Die Kunst der Gänsehaut: Einige der in dem Katalog analysierten Titel. Foto: avant
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„Horror im Comic“ Von sensiblen Skeletten und wandelnden Toten

Der Kunsthistoriker Alexander Braun führt mit einer opulenten Monografie und einer Ausstellung durch die Geschichte des Horror-Comics.

Das Bild schockiert auf Anhieb: Ein Mann mit einem Beil im Schädel tritt mit aufgerissenen Augen einem anderen entgegen, dem aus Angst der Schweiß auf der Stirn ausbricht. Die Zeichnung von Johnny Craig für den EC-Verlag sollte das Cover der Augustausgabe 1953 des Comichefts „The Vault of Horror“ zieren, fiel jedoch der Selbstzensur des Verlages zum Opfer - die stirnspaltende Axt wurde retuschiert und durch einen rätselhaften Lichtreflex ersetzt.

Das Titelbild des besprochenen Katalogs. Foto: avant Vergrößern
Das Titelbild des besprochenen Katalogs. © avant

Die erhalten gebliebene originale Druckvorlage verstört bis heute und gilt als geradezu ikonisches Beispiel für die Erzeugnisse des amerikanischen EC Verlags und das Genre des Horrorcomics schlechthin. Nun ziert das Schockbild das Cover des im avant-Verlag erschienenen Bandes „Horror im Comic“ (456 S., 49 €). Durch die geschickte monochrome Farbgestaltung des Bandes entfaltet sie jedoch erst auf den zweiten Blick ihre brutale Wirkung.

Der bildende Künstler und Kunsthistoriker Alexander Braun, bekannt durch zahlreiche von ihm kuratierten Comicausstellungen und Publikationen in den letzten beiden Dekaden (unter anderem über Winsor McCay, Westerncomics oder Will Eisner) widmet dem bis heute beliebt-berüchtigten Horror-Genre gerade auch eine gleichnamige Ausstellung im Schauraum comic + cartoon in Dortmund (bis 14. August, Max-Von-Der-Grün-Platz 7, D-44137 Dortmund; Di, Mi, Sa, So: 11.00–18.00 Uhr, Do, Fr: 11.00–20.00 Uhr, Mo geschlossen).

Gegenüber den begrenzten Ausstellungsräumen kann das Buch jedoch mit deutlich mehr Bildmaterial und einer tiefergehenden Analyse aufwarten.

Es ist die hierzulande bisher umfassendste Darstellung des Genres im Comic, denn Braun beleuchtet dessen ganze Vielfalt, mittels unterschiedlichster Geschichten, Subgenres und Zeichenstilen. Als Kunsthistoriker bemüht er sich auch, Ursprünge des Genres in der Kunst und der Literatur aufzuspüren sowie Verwandtschaften zum Filmmedium darzulegen.

Ein Ventil für dunkle Fantasien

Dabei wird auch deutlich, dass „Horror“ kein scharf umrissener Begriff ist und immer wieder in neuer, zeitgemäßer Form auftreten kann. Braun greift Immanuel Kants Aufsatz „Über das radical Böse in der menschlichen Natur“ von 1792 auf und führt aus, dass das Horrorgenre quasi dem Bösen einen Ersatz-Raum gibt – verkürzt gesagt: die kulturelle Erfahrung (im Rezipienten) ersetzt das Ausleben dunkler Fantasien.

Alptraum in Colorama: Ein Comictitel aus dem Jahr 1953. Foto: avant Vergrößern
Alptraum in Colorama: Ein Comictitel aus dem Jahr 1953. © avant

Im Einleitungsessay zieht Braun einen Bogen von der Darstellung von Grausamkeiten in Werken der Kunstgeschichte seit der Antike über Goyas Radierzyklus „Die Schrecken des Krieges“ (1810-20) hin zu amerikanischen Horror- und Splatterfilmen der 1970er Jahre.

Der anregende Text veranschaulicht, wie Künstler von jeher in grausamen Darstellungen von Mythen (Goya/Rubens: „Saturn verschlingt seinen Sohn“, Caravaggio/Gentileschi: „Judith und Holofernes“ und andere), Kriegen oder Hinrichtungen ihre jeweilige, nicht minder grausame Zeit verarbeiteten und reflektierten. Und in Tobe Hoopers Film „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974) wird eine ländliche kannibalistische Sippe zum Gegenbild einer vorgeblich zivilisierten, im Vietnamkrieg sich kriegerisch austobenden US-Gesellschaft.

