Moritz Bleibtreu als Ricky in "Nur Gott kann mich richten". Foto: Constantin
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Deutsches Genrekino Ricky gegen den Rest der Welt

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Der psychedelische Noir-Film „A Thought of Ecstasy“ und das Gangsterdrama „Nur Gott kann mich richten“ beweisen, dass das deutsche Genrekino nicht tot ist.

Es geht katholisch zu in Özgür Yildirims „Nur Gott kann mich richten“. Moritz Bleibtreu kniet mit freiem Oberkörper in Büßerpose vor einem Kreuz, sein Rücken ist mit einem großflächigen Jesus tätowiert. Gangster-Pathos. Die Worte „No Regrets“ winden sich über der religiösen Ikone: keine Reue. Ein Leben für die Familie, für Status und Ansehen. Aber jetzt ist Schluss. Ricky hat für seine Taten gesühnt, er will nur noch ein guter Sohn sein und ein guter Bruder. In einer verramschten Wohnung mit holzvertäfelten Wänden bittet er auf Knien um Gnade. Ricky ist nicht gläubig wie die Italo-Amerikaner in den Gangsterfilmen von Martin Scorsese oder Abel Ferrara, aber er vertraut auf eine höhere Macht. Es herrscht Krieg: Ricky gegen den Rest der Welt.

Der deutsche Gangsterfilm leidet unter einem Legitimationsproblem. Er verfügt über keinerlei Geschichte, keine Kontinuität, es gibt nur vereinzelte Ausreißer. Dominik Graf gehörte in der Fernsehnation der mordenden Ärzte in ihren Vorstadtvillen und der frustrierten Kleinbürger mit ihren verdrängten tödlichen Begehren zu den ersten, die an eine amerikanische oder französische Tradition anzuknüpfen versuchten. „Die Katze“ aus dem Jahr 1985 mit Götz George war ein sehenswertes Stück harten Gangstertums im Maßanzug. Von Graf stammt auch die Forderung, das Genrekino endlich ernst zu nehmen – und den Anspruch auf großes Qualitätskino dagegen etwas weniger. Kaum einer wollte ihm folgen.

Yildirim glaubt an die Regeln des Genres

Özgür Yildirim nahm sich Grafs Worte zu Herzen, aber er hatte auch einen guten Mentor. Fatih Akin produzierte Yildirims Regiedebüt „Chiko“ über den unauflösbaren Widerspruch von Verbrechen und Freundschaft, über Respekt und Loyalität – ein alter Hut im Gangsterfilm, aber das Schöne besteht am Genrekino ja gerade darin, wie produktiv es Themen und Motive immer wieder variiert. „Chiko“ war der erste ernstzunehmende Versuch, eine genuin deutsch-türkische Gangstergeschichte zu erzählen: „Scarface“ im Hamburger Kleinkriminellenmilieu, voll Kiez-Romantik und Hip-Hop-Attitüde, zur Hochzeit von Bushido und deutschsprachigem Gangsta-Rap.

Yildirim drehte ein paar Jahre später mit Sido die Komödie „Blutsbrüdaz“, da war der harte Sound schon zur Parodie verkommen. „Nur Gott kann mich richten“ erinnert daran, wo Yildirims Stärken liegen. Humor und Ironie gehören nicht dazu. Yildirim glaubt an die Regeln des Genres, bedingungslos.

Im Kern ist der Gangsterfilm eine tragische Erzählung. Immer geht es um den letzten Job, eine falsche Entscheidung, die die Schicksalsmaschinerie in Gang setzt, Verfehlungen, die in die Katastrophe führen. Ricky, den Moritz Bleibtreu mit sichtlicher Lust am physischen und verbalen Ausagieren – im wahrsten Wortsinn – verkörpert, ist gerade aus dem Gefängnis entlassen. Er hatte sich nach einem Überfall zusammen mit seinem jüngeren Bruder Rafael (Edin Hasanovic) und Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) geopfert, damit der angeschossene Rafael der Polizei entkommen konnte. Dankbar zeigt der sich nicht, Rafael hat sich vom schlechten Einfluss seines Bruders befreit.

Alle drei wollen sich eine bürgerliche Existenz aufbauen. Rafael mit Elena (Franziska Wulf), die als Stripperin arbeitet. Latif hat eine Shisha-Bar aufgemacht, und Ricky kümmert sich um seinen alkoholkranken Vater (Peter Simonischek). Er träumt von einem Café auf Malta. Das nötige Geld will er sich mit einem letzten Geschäft mit Latif beschaffen – ein fingierter Überfall im Auftrag eines Balkan-Clans, kein Risiko. Aber natürlich geht die Sache schief und plötzlich haben Ricky, Latif und Rafael nicht nur die Gangster am Hals, sondern auch eine Polizistin (Birgit Minichmayr), die mit der Beute die lebensnotwendige Operation ihrer Tochter finanzieren muss.

