Seelenverwandte. Hannelore Trautwein und Hermann Lenz im Juni 1938 im Englischen Garten. Foto: Hermann-Lenz-Stiftung/Suhrkamp
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Die Briefe von Trautwein/Lenz Neben der Zeit leben

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Der Insel Verlag veröffentlicht erstmals den bewegenden Briefwechsel 1937-1946 des Büchner-Preisträgers Hermann Lenz und seiner Ehefrau Hannelore Trautwein.

Am 13. Mai 1944 macht Hanne Trautwein nach langer Zeit wieder eine Spazierfahrt mit dem Rad. München ist knapp drei Wochen zuvor von den Alliierten schwer bombardiert worden und besteht aus lauter Ruinen. Aber der Tag ist vom Wetter her ein „wundervoller“, wie Trautwein ihrem Freund und späteren Ehemann Hermann Lenz schreibt. Das üppig wuchernde Frühlingsgrün macht den Anblick der zerstörten Häuser einigermaßen erträglich. Trautwein radelt ziellos umher, kreuz und quer durch den Englischen Garten, um schließlich „vor dem Thomas seinem Haus“ zu landen.

Gemeint ist Thomas Manns schon länger leer stehende und ebenfalls schwer beschädigte Villa am Herzogpark in Bogenhausen, die sich Trautwein auch von innen anschaut, zumindest unten, weil die Treppe zu den oberen Stockwerken eingestürzt ist. Esszimmer, Salon, Arbeitszimmer – sie wandert umher, erinnert sich an Passagen aus Manns Büchern und konstatiert am Ende ihres Briefs, „dass eine leise Verklärung über dem heutigen Tag liegt und dass ich ein reines und wohltuendes Gefühl im Herzen hab’, wenn ich daran zurückdenke.“

Es ist dies einer der schönsten und bezeichnendsten Briefe aus der erstmals veröffentlichten Korrespondenz der Kunsthistorikerin und langjährigen Klett-Lektorin Hanne Trautwein mit dem Schriftsteller und Georg-Büchner-Preisträger Hermann Lenz. 577 Briefe und Postkarten der beiden aus den Jahren 1937 bis 1946 umfasst der über 1000-seitige Band. Genauso viele dürften verschollen sein, gerade von Trautwein, weil Hermann Lenz als Soldat des Zweiten Weltkriegs kaum in der Lage war, die Briefe Trautweins alle aufzuheben und mit sich zu führen.

Die Liebe zur Literatur ist ihr Überlebensmittel

Thomas Mann ist einer der literarischen Helden von Trautwein und Lenz. Schon im allerersten Brief von Lenz, da noch an das „liebe Fräulein Trautwein“ gerichtet, spielt er auf „Tonio Kröger“ und die Novelle „Unordnung und frühes Leid“ an. Das Haus der Manns ist in den Münchener Jahren der beiden immer wieder ein Anlaufpunkt, eine Art fetischisiertes Trostgebäude.

Die Liebe zur Literatur, sie ist eines der Überlebensmittel dieses Paares, das sich 1937 im kunsthistorischen Institut der Universität München kennen und lieben lernt und sich trotz schwierigster Zeiten und nur seltener Begegnungen in den Kriegsjahren die Treue hält, bis zum Tod von Hermann Lenz 1998 (Trautwein stirbt 95-jährig 2010). Sie ist die Tochter des Mikrobiologen Kurt Trautwein, der als erklärter Nazi-Gegner schon ab 1934 nicht mehr lehren darf, und der jüdischen Secessions-Malerin Marie Cohen; er der Sohn aus einer eher kleinbürgerlichen Beziehung. Lenz’ Vater, ein Stuttgarter Studienrat, versuchte ihn in die SA zu drängen, der Vorteile halber, was Lenz aber verweigerte. Während sich Trautwein trotz der Konversion der Mutter zum Katholizismus als „Halbjüdin“ latent der Gefahr ausgesetzt sieht, deportiert zu werden, gerade in den vierziger Jahren, wird Lenz erstmals 1938 zu einer Wehrmachtsübung eingezogen. 1940 nimmt er am Frankreich-Feldzug teil und ist ab April 1941 als Soldat ständig im Kriegseinsatz – bis zur Gefangennahme im Frühjahr 1945 durch die Amerikaner und zur Internierung in den USA bis Anfang 1946.

„Überall ist Lärm und Hasten und Begierde und Tränen und Blut“

Natürlich findet sich all das in der Korrespondenz der beiden wieder. Obwohl die Pogromnacht am 9. November 1938 keine Erwähnung findet und auch die Deportationen kaum Thema sind (was womöglich mit der Militärzensur zu tun hat, beide wollten sich gegenseitig nicht kompromittieren). Aber hier stöhnt Lenz zum Beispiel über das „Qualvolle“ seiner Weihnacht 1942 in Estland, wo seine Einheit stationiert ist, „erdrückt von der riesigen Häßlichkeit der schnellen Züge, vollgestopft mit Soldaten, der Trostlosigkeit zerstörter russischer Städte und vieler andrer unschöner Dinge“. Dabei scheint es ihm trotzdem gelungen zu sein, zumindest hat er daran bis zu seinem Tod festgehalten, nie einen Menschen zu töten, einen russischen Soldaten; sein Vorsatz war immer, ihm möge das „Kunststück“ gelingen, „ohne einen anderen zu töten“ durch den Krieg zu kommen, wie es in dem autobiografischen Lenz-Roman „Neue Zeit“ heißt. Ja, und dort spricht wiederum auch Hanne Trautwein ungewohnt kraftvoll von dem „Scheißhaufen“, der die Menschheit ist. Oder fragt sich, warum es keine Stille mehr gibt, warum die Menschen laut und böse sind, „überall ist Lärm und Hasten und Begierde und Tränen und Blut“.

