Der polnisch-ungarische Pianist Piotr Anderszewski. Foto: Simon Fowler/Warner
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Der Pianist Piotr Anderszewski Reise ins Innere

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Mikrokosmos als Makrokosmos: Piotr Anderszewski erkundet Bach und Beethovens Diabelli-Variationen, im Berliner Kammermusiksaal.

Beethovens Diabelli-Variationen sind eine Weltreise; der 33-teilige Zyklus durchquert Kontinente, reißt Horizonte auf. Piotr Anderszewski verweigert die Tour de Force allerdings. Beim Recital im Kammermusiksaal lädt er lieber zur Reise ins Innere. Zur Seelenwanderung im abgedunkelten Raum, mit dem Ziel eines zutiefst persönlichen Bekenntnisses, der Variation Nr. 31, jenem von stillem Schmerz getränkten Largo, behutsam vorgetragen mit ersterbenden Schlüssen. Anderszewski spielt mit hochgeschlagenem Kragen, fast scheut man sich, ihm zuzuhören. Ist ein derart intimer Moment überhaupt für fremde Ohren bestimmt? Die letzte Variation, die Rückkehr zum Thema mit seinen hüpfenden Vorschlägen und der pochenden Dynamik, transzendiert den Walzer denn auch, lässt ihm einen Astralleib angedeihen.

Der polnisch-ungarische Pianist ist ein Meister der Anschlagskultur, der die erkundend-natürliche Diktion nie seinem Anspruch auf Vollkommenheit opfert. Dem – nicht immer gelingenden – minutiösen Austarieren seiner Crescendi, den homöopathisch dosierten Rubati, den harschen Lautstärke-Kontrasten oder auch nahtlosen Übergängen zwischen schwerelosem Spiel und gemeißelten Tönen haftet immer auch Demut an. Demut vor dem, was sich dem virtuosen Zugriff entzieht, vor dem unerhörten, unspielbaren Rest.

Nie trumpft Anderszewski auf oder zelebriert Vergeistigung, weder bei der wie ein Kondukt schwer an sich tragenden ersten Variation, noch beim Pointillismus der Presto-Trillerketten (Nr. 10) oder dem Vivace (Nr. 13) mit seinen eingebauten Schrecksekunden. Die tausendfach erzählte Geschichte vom Klavierwettbewerb 1990 in Leeds mag er dennoch nicht mehr hören. Der damals 21-Jährige stand mitten im Halbfinale vom Klavier auf und ging – weil er seine Diabelli-Variationen nicht gut fand.

Als Zugabe spielt Anderszewski eine späte Beethoven-Bagatelle

Im Kammermusiksaal lässt Piotr Anderszewski die Musik ein Selbstgespräch führen. Mit Beethovens keckem Mozart-Zitat aus „Don Giovanni“ in Variation Nr. 22, klar. Aber auch bei den Hommagen an Bach, in der Fughetta (Nr. 24) wie der Doppelfuge (Nr. 32). Mit sechs Präludien und Fugen aus dem „Wohltemperierten Klavier“ hatte er den Abend eröffnet, sie ihrerseits zum Zyklus erklärt und das Es-Dur-Präludium umgekehrt mit Mozartschem Flow versehen. Bachs Polyphonien begreift Anderszewski ebenfalls als unaufhörlich sich variierende Suchbewegung, bei der die Wahrheit mal im trotzigen Einspruch aufblitzt, mal beim behutsamem Umkreisen und Beäugen eines Fugenthemas, mal freundlich parlierend, mal tastend und stockend wie bei der dis-Moll-Fuge.

Als Zugabe dann Beethovens späte Bagatelle op. 126 Nr. 1. Auch das ein einziges Sinnieren, ein kurzes sich Verlieren und Wiederfinden.

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