Kolumnist der "New York Times". Der an der Columbia University lehrende Anglist und Komparatist John McWhorter. Foto: Eileen Baroso
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Debattenkultur Weißer Tugendterror

Der Schwarze Anglist John McWhorter wehrt sich gegen die Erlösungsfantasien des woken Antirassismus.

Anonyme Alkoholiker beginnen ihre Sitzungen mit einem Ritual. Wer sich mit seinem Vornamen vorstellt fügt ein Bekenntnis an: „Ich heiße Tom, und ich bin Alkoholiker“. Nach diesem Muster verfuhren am 28. August 2020 die Dozentinnen und Dozenten der juristischen Fakultät der Northwestern University im US-Bundesstaat Illinois bei einem virtuellen Townhall Meeting.

Jede der offenbar sämtlich weißen Personen, die sich vorstellte, fügte ihrem Namen ein Geständnis hinzu wie: „Ich heiße Emily M., und ich bin eine Rassistin, eine Türhüterin der weißen Suprematie. Ich arbeite daran, mich zu bessern.“ Oder: „Ich heiße Sara S. und ich bin Rassistin. Ich versuche, mich zu bessern.“ Der Dekan nannte seinen Namen schlicht mit dem Zusatz: „I am a racist.“

John McWhorter, Schwarzer, Autor, und Professor für Linguistik an der New Yorker Columbia University, zitiert diese Episode in seinem streitbaren Buch „Die Erwählten“ als ein Beispiel für den in seinen Augen entgleisten „Kult“ des Antirassismus, der Züge einer religiösen Erweckungsbewegung angenommen habe.

Symbolischer Kniefall

Zu solchen Ritualen zählt McWhorter etwa auch den Kniefall von Sportlern, den sie als Zeichen der Protesthaltung gegen Rassismus vollführen, seit der Quarterback Colin Kaepernick diese Geste 2016 vor einem Spiel als erster machte, und niederkniete, während sich alle im Stadion zum Klang der Nationalhymne erhoben.

[John McWhorter: Die Erwählten. Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet. Aus dem amerikanischen Englisch von Kirsten Riesselmann. 256 Seiten, 23 €.]

Mit symbolischen Aktionen wie diesen geht McWhorter hart ins Gericht, wie generell mit dem üblich gewordenen Beklagen „weißer Privilegiertheit“ oder den Demutsgesten Weißer gegenüber Schwarzen. Seine zwei Kernthesen lauten, erstens: Weiße suhlen sich damit nur sinnlos in ihrer „Erbsünde“ und ewigen Schuld, so wie Schwarze sich in ihrem Opferstatus.

Zweitens: Die Wokeness bewegt in der Praxis rechtlich wenig oder so gut wie nichts, sie berauscht sich an sich selber, ohne die Grundlagen der Ungerechtigkeit, etwa im Bildungssystem, anzugreifen. Kaum ein Wort ist ihm da zu scharf. Weiße Selbstgeißelung, das macht McWhorter mehr als klar, ist ihm primär peinlich. Sie „kontaminiert“ den öffentlichen Diskurs, sie setzt Schwarze wie ihn herab und reduziert sie zu Objekten des Mitleids und weißer Rettungsfantasien: „Herablassung als Respekt“.

Frömmelnde Tugendhaftigkeit

Vielmehr sende die weiße Reue vor allem „frömmelnde, nicht-empirische Tugendhaftigkeitssignale zum Thema Race. Mit einem Wort: Der Third Wave Racism der Gegenwart ist laut McWhorter im Prinzip ein selbstverliebter Tugendterror. Nicht nur in der akademischen Community und in den Medien sorge das für ein Klima der Angst, des Verdachts, und der „Inquisition“, wie McWhorter schreibt. An Widersprüchlichkeit mangelt es dem woken Antirassismus nicht, führt er aus, während er dessen Argumentationsketten zerlegt.