Dunkle Shisha-Bars, schummrige Stripclubs

Yildirims Drehbuch knirscht gewaltig unter den Klischees und Stereotypen, aber „Nur Gott kann mich richten“ strotzt in jeder Szene vor Selbstbewusstsein. Yildirim vertraut der Mechanik seiner Erzählung, er sucht nach der Spezifik eines deutschen Genrekinos. Dabei geht es ihm nicht um die authentische Inszenierung einer sozialen Wirklichkeit, seine Milieus entspringen einer Genre-Mythologie: dunkle Shisha-Bars, schummrige Stripclubs, Autowerkstätten. Auch seine Figuren sind eher Typen, Referenzen an Kino-Vorbilder. Auf die Frage des neuen Kollegen, warum sie Polizistin geworden sei, entgegnet Minichmayr knapp: damit sie nicht so viel reden müsse. Ihre Besetzung ist ein echter Glücksgriff. In einem grandiosen Darstellerensemble, das das Autoren- mit dem Genrekino versöhnt, spielt sie ihre männlichen Kollegen mit ihrer körperlichen Präsenz regelrecht an die Wand. Sie erobert den Film vom Rande der Geschichte her und arbeitet sich langsam ins Zentrum einer Tragödie vor.

In "A Thought of Ecstasy" sucht Maria (Lena Morris) die männliche Hauptfigur heim. Foto: Dropout Cinema
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Ein entschieden zwiespältigeres Verhältnis zu seinem Sujet hat der psychedelische Film Noir „A Thought of Ecstasy“ des Berliner Filmemachers RP Kahl. Während Yildirim in seinem Gangsterdrama eine robuste Körperlichkeit abfeiert, nähert sich Kahl dem Genre der Spurensuche von dessen Bruchstellen her. Auch „A Thought of Ecstasy“ handelt von Körpern, aber der Sex bleibt nur ein Fetisch.

Auf formaler Ebene unterscheidet die beiden Filme viel

Der vom Regisseur gespielte Frank verschlägt es ins kalifornische Death Valley. Ähnlich wie der namenlose Protagonist in Wim Wenders „Paris Texas“, mit dem „A Thought of Ecstasy“ seine Liebe zu amerikanischen Mythen teilt, sucht Frank eine Frau aus seiner Vergangenheit (Lena Morris in einer Doppelrolle). Ein Roman, der ihre gemeinsame Geschichte erzählt, dient ihm als Landkarte seiner Begehren. Sie führt ihn ebenfalls in einen Stripclub in der Wüste, in den die geheimnisvolle Nina (Ava Verne) für reiche Kunden Fetischvideos dreht. Die (männliche) Sexfantasie im Roman könnte auch als Motto des Films fungieren: Die Stripperin Destiny macht mit ihrer Kollegin Hope rum. Schicksal küsst Hoffnung. Im Hintergrund zieht die Pubilizistin die Fäden – gespielt von der fabelhaften Deborah Kara Unger, die sich im Kino rar gemacht hat.

Rolf Peter Kahl ist im deutschen Kino eine interessante Randerscheinung, er entzieht sich jeder Vereinnahmung. „A Thought of Ecstasy“ schöpft aus dieser Unabhängigkeit Freiheiten: Die Einflüsse liegen sichtbar offen (neben „Paris Texas“ und dem Film Noir natürlich Antonionis „Zabriskie Point“), aber Kahl spielt mit diesen Versatzstücken, macht sie sich zu eigen. Das Erinnerungspuzzle mit den skeptischen Off-Kommentaren gibt der Geschichte eine Struktur; die Geografie der Wüste und des amerikanischen Westens verankert „A Thought of Ecstasy“ in einer filmischen Tradition. Aber die Bilder wechseln zwischen konkreten Orten und zunehmend flüchtigen Bewusstseinszuständen, Doppelprojektionen, Lichtreflexe und flirrende Hitzebilder machen die Realität durchlässiger, je greifbarer die Paranoia des Protagonisten wird.

So sehr sich „Nur Gott kann mich richten“ und „A Thought of Ecstasy“ unterscheiden, so verbindet sie letztlich doch mehr, als was sie auf formaler Ebene trennt. Ein Glaube an das Genrekino.

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