Kreuzberg was enorm Widersprüchliches hatte: hier eine kleine, letztendlich auch provinzielle Welt. Und dort, wie Bettina Munk sich erinnert: „Man konnte alles machen, was in dieser Offenheit nirgendwo anders möglich war.“

Aber auch, ergänzt Karin Wieland, um der Verklärung nicht zu sehr Raum zu geben: „Das Leben ist damals an uns herangeknallt. Wir hatten wohl einen Schutzengel, da heil herausgekommen zu sein." Was sich nicht zuletzt konkret auf den zentralen, symbolisch aufgeladenen, titelgebenden Fixpunkt des Romans bezieht: einen Unfall in der Tschecheslowakei mit einem sowjetischen Raketentransporter.

Das Foto des Mercedes-Wracks ziert den Vorsatz des Romans, es stammt von Mathias Munk. Die Ich-Erzähler überleben den Crash, unbeschadet der eine, schwer verletzt die andere, eine Freundin aber stirbt. Die Wirklichkeit hat brutal zugeschlagen, es ist eine andere als die der Hausbesetzerszene. All das hat Folgen.

Ob ihr Autorenkollektiv eine Zukunft hat, es womöglich eine Fortsetzung gibt? Bei dieser Frage stutzen alle drei kurz, um dann lachend zu antworten: „Aber klar, was denken Sie!“.

Danach gibt es ein weiteres Glas Wein, eine Diskussion über die Literatur der Gegenwart, das Ideologische in der Literaturkritik, und schon heißt wieder: Masken auf und heraus aus dem Café Einstein, diesem erfolgreichen Überbleibsel aus der Vorwendezeit.

Draußen fällt Bude ein, dass ja gerade die Deutsche Einheit ihren 30. Geburtstag hat. Nicht zuletzt dieser Tag hat damals der speziellen West-Berliner und Kreuzberger Abgeschiedenheit in den achtziger Jahren ein ultimatives Ende bereitet. Ein Ende, da sind sich Bude, Munk und Wieland einig, das auch ohne Mauerfall über kurz oder lang gekommen wäre.

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