Er zitiert gängige Dogmen: „Zu Rassismus zu schweigen ist Gewalt. Die Stimme der Unterdrückten muss lauter zu hören sein, als Ihre eigene. Sie müssen ewig danach streben, die Erfahrungen Schwarzer Menschen zu verstehen.“ Jedoch: „Sie werden nie verstehen, wie es ist, Schwarz zu sein; und wenn sie sich einbilden, das zu können, ist das rassistisch.“

Da gebe es für Weiße keinen Ausweg, sie könnten noch so viele Freunde unter Schwarzen haben, im Zweifelsfall werde ihnen das als „exotistisch“ angelastet. Besonders im Visier hat McWhorter woke Autoren wie Ta-Nehisi Coates, Ibram X. Kendi und Robin DiAngelo mit ihrem Buch „Wir müssen über Rassismus sprechen“.

McWhorters aufgebrachte Widersacher halten ihm vor, dass auch und gerade symbolische Aktionen ihren Teil dazu beitragen, dass Bewusstsein für Rassismus wächst, dass Benachteiligung und Diskriminierung erkannt werden, und sich auch dadurch die realen Verhältnisse wandeln. Ja, räumt er ein, und das tut der gefragte Intellektuelle inzwischen häufiger, Antirassismus ist selbstverständlich eine gute Sache, eine richtige, eine legitime, eine notwendige.

Neorassistisches Posieren

Daran will auch McWhorter keineswegs rütteln, wenn er sich hier mit jenen anlegt, denen er „neorassistisches Posieren“ vorwirft, das er als „Bedrohung des progressiven Amerika“ ansieht – so der Untertitel des Buches, dessen voller Titel im Englischen lautet: „Woke Racism: How a New Religion Has Betrayed Black America“.

Doch es bedarf laut McWhorter völlig anderer Strategien, um Ungleichheiten zu ebnen und mehr gesellschaftliche Gerechtigkeit zu schaffen. Schwarzen Kindern, die in der Schule schlecht abschneiden oder als Rowdies auffallen, sei keineswegs damit gedient, dass bei Versagen das Notenniveau abgesenkt, die Toleranzschwelle angehoben werde. In den Vereinigten Staaten hängt die Qualität von Schulen davon ab, wie hoch das Steuereinkommen einer Region ist. Je höher, desto besser das Angebot an Bildung.

Gegen diese schreiende Ungerechtigkeit, das fällt einem beim Lesen ein und auf, geht in Amerika offensichtlich bisher niemand auf die Straße. Schon dieses Gefällt zementiert jedoch Ungleichheit und perpetuiert die fatale Selbstrekrutierung der Milieus.

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Furor und Gegenfuror

Auch hätten die Communities von Schwarzen keinen Nutzen davon, argumentiert McWhorter, wenn sie sich ausschließlich über weiße Polizeigewalt ereifern, so furchtbar diese ist, doch die erheblich höhere Quote mörderischer Gewalt von Schwarzen gegen Schwarzen ohne Aufstand und Widerstand hinnehmen.

Warum? Derlei Fragen seien im woken Kult, typisch für Religionen, komplett tabu. In seinem Sichsträuben gegen den Furor der Wokeness gerät McWhorter streckenweise in einen, mal amüsiert, mal verzweifelt wirkenden Gegenfuror. Dennoch ist sein kluges Buch ein wunderbar erfrischendes Antidot wider die Aporien gegenwärtiger Ideologien, wie sie nicht allein in Amerika zirkulieren, sondern auch in Europa.

Dazu hat ein alter weißer Mann, der Politikwissenschaftler Claus Leggewie, 2015 im Interview mit der „tageszeitung“ als überzeugter Europäer erklärt, es schmerze ihn, „wenn Europa postmodern, postkolonial, postwestlich, postdemokratisch ,dekonstruiert’“ werde.

Wenn „dieser Kontinent sich als alt, als dekadent, als schuldbeladen deklassieren lässt durch die eigenen Intellektuellen. Dass eine gebildete, ressourcenstarke Generation, wenn es um Europa geht, nur müde sagt: Brüssel ist Mist. Darüber bin ich empört.“ Wenn das nicht aktuell ist, was dann.

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