Faust auf Faust: Eine Szene aus dem ersten Band von „Tokyo Revengers“. Foto: © Ken Wakui Kodansha Inc.
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Manga-Bestseller „Tokyo Revengers“ Das japanische Gesetz der Straße

Sabine Scholz

Die Action-Zeitreise-Serie „Tokyo Revengers“ ist ein Trip in die Welt marodierender Jugend-Gangs. In Deutschland startet der Manga mit einer Rekordauflage.

Mit dieser Manga-Reihe verbinden sich große Erwartungen: 70.000 Exemplare des ersten Bandes von „Tokyo Revengers“ (400 S., 8 €) hat der Carlsen-Verlag nach eigenen Angaben drucken lassen - eine Größenordnung, die hierzulande bei Startauflagen sonst nur langjährige Bestseller wie der Dauerbrenner „Dragon Ball“ erreichen.

Angesichts des Erfolgs von „Tokyo Revengers“ in Japan könnte das Kalkül des Hamburger Verlages aufgehen, sich hier einen weiteren Bestseller ins Programm geholt zu haben. In ihrem Herkunftsland hat die Reihe bereits eine stattliche Anzahl von 26 Bänden erreicht und befindet sich laut Autor und Verlag derzeit im letzten Handlungsbogen.

Während der Auftakt dank des an gewisse Regeln gebundenen Zeitreiseelements und vielschichtigen Figuren reizvolle Action-Unterhaltung bietet, teilt die Geschichte das Schicksal vieler lang laufender Manga-Serien der marktführenden Verlage in Japan: Ein großer Erfolg begünstigt eine Fortführung der Geschichten, manchmal sogar über das ursprüngliche Ende hinaus.

Die Handlung wird im Laufe der Zeit repetitiv und generischer. Auch bei „Tokyo Revengers“ fällt das geringfügig auf, aber dank interessanter Figuren und einer clever gewählten Epoche nicht so sehr ins Gewicht.

Looser Takemichi erfährt aus den Nachrichten, dass seine einstige Freundin Hinata sowie ihr jüngerer Bruder Naoto bei einem Zwischenfall mit der berüchtigten Tokyo-Manji-Gang getötet wurden. Schlagartig wird ihm klar, dass er sein Leben bisher vergeudet hat, da er nach dieser Beziehung nie wieder eine Freundin und seither nichts auf die Reihe bekommen hat.

Plötzlich wieder zwölf Jahre alt

Wenig später stößt ihn dann auch noch ein Unbekannter auf die Gleise vor den einfahrenden Zug. Doch statt einen grausamen Tod zu sterben, erwacht er überraschend wieder und blickt in die Gesichter seiner alten Freunde. Mysteriöserweise steckt er in seinem Ich von vor zwölf Jahren und ist gerade auf dem Weg zu einer Prügelei.

Eine weitere Szene aus „Tokyo Revengers“. Foto: © Ken Wakui Kodansha Inc. Vergrößern
Eine weitere Szene aus „Tokyo Revengers“. © © Ken Wakui Kodansha Inc.

Ein paar blaue Flecken später beschließt der nah am Wasser gebaute Takemichi, seine Chance zu nutzen und Hinata zu sehen, geht er doch in der Annahme, diese seltsame Situation hätte ihn nur dafür in der Zeit zurückgeführt. Das erzählt er auch Hinatas kleinem Bruder Naoto, den er nach dem Besuch zufällig vor ein paar Rowdys rettet.

Er warnt ihn noch dazu vor dem Unfall in der Zukunft und reicht ihm die Hand – was ihn wieder in seine Ursprungszeit zurückkatapultiert, wo ihn ein mittlerweile erwachsener Naoto erwartet. Obwohl dieser inzwischen Polizist ist und Takemichi vor dem Tod auf den Gleisen bewahren konnte, wurde Hinatas Schicksal nicht verändert und so bittet der Gesetzeshüter den völlig verwirrten Zeitreisenden, erneut zurückzugehen, um die Zukunft ein weiteres Mal zu verändern. Er erklärt ihm, dass er ihm dazu nur die Hand reichen muss.

