Sie geht ihren eigenen Weg: Das gezeichnete Alter Ego der Autorin in einer Szene aus „Pirouetten“. Foto: Reprodukt
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„Pirouetten“ von Tillie Walden Sprünge auf dem Eis

Barbara Buchholz
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Vordergründig geht es um Eiskunstlauf, eigentlich aber um viel mehr: Tillie Walden erzählt in „Pirouetten“ von ihrem Coming-Out und ihrer Emanzipation.

Hinter Pirouetten und Sprüngen auf dem Eis stecken viel Arbeit und Konzentration, doch sie wirken elegant und leicht. Das gilt auch für Tillie Waldens Zeichnungen: Ihr sparsamer, lockerer Strich wirkt skizzenhaft und fängt Bewegungen und Stimmungen perfekt ein, zartes Aquarell-Violett kontrastiert mit dunkellila Flächen, gelben Akzenten und luftigem Weißraum.

Auf den Seiten wechseln sich Splashpanels, Waffelgitter oder Szenen ohne jeden Rahmen ab und bringen – zusammen mit dem Erzählrhythmus – Dynamik und Spannung in die eher introspektive Geschichte.

Hassliebe zum kalten Sport

Die 1996 geborene US-amerikanische Künstlerin erzählt in „Pirouetten“ von ihrer Kindheit und Jugend als Eiskunstläuferin in Austin/Texas und von ihrer Hassliebe zu diesem kalten Sport, dem sie schließlich nach zwölf Jahren radikal den Rücken kehrt, um einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Eigentlich aber geht es um viel mehr: Um Erwachsenwerden, Coming-Out und Emanzipation.

Eine weitere Seite aus „Pirouetten“. Foto: Reprodukt
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Auf den ersten Seiten begleiten wir ein schmales Mädchen mit blondem Pferdeschwanz und Brille, das im Morgengrauen mit kratzenden Kufen und kondensiertem Atem Figuren auf dem Eis übt und abends, nachdem es sich durch den Schultag gequält hat, im Team Choreografien einstudiert. An jedem noch so eisigen Morgen um vier Uhr aus dem Bett zu klettern, um vor und nach der Schule für Wettkämpfe zu trainieren – das erfordert harte Disziplin.

Weitere Bücher der Autorin sollen auf Deutsch erscheinen

Die Kapitel des Comics sind nach Sprüngen und Pirouetten aus dem Eiskunstlauf benannt, wie Flip, Axel oder Lutz; doch um es mit Genuss zu lesen, ist kein besonderes Interesse am Eissport nötig. Das liegt ebenso an den vielen Facetten der Erzählung wie an Waldens Liebe zum grafischen Erzählen.

Das Titelbild des besprochenen Buches. Foto: Reprodukt
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„Pirouetten“ ist Tillie Waldens erstes Buch auf Deutsch, aber nicht das letzte, wie der Reprodukt-Verlag bestätigt. Auswahl ist vorhanden, schließlich hat die Autorin mit Anfang 20 bereits fünf Comics veröffentlicht und mehrere Preise damit gewonnen. Für ihr Debüt „The End of Summer“ erhielt sie 2016 den Ignatz Award in der Kategorie „Outstanding Artist“; 2017 war ihr wunderschöner Science-Fiction-Webcomic „On a Sunbeam“ für einen Eisner Award nominiert.

Mit „Pirouetten“ holte sie 2018 einen Eisner Award für den besten auf der Realität basierenden Comic. Was für ein Glück, dass Walden die Schlittschuhe an den Nagel gehängt hat, um Comics zu machen.

Tillie Walden: Pirouetten, Übersetzung: Sven Scheer, Handlettering von Olav Korth, Reprodukt, 400 Seiten, 29 Euro.

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Tillie Walden auf Lesereise: Berlin 22. November, München 23. November, Wien 24. November, Stuttgart 26. November, Frankfurt 27. November, Hannover 28. November, Hamburg 29. November. Details auf der Website ihres Verlages.

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