Der 1952 in Chicago geborene George Lewis zählt in den Siebzigern schon zu den führenden Figuren des Avantgarde-Jazz. Foto: Patricia Hofmann
© Patricia Hofmann

Der Komponist George E. Lewis bei Maerzmusik „Klassische Musik ist längst multikulturell“

Andreas Hartmann

Der amerikanische Komponist George E. Lewis pflegt eine lange Beziehung zu Berlin. Im Interview spricht er über die Afro-Diaspora und das Festival Maerzmusik.

Mister Lewis, Sie sind gerade Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Unter anderem wollen Sie hier eine Oper schreiben, die auf Themen aus einer Science-Fiction- Geschichte des afroamerikanischen Autors W.E.B. Du Bois und einer Oper von Claudio Monteverdi basiert. Wie kommen Sie voran mit der Arbeit?
Es hat sich alles verschoben. Die Premiere der Oper genauso wie meine Arbeit an dieser. So ist das eben mit Corona. Aber ich habe auch so genug zu tun, gerade habe ich ein paar Artikel geschrieben und arbeite an einem neuen Stück für Orchester. Manchmal ist es schwer, sich während des Lockdowns zu konzentrieren. Ich war zuerst in New York, jetzt in Berlin, habe also zwei verschiedene Formen von Lockdowns erlebt und manchmal fühlt man sich da etwas orientierungslos. Vielleicht sollte ich ein Stück über diesen Zustand komponieren.

Wie war der Lockdown in New York im Vergleich zu dem nun in Berlin?
Ich war im Lockdown in New York, als Donald Trump noch Präsident der USA war. Also war es nie ganz klar, ob da wirklich jemand sinnvoll versuchte, etwas gegen Corona zu unternehmen. Und es hat sich dann auch herausgestellt, dass da nichts lief, der Präsident hat die Gefährlichkeit des Virus ja verleugnet. In Berlin ist die Situation ganz anders. Hier wird etwas getan, aber es scheint so zu sein, als sei die Bekämpfung der Pandemie schwieriger, als sich die Regierung das vorgestellt hatte. In New York haben wir jedes Paket desinfiziert, das wir erhalten haben. Wir sind nicht zum Einkaufen gegangen und nie nach draußen, ich war zwei Monate lang nicht außerhalb meiner Wohnung. Dabei lebe ich direkt neben dem Central Park, war aber während des Lockdowns nicht einmal dort. Hier dagegen gehe ich normal einkaufen, spazieren in den Parks und treffe Leute unter Corona-Bedingungen.

Sie haben eine langjährige Beziehung zu Berlin und sind immer wieder hier aufgetreten. Im Ostteil Berlins sogar, als die DDR noch existierte. Es gibt da etwa diese Platte „Berlin Tango“, die sie gemeinsam mit dem Gitarristen Joe Sachse und dem Vokalisten und Perkussionisten David Moss Mitte der Achtziger im damaligen Haus der jungen Talente eingespielt haben.
Oh ja, aber das ist nicht die einzige Platte, die noch in der DDR entstanden ist. Schon 1984 spielte ich eine im Berliner Ensemble in Ost-Berlin ein – zusammen mit Heiner Goebbels damaliger Band Duck And Cover. In der Zeit trat ich noch regelmäßig auf als Musiker, was ich heute nicht mehr so viel mache. Ich komme eigentlich seit den Siebzigern immer wieder nach Berlin. Auch um Freunde aus den USA zu besuchen, die hierhergezogen sind. Aber jetzt lebe ich zum ersten Mal in der Stadt, was mich sehr freut. Berlin ist wunderbar, gerade einer der zentralen Kulturorte der Welt.

Für das nun beginnende Festival Maerzmusik, das online stattfindet, haben Sie ein Programm mit zeitgenössischer Musik afrodiasporischer Komponisten kuratiert. Außerdem werden Sie zwei Diskussionen über afrodiasporische Musik leiten, die im Bereich der Neuen Musik nur wenig sichtbar ist. Wie kamen Sie zu dem Thema?
Zwischen 2017 und 2018 war ich Teil eines Projekts, das sich „Defragmentation“ nannte. Dabei ging es um die Frage, wie zeitgenössische Musik in Deutschland und überhaupt in Europa stärker dekolonisiert werden und sie besser mit Fragen von Diversität umgehen könnte, bezüglich Gender, Ethnizität und so weiter. Ich hatte festgestellt, dass es eine Abwesenheit afrodiasporischer Komponisten in der zeitgenössischen Musik gibt. Bei Konzertprogrammen in Europa konnte man einfach keine Aufführungen schwarzer Komponisten finden.