Abgesehen von dem an gewisse Bedingungen geknüpften Zeitreisemotiv, dank welchem Takemichi aktuelle Geschehnisse in der Vergangenheit beeinflussen kann, um ihm liebe Menschen zu retten, ist Ken Wakui eine Neuerweckung des Furyo-Genres geglückt, das zuletzt von Veröffentlichungen wie der Shonen-Fantasy-Comedy „Beelzebub“ von Ryuhei Tamura und Figuren wie Metal Bat in „One Punch-Man” von Webcomic-Künstler ONE nur gestreift wurde.

Außenseiter im Mittelpunkt

Der Begriff „Furyo“, was soviel wie „Delinquent“ bedeutet, stellt gesellschaftliche Außenseiter in den Mittelpunkt, die Konflikte lieber mit Fäusten lösen, ihren Prinzipien treu sind, aber das Herz am rechten Fleck haben. Einige der bekanntesten Vertreter des Genres wie „GTO: Great Teacher Onizuka“ stammen aus den 1980er und 1990er Jahren und schöpften ihre Ästhetik aus entsprechenden japanischen Subkultur-Bewegungen.

Eine weitere Szene aus „Tokyo Revengers“ Foto: © Ken Wakui Kodansha Inc. Vergrößern
Eine weitere Szene aus „Tokyo Revengers“ © © Ken Wakui Kodansha Inc.

Gangs und Rowdys lassen sich in den Medien der damaligen Zeit oft finden. So ließ schon Katsuhiro Otomo Biker durch die Straßen seiner futuristischen Städte in „Akira“ ziehen. In einem Interview mit Kodansha USA und auch in einem Interview mit der französischen Zeitung Le Monde erzählte „Tokyo Revengers“-Autor Ken Wakui, dass er die Handlung in die Vergangenheit verlegte, da diese Epoche ihm selbst und einem seiner Redakteure aus ihrer Jugend näher war und sie nichts über die aktuellen Entwicklungen in der Szene wussten.

Und so schwingt in der Reihe stets eine gewisse Nostalgie mit. Wer sich intensiver mit dem Werk und den realen Bosozoku-Bikergangs beschäftigt, wird Parallelen zur in den 1970er-Jahren in Japan aktiven Black-Emperor-Gang finden, die ebenfalls das Manji-Symbol im Logo trug. Sie wird oft als Inspirationsquelle für Ken Wakuis Manga-Reihe gehandelt. Ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1976 von Mitsuo Yanagimachi widmete sich sogar der Lebenswirklichkeit der jungen Mitglieder der Vereinigung.

Der Erfolg der Serie „Tokyo Revengers“, die in Japan im wöchentlich erscheinenden „Shonen Magazine“ bei Kodansha veröffentlicht wird, kam nicht über Nacht. Ken Wakui begann sein Werk schon Anfang 2017 und erhielt dafür 2020 den Kodansha-Manga-Preis in der Kategorie „Bester Shonen-Manga“.

Doch erst mit Beginn der 24-teiligen Anime-Adaption von Studio Liden Films 2021 startete „Tokyo Revengers“ so richtig durch und zählt seither zu den derzeit erfolgreichsten Titel im Shonen-Genre. Zeitweise ließ die Reihe sogar Hits wie „Attack on Titan“ und „One Piece“ hinter sich und platzierte sich erstmals Ende April, Anfang Mai 2021 an der Spitze der Oricon Charts noch vor „Jujutsu Kaisen“ und „Demon Slayer“.

Der Anime richtet sich inhaltlich nach den ersten neun Manga-Bänden, baut aber dramaturgische Spitzen aus und wirkt brutaler. Auch Takemichis Heldenmotiv wird deutlicher hervorgehoben. Hierzulande ist die Reihe im Stream bei Crunchyroll mit deutschen Untertiteln verfügbar. Eine zweite Anime-Staffel ist in Japan bereits in Produktion.

