The World To Come. Dirigent Gijs Leenaars, Rundfunk-Sinfonieorchester und Rundfunkchor während der für die Konzertinstallation. Foto: imago images/Martin Müller
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Crossover-Konzertinstallation Bitte ein Beethoven

Der Rundfunkchor richtet eine Berliner Festmesse nach der „Missa solemnis“ im Kindl-Vollgutlager aus.

Während die klassischen Konzertsäle bei reduziertem Sitzgebot nicht wirklich voll sind, lockt der Rundfunkchor Berlin zu einem Crossover-Projekt in pandemiebedingt verwaiste Eventlocations auf dem Neuköllner Kindl-Areal. Das bekommt unfreiwillig einen schalen Beigeschmack: Wenn die Party vorbei ist, zieht die durch Subventionen geschützte Hochkultur ein und erklärt alles zu Kunst. Dafür können die Veranstalter natürlich nichts, die hier ihrer Auseinandersetzung mit Beethovens „Missa solemnis“ eine weitere, am besten auf neue Publikumsschichten ausstrahlende Facette abringen wollen.

Regisseur Tilman Hecker hat für die Konzertinstallation „The World to come“ eine Reihe diverser Künstlerinnen und Künstler eingeladen. Mohammad Reza Mortazavi, Moor Mother, Planningtorock und Colin Self bringen iranische Trommelklänge, Black Poetry nichtbinären Aktivistenpop und queere Sound-Loopings mit.

Der Weg führt von der Industriehalle in den Club - und retour

Erfassen kann der Zuhörende das alles unmöglich auf einmal, weil er sich auf einem Parcours bewegt, auf dem es zwar Abstandspunkte auf dem Boden gibt, aber kein individuelles Verweilen. 240 Menschen bewegen sich in unterschiedlichen Zeitfenstern durch die gekachelte Industriehalle des Vollgutlagers und das angrenzende SchwuZ mit Diskokugel im Katakombendunkel und Erinnerungsecke für die gestorbenen Vorkämpfer der schwulen Szene. Selten ist man zur rechten Zeit am richtigen Ort. Ein Stetson liegt verlassen auf einem Barhocker, eine Sängerin starrt in ihr Handy, Herren des Rundfunkchores sitzen fotogen, aber stumm in Glasboxen. Nur, wer sich dem Gleichschritt widersetzt, hört, wie sie Beethovens „Osanna“ anstimmen.

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Zum Glück passiert man zweimal die große Halle, in der ein Großteil des Chores und des Rundfunk-Sinfonieorchesters installiert sind. Umgeben von elektronischen Klangfeldern musizieren sie, was die Komponistin Birte J. Bertelsmeier aus den Zutaten der Beteiligten kompiliert hat. Das wirkt weit weniger aufregend als die Einzelpositionen, die vor allem eines zu verbinden scheint: Mit Beethoven haben sie nicht viel am Hut. „Blood“ und „Mercy“ schallt es herab.

Nach 40 Minuten ist man durch, das Kammerensemble auf dem Verladedeck erlebt eine Wagner-Sekunde, Rotwein rinnt in Plastikbecher. Der Barkeeper entschuldigt und freut sich zugleich: endlich wieder etwas Umsatz.

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