Robin Ticciati, der 35-Jährige fand einst in Simon Rattle einen Förderer. Foto: DSO
p

Das Deutsche Symphonie-Orchester mit Robin Ticciati Auf der Leinwand des Klangs

0 Kommentare

Der Brite Robin Ticciati startet mit einer grandiosen Ravel-CD in seine zweite Spielzeit als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters.

Wer diese Aufnahme von Maurice Ravels „Daphnis et Chloé“-Suite hört, spürt förmlich, wie Robin Ticciatis Gesichtszüge beim Dirigieren leuchten. Auch im Gespräch hat der 35-jährige Brite die Fähigkeit, sein Gegenüber auf eine entwaffnend offene Weise anzublicken – bei der man unwillkürlich an „Die neuen Leiden des jungen W.“ denken muss. An den Vergleich nämlich, den Ulrich Plenzdorfs Protagonist für die Augen seiner Angebeteten Charlie findet, die ihm wie „Scheinwerfer“ vorkommen. In seiner britischen Künstleragentur, erzählt man sich, nennen sie ihn liebevoll „Radiant Robin“, den strahlenden Robin.

Seit einer Saison leitet Ticciati als Chefdirigent das Deutsche Symphonie-Orchester. Gerade ist ihre gemeinsam produzierte CD erschienen, mit französischem Repertoire, Liedern von Henri Duparc, Ravels „Valses nobles et sentimentales“ und der „Daphnis“-Suite.

Der Dirigent denkt wie ein Maler, die Klänge sollen getupft sein

Das DSO spielt mit ungeheurer Flexibilität, der Dirigent fügt eine ganze Palette delikater Klangfarben hinzu. Technische Präzision und handwerkliche Filigranarbeit verbinden sich mit Eleganz und Durchhörbarkeit – so entsteht der perfekte Ravel-Sound. „In den Proben habe ich vom Malstil des Pointillismus erzählt, bei dem sich die Bilder aus einzelnen, mit dem Pinsel getupften Punkten zusammensetzen“, sagt Ticciati. „Wie detailgenau Georges Seurat oder Camille Pissarro arbeiten, das sieht man, wenn man nahe an die Gemälde herangeht. Aber erst wenn der Betrachter ein paar Schritte zurücktritt, erschließt sich die emotionale Qualität der Bilder.“ Genau so sollte die Musik des Zeitgenossen Ravel klingen.

Weil Orchester kunsthistorische Vorträge im Probenprozess nicht schätzen, hat Robin Ticciati keine Reproduktionen pointillistischer Werke hochgehalten und war zudem bemüht, seine Anmerkungen möglichst kurz zu halten. „Ich versuche, mit wenigen Worten klar zu machen, was ich meine. Wer von den Musikerinnen und Musikern dabei Lust bekommt, auf diesem Weg weiter zu gehen, mehr wissen will, wird es tun. Letztlich muss ich meine Botschaft durch meine Gestik transportieren können.“

Ticciati ist ein Maestro, den der geschichtliche und ästhetische Kontext der Partituren interessiert. Er hat nicht nur Geige, Klavier und Schlagzeug gelernt und sich ab dem Alter von 15 Jahren durch Colin Davis und Simon Rattle zum Dirigenten ausbilden lassen, sondern auch noch in Cambridge Musikwissenschaft studiert. „Als Interpret von Musik möchte ich mit so vielen anderen Kunstformen wie möglich in Berührung kommen – und diese Erfahrungen mit dem Orchester teilen. Ich habe mich wochen-, monatelang mit den Werken und ihrer Entstehungsgeschichte beschäftigt.“

Dass er von Natur aus ein herzlicher Mensch ist und die englische Kunst der verbindlichen Kommunikation pflegt, macht es ihm zweifellos leichter, mit seinen Botschaften durchzudringen. „Das DSO ist ein sehr neugieriges, wissbegieriges Orchester und eines, das Gefühle zulässt“, hat Ticciati in seiner ersten Berliner Spielzeit beobachtet. „Wie ich meine Vision rein körperlich visualisieren kann und wie die Musikerinnen und Musiker darauf reagieren, das ist wundervoll.“ Schließlich geht es in der französischen Musik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts vor allem um Verfeinerung, um eine schwer zu beschreibende, oft schwebende Atmosphäre, die durch feinste Nuancen in der Instrumentalmischung wie bei den Lautstärkerelationen hervorgerufen wird.