Auch als Theaterstück erfolgreich

Aber auch der Live-Action-Film mit Musiker Takumi Kitamura in der Hautprolle war 2021 eine der umsatzstärksten Real-Adaptionen eines Manga-Stoffes. In Deutschland startete der stark nachgefragte Manga mit einer der höchsten Manga-Startauflagen bei Carlsen Manga seit 20 Jahren.

Außerdem wurde die Geschichte in Japan auf die Theaterbühne gebracht und 2021 in eines der populären Stage Plays verwandelt. Im März 2022 folgte mit dem Stück „Tokyo Revengers: Bloody Halloween“ eine Fortsetzung und weitere Aufführungstermine sind für Japan bereits angekündigt.

Das Titelbild des ersten Doppelbandes der Reihe. Foto: Carlsen © Ken Wakui Kodansha Inc. Vergrößern
Das Titelbild des ersten Doppelbandes der Reihe. © Carlsen © Ken Wakui Kodansha Inc.

Ken Wakui greift mit Takemichis Schmalztollenfrisur und den prolligen Outfits der Delinquenten die japanische Gang-Ästhetik und den dazugehörigen Style vergangener Zeiten auf. Aber auch inhaltlich fokussiert er sich auf die handfesten Lösungsansätze der jungen, charismatischen Rowdys.

Die sorgfältige, bereits deutlich dem Slang angepasste Übersetzung von Martin Bachernegg könnte trotzdem eine dem Sujet noch ein wenig mehr angepasste Schnoddrigkeit vertragen. Fast schon zu viel Raum nehmen hingegen langfristig die aus dem Furyo-Genre kaum wegzudenkenden und auch im klassischen Shonen-Manga habituellen Erzählmotive wie Freundschaft und Willenskraft ein.

Das grafisch aufgelockertere, wenig zimperliche Gang-Epos zeigt die Figuren in den wahnwitzigsten Prügelposen. Verrotzte, völlig lädierte Halbstarke platziert der Zeichner neben hünenhaften, mafiaesken Delinquenten und den nicht gerade eindrucksvollen Takemichi neben einer standhaften wie attraktiven Hinata, während Naoto in der Zukunft als Inbegriff eines korrekten Beamten auftritt.

Pikante Symbolik

Ken Wakui lässt in seinen Artworks grafische Ausdrucksformen von Manga-Größen wie Takehiko Inoue und Katsuhiro Otomo in einem modernen Shonen-Gewand wieder aufleben. Er arbeitet noch mit traditionellen Zeichenmaterialien und nutzt allein für farbige Illustrationen digitale Hilfsmittel.

Der Verlag Carlsen Manga, der mit der deutschen Serie „Personal Paradise“ von Melanie Schober bereits einen Manga mit Gangthematik und übernatürlichem Twist publiziert, hat sich entschieden das Werk ohne Änderungen am Artwork im Innenteil zu publizieren. Das ist von daher beachtenswert, dass Ken Wakui für die Tokyo-Manji-Gang das Manji-Symbol verwendet und dieses für das westliche Publikum in der Anime-Version durchgängig zensiert wurde.

Bei dem Symbol handelt es sich um eine links gewendelte Swastika, die bei Nichteingeweihten durchaus auf Unverständnis und Ablehnung stoßen kann, da schnell eine Verbindung zum Hakenkreuz gezogen werden kann. Daher begleitet der Verlag den Schritt mit einem ausführlichen Text, der dem Manga vorangestellt ist und über die glücksbringende Bedeutung des Manji-Zeichens im asiatischen Raum aufklärt sowie vor der unbedachten Verwendung des leicht mit dem Hakenkreuz zu verwechselnden Symbols, etwa bei Kostümen, warnt.

Aus dem Logo und auch auf den Covern wurde es allerdings entfernt. Eine weitere Stellungname zu der Verwendung des Manji-Symbols nicht nur in „Tokyo Revengers“ sondern auch in anderen Medien aus dem asiatischen Raum findet sich online.

„Tokyo Revengers“ erscheint seit März 2022 bei Carlsen Manga mit jeweils zwei der originalen Ausgaben in einem Doppelband. Der erste Band wird bis Oktober zu einem befristeten Einstiegspreis zu haben sein.

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