Der Berliner Choreograf Raphael Hillebrand. Foto: Frank Young – Halbe Kartoffl Podcast
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Deutscher Tanzpreis 2020 Anerkennung für den Urban Dance

Hip-Hop kriegt sie alle: Der Berliner Choreograf Raphael Hillebrand wird mit dem Deutschen Tanzpreis geehrt. Eine Begegnung.

Wenn am heutigen Samstag in Essen der Deutsche Tanzpreis verliehen wird, ist auch ein Berliner Künstler unter den Preisträgern. Der Tänzer und Choreograf Raphael Hillebrand wird für „herausragende künstlerische Entwicklungen im Tanz“ geehrt.

Er ist der erste Schwarze, der diese Auszeichnung erhält. Sogar der erste „Nicht-Weiße“, wie er präzisiert. „Denn es gibt viele jenseits der weißen Mehrheitsgesellschaft.“ Und noch etwas ist neu: Erstmals wird mit Raphael Hillebrand ein Choreograf ausgezeichnet, der vom urbanen Tanz kommt.

Natürlich freut der 38-Jährige sich über die Ehrung. „Es bedeutet mir viel, dass sich der Diskurs verschiebt, dass uns jetzt diese blinden Flecken auffallen“, sagt er. Hillebrand kommt mit dem Fahrrad zum Interview. Zur Basecap trägt er eine farbenfrohe Maske von einem Berliner Streetwear-Label.

Er ist charmant und eloquent – ein Künstler mit Haltung. Bei der Preisträgergala im Essener Aalto-Theater wird er einen Ausschnitt aus seiner autobiografischen Soloperformance „Auf meinen Schultern“ zeigen. Zuvor versammelt er vor dem Theater 20 urbane Tänzerinnen und Tänzer zu einer Streetperformance, die den Titel trägt „Wir sind nicht länger still“. Der Protest der Straße dringt hier auch in den Hochkulturtempel.

Hillebrand erlebte als Jugendlicher viel Ausgrenzung

Als Sohn einer deutschen Mutter wuchs er in Hongkong auf – ohne Vater. Dass der ein Westafrikaner ist, hat er erst sehr viel später erfahren. Als er mit drei Jahren nach Berlin kam, wurde er permanent auf seine Herkunft angesprochen. In „Auf meinen Schultern“ erzählt er folgende Anekdote: Eine Verkäuferin in einer Bäckerei fragte ihn: „Was bist du denn für ein süßer Kleiner?“ – „Ich bin Chinese“, rief er. Eine Antwort, die die Frau nicht gelten ließ, das merkte er gleich.

In der Schule wurde er wegen seiner Hautfarbe beleidigt und ausgegrenzt. Er dachte sogar an Selbstmord. Als 13-Jähriger schloss er sich einer Gang an. Als ihn dann 1997 ein Bekannter zum Breakin’ mitnahm, war das seine Rettung.

„Zuerst einmal war es ein Raum, in dem ich mich sicher gefühlt habe und in dem ich mich nicht rechtfertigen musste“, erzählt er. Herkunft oder Hautfarbe spiele in der äußert diversen Hip-Hop-Szene keine Rolle. „Hip-Hop oder Urban Dance, aber auch Jazz und Reggae – in all diesen Kunstformen der afrikanischen Diaspora, die unter einer weißen Unterdrückung entstanden sind, ist so ein Gegendruck“, erläutert er. Und dass nicht nur die Schwarzen unterdrückt werden, sei implizit klar.

Erst Straßentanz und Battles, dann Studium

„Von der Gewalt der Gang zur Kreativität der Crew“ – so bringt er seine Entwicklung auf den Punkt. Niels „Storm“ Robitzky wurde sein Mentor. Und Hillebrand erwies sich als großes Talent. Er gewann mehrere Battles und trat weltweit auf, vor allem in Frankreich und Holland. Nach zehn erfolgreichen Jahren in der urbanen Tanzszene entschloss er sich dann, ein Studium an der Hochschule für Zeitgenössischen Tanz in Berlin zu absolvieren.

Wenn er verkündet hätte, Opernsänger werden zu wollen, wären seine Freunde wohl kaum weniger konsterniert gewesen. Fragt man ihn nach seinen Beweggründen, lacht er erst einmal und kommt dann auf die Kluft zwischen der urbanen und der zeitgenössischen Tanzszene zu sprechen: „Ich habe die nicht verstanden und die haben mich nicht verstanden.“

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Das Studium habe ihn dann befähigt, eine Brücke zu schlagen und beide Szene zu verbinden. Die Trennung zwischen Hoch- und Subkultur aufzubrechen, sei für beide Seiten bereichernd.

