Rituelle Symbole der Bamum waren Inspirationsquelle für den Neubau des Palastmuseums in Foumban. Foto: picture alliance / imageBROKER
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„Die Entdeckung hat mir das Herz zerrissen“ Kamerunische Kunstschätze in deutschen Museen? Diese Bürger nehmen das nicht hin

Mehrere tausend Objekte lagern alleine in Bremen. Bürgerinitativen in Kamerun fordern: Deutschland soll die einst geraubten Schätze ihrer Heimat zurückgeben.

Der Anblick der Holzpfosten hat Jean Nke Ndih nicht mehr losgelassen. Figuren sind aus den Baumstämmen herausgearbeitet, Männer und Frauen, wie eine Artistentruppe aufeinander stehend, am oberen Ende geschnitzte Schildkröten. Die Pfosten, Ndzom genannt, stammen aus Nke Ndihs Heimatregion im Süden Kameruns, waren einst Teil eines Hauses, in das sich junge Männer im Zuge eines Initiationsritus einige Wochen oder sogar Monate zurückzogen. Der Anthropologe, der ein eigenes Forschungsinstitut betreibt, ist überzeugt, die Pfosten vor fast 30 Jahren im Bremer Übersee-Museum gesehen zu haben. „Die Entdeckung der Stücke hat mir das Herz zerrissen“, sagt er. „Sie gehörten meinen Vorfahren und sind ein Teil von mir.“

Die Begegnung mit der Vergangenheit wirkt bis heute nach. Nke Ndih will die Pfosten in seine Heimat zurückzubringen. Mehr als 100 lokale Würdenträger der Volksgruppen aus dem südlichen Kamerun konnte er schon für seine Initiative gewinnen. Ihre Forderung: Kameruns Regierung soll Deutschland offiziell um die Rückgabe der Objekte bitten, die vor mehr als 100 Jahren, als Kamerun deutsche Kolonie war, unter ungeklärten Umständen ins deutsche Kaiserreich abtransportiert wurden.

Mehrere kamerunische Kabinettsmitglieder hätten schon Zustimmung signalisiert, sagt Nke Ndih per Videoschalte aus seinem Büro in Kameruns Hauptstadt Jaoundé. Und das sei erst der Anfang. Auch andere Stücke, die Kolonialbeamte, Händler oder Militärs kauften oder raubten und sich heute in deutschen Museen befinden, wollen die Kameruner zurück.

In dem zentralafrikanischen Land ist etwas in Bewegung geraten. Beflügelt hat die Ankündigung Deutschlands, Bronzen aus dem ehemaligen Benin-Reich an Nigeria zurückzugeben, sagt der kamerunische Journalist Abdelaziz Moundé Njimbam in einem Café unweit des Centre Pompidou in Paris. Er lebt seit 20 Jahren in Frankreich – und koordiniert dort die Aktivitäten eines Kollektivs kamerunischer Intellektueller.

„Cameroun Patrimoine“, Erbe Kameruns, kämpft schon länger für die Rückgabe von Kulturgütern. Die Gruppe will nun den Druck auf europäische Museen und die eigene Regierung erhöhen. Moundé hat vor allem Objekte aus seiner Heimatregion im Westen Kameruns im Blick. Er stammt aus dem Sultanat Bamum im sogenannten Kameruner Grasland. Kunst- und Alltagsgegenstände dieser Volksgruppe gehören zu den Prunkstücken ethnologischer Sammlungen. Auch das Humboldt Forum hat sie prominent platziert: den mit Kaurischnecken besetzten Thron Mandu Yenu des legendären Bamum-Königs Njoya, Holz- und Bronzefiguren, Masken. „Viele Objekte in europäischen Museen sind von großer spiritueller Bedeutung für die Menschen in den Herkunftsgesellschaften,“ sagt Moundé. „Für Museumsbesucher dagegen sind sie nur Gegenstände, bestenfalls Kunstobjekte.“

Den Wert der eigenen Kunst erkennen

Allein in Bremen und Berlin finden sich in Museumsdatenbanken mehrere tausend Eintragungen zu Objekten aus Kamerun. Lange wussten die einzelnen Volksgruppen nicht, wo sich ihre Kulturschätze heute befinden. Doch seit Museen ihre Bestände online zugänglich machen, stellen immer mehr Wissenschaftler:innen, aber auch ganz normale Bürger aus den Herkunftsgesellschaften Nachforschungen an.

