Vom Ton zum Tanz. Die Tänzer:innen performen insgesamt 53 verschiedene Bewegungsfiguren. Foto: Jo Glinka
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Das Tanztheater in Zeiten von Corona Sasha Waltz hat ein neues Stück choreografiert

1964 komponierte Terry Riley das erste Werk der Minimal Music. Sasha Waltz hat es in Bewegung übertragen.

Während des Shutdowns hat sich Sasha Waltz zusammen mit ihrem Mann Jochen Sandig viel Musik angehört. Als Sandig ihr Terry Rileys Stück „In C“ vorspielte, war die Choreografin begeistert. „Ich fand spannend, wie die Partitur mich einlädt, damit umzugehen“, sagt Waltz am Telefon.

Die Komposition von 1964 gilt als erstes Werk der Minimal Music. Sie besteht aus 53 musikalischen Figuren in C Dur; die Größe des Orchester kann variieren. In dem Werk lassen sich Einflüsse der Hippie-Bewegung erkennen. „,In C’ war für mich der Versuch, Demokratie in die Ensemblemusik zu bringen“, sagte Riley über seine berühmtestes Werk. „In eine Musik, in der es keinen Dirigenten gibt, wo jeder zuhören und mit dem anderen zusammenspielen muss.“

Das System besteht aus 53 Bewegungsfiguren, die variieren

Waltz hat die Instruktionen für die Musiker:innen auf den Tanz übertragen und ein System aus 53 Bewegungsfiguren entwickelt. Für die Choreografin ist der Raum hinzukommen. Deshalb gibt sie den Tänzer:innen Anweisungen, wie sie die Figuren bearbeiten können.

„In C“ entwickelt Drive. Die rhythmischen Muster schieben sich ineinander, bis ein komplexes Klanggewebe entsteht. Die hochenergetische Musik sei perfekt geeignet, um die Tänzer:innen nach der langen Shutdown-Phase wieder auf den erforderlichen Trainingsstand zu bringen, erzählt Waltz. Die Musik verlange auch geistige Arbeit. Die Tänzer:innen sind gehalten von der Struktur, haben aber Freiheiten. Sie können entscheiden, wie lange sie die einzelnen Figuren im Raum auslegen. Sie sollen aber nicht herausstechen – „In C“ ist ein Ensemblestück.

Wie weit geht unsere Freiheit? Was gefährdet die Gruppe?

Gerade weil es um das Wechselspiel aus Freiheit und Verantwortung gehe, sei es ein perfektes Stück für die Corona-Zeit, erläutert Waltz. „Wir sind als Kollektiv abhängig voneinander. Wie weit geht unsere Freiheit? Wie weit können wir uns vorwagen, ohne die Gruppe, das Ensemble zu gefährden?“

Die Reihenfolge ist festgelegt, die Tänzer:innen wandern durch die Partitur von Figur 1 bis 53. Die Figuren wurden mit zehn Darsteller:innen erarbeitet, die in Berlin wohnen. Bis auf eine Ausnahme: Eine Tänzerin hat sich von ihrem Studio in Italien aus per Zoom zugeschaltet.

Bei den Proben war eine Tänzerin aus Italien zugeschaltet

„Das war eine interessante Erfahrung, die Tänzerin in die Gruppe zu integrieren, sie im Raum zu bewegen mit dem iPad, so dass sie auch mit dem Drive geht“, sagt Waltz. Für die zweite Phase kam die Tänzerin nach Berlin; zuvor hatte sie sich in Italien auf Corona testen lassen.

Waltz fühlt sich nicht nur für die fest angestellten Tänzer:innen verantwortlich. Um auch die Freien mit Aufgaben zu versorgen, hat sie zu jeder der 53 Figuren ein Video-Tutorial entwickelt und an diejenigen geschickt, die gerade nicht in Berlin sind. Klimapolitische Erwägungen spielten dabei auch eine Rolle: „Im Hintergrund war der Gedanke, dass man weniger reisen und trotzdem etwas entwickeln kann."

