Der Dichter Sascha Anderson. Foto: dpa/Maurizio Gamberini
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Der Dichter Sascha Anderson Die Sphinx vom Prenzlauer Berg

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Sascha Anderson stellt in Frankfurt/Main seinen neuen Gedichtband vor. Er kokettiert noch immer mit dem Nimbus des janusköpfigen Künstlers.

Nach diversen Comebacks hat sich dieser Dichter seinen Platz selbst zugewiesen – direkt neben den alten Meistern. Das Licht der Aufklärung war nie seine Domäne. Er bevorzugt wie sein poetischer Hausgott, der „atemlose Zappelphilipp“ Novalis, das Dunkle, das Rätselhafte, die ewigen Hymnen an die Nacht: „Das Licht ist mir fremd, weil es, wie der Sieger der Geschichte, unfähig ist, Abstand zu halten. Ich bin mir, schmerzlos und philosophisch, fremd wie ein Kinderspielzeug im Herbstkatalog von Manufactum.“ Sascha Anderson ist sich und uns fremd geblieben. Als Sphinx der alten DDR-Boheme sorgte er in den Neunzigern für Aufregung: Der faszinierende Charismatiker der Prenzlauer Berg-Szene war auch ein Verräter, ein fleißig Berichte liefernder Stasi-Spitzel.

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall kokettiert Anderson noch immer mit dem Nimbus des janusköpfigen Künstlers. Sein neuer, bei Weissbooks erschienener Gedichtband trägt einen Titel, der zwischen narzisstischem Pathos und Eskapismus oszilliert: „So taucht Sprache ins Sprechen ein, um zu vergessen.“ Bei der Premiere seines Buchs in der Villa Metzler in Frankfurt am Main spricht Anderson nicht mit den alten Kumpanen aus dem Prenzlauer Berg, sondern mit einem Vertreter der konservativen Intelligenz, dem Ex-„FAZ“-Redakteur Lorenz Jäger.

Anderson ist nervös, aber Jäger weist die Richtung – hin zur illustren Schar philosophischer und poetischer Kronzeugen, die der Lyriker in seinen Gedichten aufruft und hinter denen er sich auch zu verbergen weiß. Kein Gedicht, das nicht mindestens zwei Prunkzitate integriert, bevorzugt von Herder, Schopenhauer, Novalis oder auch mal von Rolf Dieter Brinkmann, Thomas Brasch oder Kathy Acker. Dieser Dichter wohnt in einem Hallraum aus Fremdstimmen. Er betont mehrfach seine Prägung durch das russische und estnische Sprechen im Haus seiner Großeltern, durch frühe Lektüren russischer Klassiker, wie das Märchen von der rätselhaften Waldfrau Baba Jaga.

Läuterungsberg? Zu beschwerlich. Dann lieber Heldenberg

In diesem sorgfältig erbauten poetischen Resonanzraum gibt es aber auch Platz für den Auftritt als metaphysisches Orakel: „Die Transzendenz scheint ein unberührbarer Steinbruch zu sein, / an den der Muschelsammler sein Ohr legt.“ Der hohe Ton ist Programm. Lorenz Jäger treibt ihn auf die Spitze, indem er im Stil des George-Kreises Andersons Verse in Hexametern psalmodiert.

Im Zyklus „Heldenbergen II“ bastelt Anderson unter Hinweis auf den Läuterungsberg in Dantes Commedia eine Geschichtsmetaphysik, die einen objektiven Verfallsprozess der Geschichte suggeriert, frei von persönlicher Verantwortung Einzelner: „Und ich sehe nicht ein, wozu // die am Rand der Galaxis, im Zentrum von Brest-Litowsk, / verortete Erde / sich dreht. Ein Drehgestelltausch an der Grenze, mag sein, gerade / noch so, ja, vielleicht, aber die Rückkehr zu irgendeinem / Weltbild macht nach der Verwüstung Streu-/ salz statt Sand] des Läuterungsbergs keinen Sinn.“ Der lange Weg zum Läuterungsberg hinauf, so darf man wohl schlussfolgern, ist dem Dichter dann doch zu beschwerlich.

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Sascha Anderson: So taucht Sprache ins Sprechen ein, um zu vergessen. Gedichte, Weissbooks, Berlin 2019, 80 Seiten, 18 Euro.

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