Martin Fritsch in der Berliner Galerie Judin, die Arbeiten seiner Käthe-Kollwitz-Ausstellung zeigt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP
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Der Sammler von Käthe Kollwitz Ziemlich überirdisch

Martin Fritsch, Berlins größter Sammler von Käthe Kollwitz, wird 80.

Die Kunst kann das Leben verändern. Jedenfalls das Leben ihrer Sammler. Martin Fritsch, in Reinickendorf geboren, hat Betriebswirtschaft studiert und bei AEG und Siemens gearbeitet, ehe mit dem Werk von Käthe Kollwitz die Kunst zu seinem Hauptberuf wurde. Heute umfasst die Sammlung des Ehepaars Gudrun und Martin Fritsch, der heutigen Sonntag seinen 80. Geburtstag feiert, rund hundert Kollwitz-Werke, neben Zeichnungen und Grafiken auch vier Plastiken.

Vertrauensvoll legt Martin Fritsch – feingliedrig, langärmeliges Polohemd und Jeans – seine Hand auf den Kopf der kleinen Pietà von Käthe Kollwitz. Eher eine Geste von freundschaftlichem Respekt als von Besitzerstolz. Die Bronze „Mutter mit totem Sohn“ von 1937/38 war Vorlage für die vierfache Vergrößerung, die Bundeskanzler Helmut Kohl auf Anregung von Martin Fritsch in Schinkels Neuer Wache aufstellen ließ.

Noch ist die kleine Plastik zusammen mit einer Auswahl aus der Sammlung in den Räumen der Berliner Galerie Judin zu sehen, die große Ausstellung mit Bildern des kubanischen Künstlers Enrique Martínez Celaya nach Motiven von Käthe Kollwitz wurde kurzfristig noch einmal verlängert. Als Sammler haben sich Martin Fritsch und seine Frau Gudrun auf Zustandsdrucke konzentriert, auf Unikate, die das Experimentieren mit der Drucktechnik erlebbar werden lassen und die Spuren des Arbeitsprozesses, die Korrekturen mit Tinte oder Kreide in sich tragen. Wenn Martin Fritsch über Käthe Kollwitz spricht, kommt er ins Schwärmen. „Das ist so überirdisch, immateriell, wie sie den Jüngling zeichnet und den Tod“, sagt er über das erste Blatt, das er vor vielen Jahren erworben hat: „Tod und Jüngling, aufschwebend“ von 1922/23.

Erst als Kunden, dann als Freunde des Malers und Kunsthändlers Hans Pels-Leusden entwickelten Gudrun und Martin Fritsch ihre Sammlung gezielt in Hinblick auf ein Käthe-Kollwitz-Museum im damaligen West-Berlin. Die Gründung war ein Traum von Pels-Leusden. Nach der Sanierung des Wintergartenensembles in der Fasanenstraße ließ sich die Idee in der ehemaligen Villa Schirmer verwirklichen. Als Mann der Zahlen wurde Martin Fritsch Gesellschafter und Prokurist im benachbarten Auktionshaus Villa Grisebach – und er übernahm die Museumsleitung im Käthe-Kollwitz-Museum. Mit seiner Frau als Vize-Direktorin leitete er das Museum 28 Jahre lang. Dem Trägerverein sitzt bis heute der ehemalige Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen vor, Vorsitzender des Beirats war zeitweise Helmut Kohl.

[„Enrique Martinez Celaya, Käthe Kollwitz – An Artistic Encounter“, Galerie Judin, Potsdamer Str. 83; bis 4. September, Di–Sa 11–18 Uhr]

Kritiker reagierten reserviert auf die Verquickung von Museum, Politik und Handel. Aber das kleine Haus hat sich behauptet, zunächst aus privaten Mitteln. Seit 2014 erhält es institutionelle Förderung vom Land Berlin.

Am Ende kam dennoch ein Bruch. Das Ehepaar Fritsch fühlte sich vom Trägerverein gedrängt, seine Sammlung im Museum zu belassen und zog die Bilder ab. „Das hätte nicht so laufen müssen“, sagt Martin Fritsch heute. „Die Sammlung hätte als Stiftung oder Schenkung im Museum bleiben können. Das ist durch ungeschicktes Verhandeln verwirkt worden.“

The Fritsch Collection lagert jetzt im Kunstdepot

Als „Affront“ empfand der Sammler auch den Plan von Vermieter Bernd Schultz, dem Nachbarn vom Auktionshaus Grisebach, im Haus des Käthe-Kollwitz-Museums ein Exil-Museum einrichten zu wollen. Die Diskussion ist inzwischen vom Tisch. Aber die Räume sind eng geworden. Das Käthe-Kollwitz-Museum wird unter der Leitung seiner jetzigen Direktorin Josephine Gabler nächstes Jahr in den Theaterbau am Schloss Charlottenburg umziehen.

The Fritsch Collection, wie die Sammlung inzwischen heißt, lagert jetzt im Kunstdepot. Die lichtempfindlichen Blätter können nicht dauerhaft an der Wand hängen. Das Sammlerehepaar hat hochwertige Faksimiles anfertigen lassen, um damit zu arbeiten. Regelmäßig treffen Leihanfragen ein.

In Potsdam hat sich Martin Fritsch noch einen Jugendtraum erfüllt – eine eigene Galerie, den Kunstsalon Chiericati direkt neben dem Museum Barberini. Dort zeigt er mit einem Partner Gemälde und Antiquitäten, wenn er nicht mit seiner Frau im Engadin über die Berge wandert. Das klingt entspannt. Aber wie viele Sammler plagt auch Martin Fritsch die Frage, was aus der Sammlung langfristig wird. „Das ist noch nicht entschieden. Wir wissen es noch nicht.“

Vielleicht ist Käthe Kollwitz wieder ein guter Leitstern mit ihrer Zähigkeit, die richtige Lösung zu finden: „Sie hat lange gerungen“, sagt Martin Fritsch, „bis sie zur endgültigen Form gelangt ist“. Simone Reber

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