„In C“ sei durch die variable Struktur eine Partitur für Tanz, keine fertiges Bühnenstück. Das Ergebnis der ersten Arbeitsphase ist am 6. März um 20 Uhr im Livestream zu erleben (www.radialsystem.de). Sasha Waltz verwendet eine Aufnahme des New Yorker Musikkollektivs Bang on A Can, das verstärkte Instrumente aus aller Welt einsetzt.

„In C“ hat Potenzial, das Stück taugt auch für Kinder und Nichttänzer

Das Streamen ist ein erster Schritt. Waltz hofft, das Stück bald vor Publikum aufzuführen – mit Livemusik. Geplant sind weitere Versionen. „,In C’ hat großes Potential. Mir schwebt vor, daraus etwas für Kinder und Nichttänzer zu machen.“ Sie träumt von einer erweiterten Version, bei der ein großes Feld an Bewegung entsteht. Die Freien könnten dann gleich einsteigen.

Wie andere Choreograf:innen auch hat Waltz in den letzten Monaten darüber nachgedacht, wie sie ihre Arbeit modifizieren kann, um kreativ zu bleiben. „In C“ ist mit seiner variablen Struktur ein guter Ausgangspunkt für Experimente unter Corona-Bedingungen. Für die Proben hat Waltz ein Hygienekonzept ausgearbeitet: zwei Mal wöchentlich PCR-Tests, gearbeitet wird mit einer festen Gruppe.

Mit dem Testprogramm hat Waltz schon letzten Sommer begonnen. Bislang wurde nur ein Tänzer positiv getestet. Mittlerweile erlaubt sie ihren Tänzer:innen sogar Nähe. „Aber das ist kein Kontakt, wie man es aus meiner Arbeit kennt.“ Eingeschränkt gefühlt habe sie sich nicht, sagt Waltz. Auch in früheren Arbeiten habe sie sich selbst Begrenzungen gesetzt. Im Sommer zeigte sie eine Corona-konforme Version ihres „Sacre“.

„Wir müssen uns mehr trauen“, fordert Sasha Waltz

Bislang hat Waltz die Auflagen als Herausforderung angesehen. Doch nun kritisiert sie den Umgang mit der Pandemie. „Wir müssen uns mehr trauen, auch wenn es die Mutanten gibt. Studien belegen, dass im Konzertsaal und Theater, wenn das Publikum Maske trägt, die Infektionsgefahr geringer ist als im Supermarkt.“

Sie schlägt vor, ein Theater für zwei Wochen zu öffnen und danach zu prüfen. „Man müsste mehr testen und die Schnelltests in den Ticketpreis einspeisen. Es geht nicht mehr so weiter, dass die Theater zu sind. Wir können nicht so verharren. Es ist eine Art Starre!“

Ein Arbeitsschutzkonzept für Proben unter körpernahen Bedingungen liegt seit Anfang Februar vor. An dem „Berliner Modell Tanz“ haben auch das Staatsballett, der Friedrichstadtpalast, das HAU, das Maxim Gorki und die Volksbühne Berlin mitgewirkt. Auch der Hygiene-Experte Florian Kainzinger, der Sportvereine berät, war beteiligt.

Finanziell kommt Sasha Waltz über die Runden - noch

Im Sommer hat Waltz das Staatsballett verlassen. Nun kann sie sich ganz um Sasha Waltz & Guests kümmern. „Wenn wir im Arbeitsmodus sind, haben wir einen starken Zusammenhalt“, sagt sie. Ihren Tänzer:innen hat sie schon beim ersten Shutdown Aufgaben gestellt und sich digital ausgetauscht.

Finanziell konnte Waltz ihr Ensemble mit rund 25 Mitarbeiter:innen, davon sieben Tänzer:innen, über Wasser halten, auch dank Kurzarbeit. Durch die Absage von Gastspielen und Vorstellungen sind jedoch fast alle Einnahmen weggebrochen. Die neue Produktion „In C“ ist minimal kalkuliert.

„Das ist ein Zurück in die 90er“, sagt sie lachend und besinnt sich auf ihre Anfänge in der freien Berliner Szene. Mit „In C“ schlägt Waltz eine neue Richtung ein. Und ist überzeugt, dass das Stück positive Energien weckt. Die bräuchten wir im Moment dringend.

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