Hillebrand hält aber mit seiner Kritik nicht hinterm Berg. „Der zeitgenössische Tanz steckt in einer Sackgasse“, diagnostiziert er. „Denn er ist so exklusiv geworden.“ Wenn man ihn fragt, ob er die Hip-Hop-Szene nicht doch zu sehr verkläre, räumt er ein: „Hip-Hop ist ein Spiegel der Gesellschaft.

Und in dieser Bewegung gibt es leider auch Sexismus und alle möglichen Formen von Hass. Meine Erfahrung ist: Menschen, die diskriminiert werden und das nicht aufarbeiten, die reproduzieren das.“ Er selbst sieht im Hip-Hop einen „kulturellen Schlüssel zum Miteinander“.

Hillebrand ist Mitgründer einer Hip-Hop-Partei

Auch außerhalb der Bühne engagiert Hillebrand sich für Diversität und kulturelle Vielfalt. Vor drei Jahren hat er zusammen mit anderen die Partei „Die Urbane“ gegründet. Das war kein Witz, stellt er klar. „Es ist eine Partei, die auf den positiven Grundwerten von Hip-Hop basiert.“

300 Mitglieder hat „Die Urbane“ mittlerweile; es gibt Landesverbände in verschiedenen Bundesländern. „Wir versuchen, uns zu engagieren, mitzureden und uns selbst zu repräsentieren“, sagt Hillebrand. Bei den Demos, die sie in diesem Sommer organisiert haben, hatten sie einen deutlich größeren Zulauf wegen der Black-Lives-Matter-Bewegung, erzählt er. Jetzt bereiten sie sich auf die Bundestagswahl im nächsten Jahr vor.

Raphael Hillebrand engagiert sich für Vielfalt und Teilhabe. Foto: Promo Vergrößern
Raphael Hillebrand engagiert sich für Vielfalt und Teilhabe. © Promo

Schon seit Jahren engagiert sich Hillebrand auch in der Jugendarbeit. Er leitet Workshops an Schulen und in Museen. Vor Kurzem hat er mit Schülern Sprechchöre gebildet. Vorher hat er sie gefragt: Wofür seid ihr? Wogegen seid ihr?

„Es geht ganz klar in Richtung Empowerment“, erzählt er. „Wir versuchen den Jugendlichen klarzumachen, dass sie eine Stimme haben und mitreden dürfen.“ Hillebrand ist ein streitbarer Künstler. „Es reicht nicht, kein Rassist zu sein. Wir müssen Antirassisten sein!“, sagt er und beruft sich dabei auf den Historiker Ibram X. Kendi. Dass Politiker wie Horst Seehofer immer noch leugneten, dass es einen strukturellen Rassismus in Deutschland gibt, macht ihn wütend.

„Rassismus ist eine weiße Erfindung“

Seine eigenen Rassismuserfahrungen hat Raphael Hillebrand in seinen Tanztheaterstücken verarbeitet. Im Ballhaus Naunynstraße ist Ende Oktober wieder sein Solo „Auf meinen Schultern“ zu sehen, das der Choreograf seiner kleinen Tochter gewidmet hat.

Der Dramaturg Fabian Larsson machte ihn auf das Buch „Zwischen mir und der Welt“ des afroamerikanischen Autors Ta-Nehisi Coates aufmerksam, das als Brief an Coates’ 14-jährigen Sohn verfasst ist. Darin geht es auch um die Frage, was es bedeutet, in einem Schwarzen Körper zu leben. Bei der Lektüre des Buchs entdeckte Hillebrand viele Parallelen zu seinem Leben – und er fand, es sei ein guter Zeitpunkt, zurückzublicken.

[„Auf meinen Schultern“ läuft vom 27. bis 30. 10. im Ballhaus Naunynstraße, Naunynstraße 27, jeweils 20 Uhr]

Das Stück handelt von Hillebrands Suche nach seiner afroeuropäischen Identität. Für ihn hatte es etwas Befreiendes, seine eigene Biografie aufzuarbeiten: „Ich habe niemanden schlimm verletzt und habe es trotzdem geschafft, meine Version der Geschichte zu erzählen.“

Er ist zu reflektiert, um sie zur Heldengeschichte zu stilisieren. „Er hat sich an den Schnürsenkeln aus dem Dreck gezogen – mit dem Bild konnte ich früher arbeiten“, sagt er. „Heute weiß ich, dass ich viel Glück gehabt habe und Privilegien.“

In dem Stück formuliert Raphael Hillebrand auch eine Botschaft an seine Tochter. Rassismus sei eine weiße Erfindung – er sei wie die Schwerkraft, die einen nach unten zieht, heißt es dort. Deshalb rät er ihr: „Das Wichtigste im Leben ist es, das Gleichgewicht zu halten.“

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