Kanadier mit polnischen Wurzeln: Jan Lisiecki, Jahrgang 1995. Foto: Imago/Michal Kamaryt
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Der Pianist Jan Lisiecki Seelenreise mit Frédéric Chopin

Die geheime Logik der Träume: Jan Lisiecki und sein Chopin-Recital im Berliner Kammermusiksaal.

Erstmal Tabula rasa machen. Jan Lisiecki fegt jede Chopin-Seligkeit wütend vom Tisch. Der Auftakt-Etüde von op.10 als Protestnote korrespondiert die furiose „Revolutions-Etüde“ zum Abschluss des Abends: Mit den Ecksätzen seines Recitals im Berliner Kammermusiksaal macht der kanadische Pianist mit polnischen Wurzeln unmissverständlich deutlich, woran ihm bei seinem Landsmann weiterhin gelegen ist.

Von wegen Salonmusik, Fréderic Chopin versteht Lisiecki seit seiner ersten Chopin-Einspielung bei der Deutschen Grammophon 2013 als Meister der Charakterstücke. Dessen zwölf Etüden aus op. 10 versetzt er nun mit elf Nocturnes und spannt sie zum Zyklus zusammen, zur Seelenreise voller Abgründe und lichter Momente, mit offenen, fragenden Schlüssen.

Der 27-Jährige, der wegen seiner feinen, zurückhaltenden Art im Pianisten-Dreigestirn der Jungstars neben dem tiefgründigen Daniil Trifonov und dem expressiven Igor Levit in der öffentlichen Wahrnehmung zu Unrecht etwas zurücksteht, entwickelt die seismographischen Erschütterungen mit stupender Anschlagstechnik aus dem Notentext der kurzen Stücke. Meißelt Melodien aus Akkordblöcken, legt schwere Schatten über die Träumereien, tupft Arpeggien-Gespinste. Das Tempo der a-moll- und der F-Dur-Etüde aus op. 10 steigert er ins Groteske und rückt Chopin kurz in die Nähe von Erik Satie.

Wobei die innere Spannung, die sich auch in seiner Körperspannung zeigt – es hebt ihn öfter vom Klavierstuhl empor – bei den Etüden noch mehr überzeugt als bei den Nocturnes.

Lisieckis Agogik, die Rubati, seine ausgefeilte Pedaltechnik und sein Faible für die Mittelstimmen – am Schluss des Nocturnes op 48. Nr. 1 kehrt er die Mollterz hervor – bleiben frei von Manierismus. Pathos und Pose sind ihm fremd, sein Spiel wahrt einen natürlichen Pulsschlag.

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Ein atmender Chopin, Ausdehnung und Verdichtung folgen einer bezwingenden, inneren Logik. Ebenso die Stimmungsumschwünge, wenn sich ein harter Anschlag unvermutet pulverisiert, wenn der emotionale Kern der E-Dur- Etüde von op. 10 per Explosion freigelegt wird oder das Thema des ebenso populären b-moll-Nocturnes op. 9 Nr. 1 am Ende in kosmische Sphären gelangt.

Wie so oft schenkt Jan Lisiecki dem euphorischen Publikum eine Zugabe, nicht mehr: ein schlichtes, schmerzhaftes Nocturne des ebenfalls polnischen Komponisten Jan Paderewski.

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