Was Nachfahren einst kolonisierter Völker vom Umgang mit ihrem Erbe im Humboldt Forum halten, war bei der Eröffnung des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst Ende September zu erfahren. Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie warf als Festrednerin den Deutschen vor, in ihrer imperialen Vergangenheit zu schwelgen. Sie rekonstruierten das Schloss eines Herrschers, dessen Truppen in Südwestafrika Kinder, Frauen und Männer töteten. Abdelaziz Moundé nennt das Humboldt Forum einen „paradoxen Ort“. Einordnende Texte und Interventionen afrikanischer Künstler:innen könnten die Widersprüche deutscher Vergangenheitsbewältigung nicht auflösen, sagt er. „Das ist nur Kosmetik.“

Auch die Gesellschaften in Afrika müssen ihre Vergangenheit kritisch hinterfragen, sind Moundé und Nke Ndih überzeugt. Die eigenen Kulturleistungen seien lange verdrängt und von europäischen Einflüssen überlagert worden.

„Wenn wir unsere Kunst aus Europa zurückholen, sehen die Menschen, dass ihre Kultur eigenständig und wertvoll ist“, sagt Nke Ndih. Die aktuellen Initiativen würden dazu beitragen, das kollektive Gedächtnis zu schärfen. Und in Kamerun sind in den vergangen Jahren eine Reihe Museen gegründet worden, die Objekte aufnehmen könnten.

Das Sultanat Bamum erweiterte sein seit den 1920er Jahren existierendes Palastmuseum um einen spektakulären Neubau in Form einer doppelköpfigen Schlange auf der eine riesige Spinne thront – beides rituelle Symbole der Bamum. Der Thron aus dem Humboldt-Forum wäre hier gut aufgehoben.

Nicht bei allen Gegenständen ist die Provenienz eindeutig belegt

Lars-Christian Koch, Direktor für die Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin im Humboldt Forum, kann sich eine Rückgabe vorstellen. Dass der Thron 1908 als Geschenk des Bamum- Königs an Kaiser Wilhelm II. nach Deutschland kam, sei allein keine Rechtfertigung, entsprechende Forderungen abzuwehren, sagt er. „Wir müssen uns fragen: Wie groß war der Druck auf König Njoya, den Thron zu verschenken?“

Im Fall des Bamun-Throns ist die Provenienz eindeutig belegt. Im Fall der Pfosten aus dem Kameruner Süden sieht das wie bei vielen Objekten aus kolonialen Kontexten anders aus. Das Übersee-Museum ließ die Provenienz seiner Bestände aus Afrika erforschen: Ndzodo Awono, Doktorand aus Kamerun, spürte vier Jahre lang Sammlungsstücken aus seiner Heimat nach. Sein Fazit: Die meisten Objekte wurden unrechtmäßig erworben, sei es als Beute in Strafexpeditionen oder weil Besitzer eingeschüchtert wurden. „Selbst wenn Objekte gekauft wurden, ging es nicht fair zu, denn Kaufbelege gibt es nicht. In keinem einzigen Fall“, erklärt er.

In Bremen befindet sich das Inventar eines Palastes der nordkamerunischen Stadt Tibati, das 1899 deutsche Kolonialtruppen raubten. Als Ndzodo Awono vor zwei Jahren den aktuellen lokalen Herrscher der Stadt besuchte, Lamido genannt, erzählte der den Überfall nach, als wäre er selbst dabei gewesen: „Die Geschichte ist im kollektiven Bewusstsein der Menschen dort eingebrannt." Das Übersee-Museum bereitet nun die Rückführung des Raubguts vor.

Kameruns Regierung schweigt zu der Bürgerinitiative

Wenn Offiziere als Sammler verzeichnet seien, sei es geboten zweimal hinzusehen, sagt die Direktorin des Übersee-Museums, Wiebke Ahrndt. Sie leitete die Kommission des Deutschen Museumsbundes, die einen Leitfaden zum Umgang mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten erarbeitet hat. Doch wer ist letztlich autorisiert, für die Herkunftsgesellschaften zu sprechen und Rückgaben zu fordern? Für die Museen ist das eine entscheidende Frage. Sind dies allein die teilweise semi-autoritären Präsidenten?

Kameruns Regierung schweigt bisher zu den Initiativen von Bürgerseite. Ebenso das Herrscherhaus der Bamum. Der Ende September verstorbene Regent, Ibrahim Mbombo Njoya, hatte keine Ambitionen, den Thron seines Großvaters zurückzuerlangen. Sein Sohn hat sich noch nicht zur Sache geäußert. Doch Nabil Mbombo Njoya ist jung, 28, und hat in New York studiert. Möglicherweise sieht er die Dinge anders.

Und die Pfosten aus Bremen? Im Übersee-Museum sind die heute gar nicht mehr vorhanden. Erste Nachforschungen ergaben, dass sie wohl nicht zur ständigen Sammlung gehörten. Sie könnten als Leihgabe Teil einer Sonderausstellung gewesen sein, als Jean Nke Ndih sie sah.

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