Beglückend waren für Ticciati die Aufnahmesitzungen für die Ravel-CD in der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche. „Ich habe meinen ganz eigenen Rhythmus. Mir geht es nicht darum, möglichst lange Abschnitte der Stücke ohne Unterbrechung einzuspielen. Im Gegenteil. Ich finde, dass wir uns die Zeit nehmen sollen, zwischen den Takes immer wieder zu proben.“

Ticciati lässt sich Zeit, er will den Komponisten näher kommen

Darum ermutigt er das Orchester, dabei zu sein, wenn er sich die Zwischenergebnisse vom Tontechniker vorspielen lässt. „Ohne den Zeitdruck vor einem Konzert, bei dem wir zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein müssen, können wir bei den Aufnahmen dem Komponisten viel näher kommen. Auch uns selber“, findet Ticciati. „Wir analysieren uns in diesem Prozess ununterbrochen, hören uns selber zu. Wenn am Ende dann auch noch eine CD dabei herauskommt, umso besser.“ Für März ist bereits das nächste CD-Projekt terminlich fixiert, dann geht es um Maurice Duruflés Requiem und Debussys „Nocturnes“.

Französisches wird in dieser Saison auch bei den Live-Auftritten des DSO eine wichtige Rolle spielen. Gerade hat Ticciati Debussys „Saint Sébastien“ dirigiert. Beim Konzert am heutigen Montag steht „L’après-midi d’un faune“ auf dem Programm, im November folgt Berlioz' „Roméo et Juliette“. Daneben wird der Chefdirigent seine Auseinandersetzung mit Anton Bruckner fortsetzen, ebenfalls am Montag, mit dessen siebter Sinfonie. Und er will wieder eine szenische Aufführung in der Philharmonie wagen, obwohl er viel Kritik für die peinlich-puppenstubenhafte Visualisierung von Berlioz’ „L’enfance du Christ“ im vergangenen Jahr einstecken musste. Wenn er sich im Dezember zusammen mit dem Regisseur Frederic Wake-Walker Händels „Messiah“ vornimmt, soll es weniger naturalistisch zugehen, verspricht Ticciati.

Ticciati will das Brahms-Projekt zu einem Festival erweitern

Das Herzstück seiner zweiten Saison beim DSO aber wird ein Zyklus aller Brahms-Sinfonien – in unmittelbarer zeitlicher Konkurrenz zu Daniel Barenboim und seiner Staatskapelle übrigens. Der Brite allerdings macht das Brahms-Projekt zum veritablen Festival, bei dem es auch um Brahms’ Vorbilder wie Johann Sebastian Bach oder Heinrich Schütz gehen soll. Und um Brahms’ geistiges Erbe, das Ticciati bis in die Gegenwart nachverfolgt. Kronzeuge wird Aribert Reimann sein, der eine Uraufführung beisteuert und Gesprächspartner bei einer Soiree ist, bei der Corinna Harfouch und Tom Schilling aus dem Briefwechsel des Komponisten mit Clara Schumann lesen.

Außerdem lässt Ticciati jede Sinfonie in einer anderen Besetzungsstärke spielen. Die Erste wird am intimsten klingen. Bis zur Vierten fährt dann die Orchestergröße Stück für Stück hoch. „Es gibt kein richtig oder falsch“, betont Ticciati. „Aber ich finde es spannend, die Erste eher beethovenesk zu spielen, die Vierte dagegen mit viel romantischerem Gefühl. Es ist eine Art Roadmap, die verschiedene Klangwelten aufzeigt.“ Sie erschließt sich allerdings nur demjenigen, der den Gesamtzyklus besucht.

Als Ticciati und das DSO im Juni erstmals gemeinsam ein Brahms-Opus erarbeiteten, das Violinkonzert mit Lisa Batiashvili, setzte der Dirigent bewusst das Doppelte der üblichen Probenzeit an, volle sechs Stunden. Um schon einmal den Samen zu säen, der dann hoffentlich beim Zyklus im Februar interpretatorische Früchte tragen wird.

Mehr zum Thema

Am Montag, 24. 9., um 20 Uhr, dirigiert Ticciati in der Philharmonie Werke von Bruckner, Debussy und Lera Auerbach.

Zur Startseite