Mehr noch aber tauschen sich Lenz und Trautwein in ihren Briefen über gegenseitige Lektüren aus, über Passagen in Büchern von Autoren wie Möricke, Stifter oder eben Mann, von weniger bekannten wie Kasimir Edschmid, Otto Gmelin oder Jules Romains. Und daraus oft resultierend schreiben sie über ihre Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, nach imaginierten Rückzugsorten wie dem Wien des 19. Jahrhunderts. Oder über ihre Träume von einem Häuschen am Bodensee oder einer Bienenzucht irgendwo versteckt im Böhmerwald.

In dieser Vorstellungs- und Rückzugswelt scheint es viel Nostalgie zu geben, eine Verklärung vergangener Zeiten und ihres vermeintlichen Glanzes. Früher war vieles besser, ohne dass das Paar die Verhältnisse von ehedem genauer in den Blick nimmt. Doch diese Vergangenheitssehnsucht erschließt sich durch die Verhältnisse, denen Trautwein in München – erst im Arbeitsdienst, dann als Mitarbeiterin des Auktionshauses Weinmüller und schließlich 1944/1945 als Zwangsarbeiterin in einem Straßendepot – und Lenz als Soldat in Russland ausgesetzt sind. Sie zeugt im Zusammenspiel mit der Natur- und Kunstgläubigkeit beider vom Festhalten an kulturellen Werten in barbarischen Zeiten, davon, dass es gilt, in Gegenwelten weiterleben zu können.

Der Band demonstriert die spätere Größe von Lenz' Erinnerungskunst

Nicht zuletzt gehört dieser Gegenentwurf zum poetischen Programm des Schriftstellers Hermann Lenz in den kommenden Jahrzehnten. Das zeichnet sich in den Briefen schon ab. Sie lassen sich als Blaupause für das kommende Werk lesen, einerseits für Romane wie „Der innere Bezirk“ oder „Der Kutscher und der Wappenmaler“, andererseits für Lenz’ autobiografisches Großwerk „Vergangene Gegenwart“. Letzteres kann man als herausragenden Vorläufer von moderneren Erinnerungsromanzyklen eines Karl Ove Knausgård („Min Kamp“), Peter Kurzeck („Das alte Jahrhundert“) oder Andreas Maier („Ortsumgehung“) bezeichnen.

Lenz erzählt darin das Leben seines Alter Egos Eugen Rapp, von dessen Herkunft bis zu den letzten Jahren in der Nachwende-Gegenwart. Natürlich kommen da auch die Lenz so prägenden Jahre 1937 bis 1946 vor, in eben jenem dritten, 1975 veröffentlichten Teil des Zyklus’ , „Neue Zeit“. Dieser wird von dem Herausgeber der Trautwein/Lenz-Korrespondenz Michael Schwidtal immer wieder herangezogen, um die Parallelitäten zwischen Erlebtem und oft nur notdürftig Fiktionalisiertem zu dokumentieren, kurz: um die Größe der Erinnerungskunst von Lenz zu demonstrieren.

Viele Passagen in den Briefen von Lenz und auch Trautwein deuten auf das hin, was Lenz später schreiben oder seinen Eugen Rapp sagen oder denken lassen wird. Zum Beispiel klagt Lenz 1940 darüber, wie nutzlos er seine Zeit verbringt im Krieg, Zeit, „in der man vielleicht einen Baustein für sein Lebenswerk hätte schaffen können“. Oder dass er sein Leben bislang gar nicht so übel gelebt habe, „nur hätte ich ausschließlich dem leben sollen, was mich im Innern ausmacht, das werde ich mir für später eine Lehre sein lassen.“ Schon als Teenager habe er empfunden, „dass ich neben der Zeit leben muss“.

Lenz schreibt während seines jahrelangen Kriegseinsatzes eigene Prosa und arbeitet seine 1938 in der „Neuen Rundschau“ veröffentlichte Erzählung „Das stille Haus“ zu einem Roman aus. Hanne Trautwein tut es ihm nach; auch von ihr gibt es Erzählungen, die kurz nach dem Krieg veröffentlicht werden. Sie opfert seinem Schreiben schließlich ihre eigenen Ambitionen – ob das heute noch möglich wäre? Für Hermann Lenz schließlich, auch davon zeigt dieser hervorragend edierte Briefwechsel, sind die Jahre von 1937 bis 1946 doch noch von literarischem Nutzen. Auf einer Feldpostkarte notiert er: „Aber wer weiß, vielleicht wird dieses Lebenswerk durch den gegenwärtigen Zustand, durch den man hindurch muss, nur gefördert; möglich ist ja alles und nehmen wir also einmal das Günstigste an.“

Hanne Trautwein, Hermann Lenz: Der Briefwechsel 1937 - 1946. Insel Verlag, Berlin 2018. 1073 Seiten, 48 €.

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