Was mir seltsam vorkam, weil das nicht meiner Erfahrung in den USA entsprach. Ich habe mir dann Wege überlegt, um an diesem Thema zu arbeiten. So kontaktierte ich das Ensemble Modern, eine fantastische Gruppe, und wir kamen auf die Idee, ein Programm zu kuratieren, das wir „Afro Modernism“ nennen. Womit nicht speziell afroamerikanische und auch nicht afrikanische Musik gemeint ist, sondern Musik aus der Afro-Diaspora in der ganzen Welt. Es gibt schließlich Afro-Deutsche hier, Schwarze, die im UK aufgewachsen sind, in der Schweiz, Kuba, Südafrika, den USA. Und alle sind zeitgenössische Komponisten. Aber aus irgendwelchen Gründen sind sie kaum präsent.

(Das MaerzMusik-Festival ist vom 19. bis zum 28.März via Stream zu sehen)

Sie lassen das Ensemble Modern Stücke von Hannah Kendall, Jessie Cox, Daniel Kidane, Tania León und anderen spielen. Sind diese afrodiasporischen Komponist:innen alle gleich unsichtbar?
Tania León zum Beispiel ist eigentlich sehr sichtbar, Jessi Cox dagegen ist sehr jung, also noch gar nicht bekannt. Alvin Singleton lebte in Graz für 15 Jahre und ist durchaus ein großer Name. Aber es geht mir gar nicht so sehr um einzelne Individuen, sondern eher um eine ganze ethnische Gruppe, die im Musikbetrieb der zeitgenössischen Klassik fehlt. Und um die fehlende Präsenz von afrodiaspirischer Geschichte, um den Mythos, dass – wenn so wenig von diesen Leuten aus der Afrodiaspora gespielt wird – es vielleicht einfach daran liege, dass es kaum afrodiasporische Komponisten gibt. Mich interessiert die Frage, wie sich die zeitgenössische Musik öffnen kann für andere musikalische Historien. Und ich glaube, die Leute sind auch bereit dafür, diese besser kennenzulernen. Denn die Musik dieser afrodiasporischen Komponisten ist großartig, also lasst sie uns sichtbarer machen.

Glauben Sie, es wird einfach immer noch zu stark in Klischees gedacht? Dass gesagt wird: zeitgenössische klassische Musik kommt aus einer weißen europäischen Historie, Schwarze sind eher dem Jazz oder afrikanischen Musiktraditionen verhaftet?
Es stimmt, Schwarze haben das Jazz-Label aufgedrückt bekommen. Und dieses Label wurde zum Stereotyp. Aber das größte Stereotyp ist, dass es in der klassischen Musik keine schwarzen Komponisten gäbe. Ich spreche dabei nicht von Performern oder Sängern, das ist etwas anderes. Ich spreche von Komponisten, so wie ich einer bin. Diese Stereotypen helfen einfach nicht weiter.

Sie plädieren für eine „Kreolisierung“ zur Durchbrechung dieser Stereotypen. Was genau bedeutet dieser Begriff für Sie?
Klassische Musik wird längst in der ganzen Welt gespielt, auch in Afrika, auch in Asien. Und doch gibt es immer noch die allgemein verbreitete Vorstellung, alles drehe sich in der zeitgenössischen Musik um Europa. Aber in Wahrheit ist diese Musik längst multinational und multikulturell. Diese Kreolisierung, diese Vermischung unterschiedlicher Musiktraditionen, ist längst ein Fakt, aber der muss einfach noch stärker anerkannt werden von den Leuten im Bereich der zeitgenössischen Musik. Ich meine damit weniger von den Komponisten selbst, sondern von den Veranstaltern, den Institutionen, den Journalisten, Musikphilosophen und Akademien.

Ein Panel beim Maerzmusik-Festival werden sie auf Deutsch moderieren. Nervös?
(spricht auf Deutsch) Ich habe schon als kleines Kind angefangen, Deutsch zu lernen. Auch bei meinen Konzerten in Berlin habe ich mit den anderen Musikern aus Deutschland meist Deutsch gesprochen. Und ich lese jeden Tag den Tagesspiegel, das ist Teil meines Deutschunterrichts. Jeden Tag lese ich den Corona- Überblick.
Das Gespräch führte Andreas Hartmann. Maerz Musik.

Zur Startseite