Schauerelemente traten in Comics zunächst nur vereinzelt auf: Pionier Winsor McCay schuf bereits 1905 in seiner brillanten Alptraum-Serie „Dream of the Rarebit Fiend“ Horrorsituationen in halb- bis einseitigen Comicstrips, in denen etwa ein scheintoter Mann sein eigenes Begräbnis aus der Untersicht seines Grabes miterlebt. Carl Barks zeichnete 1949 den Comic „Voodoo Hoodoo“, in dem Donald Duck es mit dem afrikanischen Zombie „Bombie“ zu tun bekommt.

Literarisch ambitionierte und virtuos gezeichnete Moritaten

Innerhalb des Mediums Comic, so stellt Braun fest, ist das Horror-Genre untrennbar mit dem amerikanischen Verlag EC verbunden. Der Verleger Bill Gaines gab dem seit Anfang der 1930er Jahre durch Filme (wie unter anderem „Dracula“ mit Bela Lugosi, „Frankenstein“ mit Boris Karloff, „The Wolf Man“ mit Lon Chaney...) reüssierten Genre einen deutlichen Schub im Comic.

Der Junge mit den Knopfaugen: Eine Seite aus „The Vault of Horror“ #35. Foto: avant Vergrößern
Der Junge mit den Knopfaugen: Eine Seite aus „The Vault of Horror“ #35. © avant

Er etablierte zusammen mit einer Riege hochbegabter junger Künstler wie Graham Ingels, Wally Wood, Al Feldstein oder Harvey Kurtzman um 1950 neue Heftreihen auf dem US-Markt, die sich ganz dem Horrorgenre widmeten oder es mit Crime- und Science Fiction-Elementen kombinierten – die Hefte nannten sich unter anderem „The Haunt of Fear“, „Tales from the Crypt“, „Shock SuspenStories“ oder „Weird Science“.

Im Wesentlichen waren die EC-Comics literarisch ambitionierte und virtuos gezeichnete Moritaten, die oft kritisch und progressiv die US-Wirklichkeit widerspiegelten - nicht selten thematisierten sie Rassismus, Gewalt in der Familie oder den wütenden, tumben (Lynch-) Mob in amerikanischen Kleinstädten.

Öffentliche Comic-Verbrennungen

Der immense Erfolg der Horrorcomics von EC (und einigen Nachahmer-Verlagen) bei den jugendlichen, vorwiegend männlichen Lesern führte in den prüden 50ern auch zur Gegenbewegung der konservativen amerikanischen Sittenwächter, allen voran der deutschstämmige Psychiater Dr. Fredric Wertham, der in seiner unwissenschaftlichen Kampfschrift „Seduction of the Innocent“ (1954) Comics als Anleitung zur Gewalt und Verrohung ansah. Braun druckt die komplette Anhörung des Verlegers Bill Gaines vor dem New Yorker Senatsausschuss ab und beschreibt ausführlich, wie mehrere öffentliche Comic-Verbrennungen stattfanden.

Die Bandbreite reicht von frühen Comic-Klassikern bis in die Gegenwart von „The Walking Dead“. Foto: avant Vergrößern
Die Bandbreite reicht von frühen Comic-Klassikern bis in die Gegenwart von „The Walking Dead“. © avant

Der Hass auf die vermeintlich schädlichen Hefte kulminierte im Oktober 1954 in der Einführung des „Comics Code“, einer strikten Selbstzensur, die die Kreativität einer ganzen Generation von Zeichnern und Autoren ausbremste. Erst Jahrzehnte später wurde der Comics Code allmählich wieder aufgeweicht.

In den 70er Jahren knüpften die Horrorcomics des Warren Verlages (die Magazine „Eerie“, „Creepy“ und „Vampirella“ förderten solche Talente wie Richard Corben, Bernie Wrightson und den Cover-Art-Meister Frank Frazetta) an die Ästhetik und den Ideenreichtum von EC an.

Doch Braun beschränkt sich nicht allein auf diese zweifellos wichtige Epoche, die schon an manch anderer Stelle (wie zuletzt im 2020 erschienenen Band „Grant Geissman, The History of EC Comics“ im Taschen-Verlag, jedoch nur in englischer Sprache) ausführlich dargelegt wurde. Er skizziert auch die Entwicklungen herausragender Horror-Subgenres, die sich dem Vampirmythos, Zombies, Werwölfen, Geistern, christlichen Themen (Apokalypse, Hexen, Teufel) widmen oder auch den „Fumetti Neri“, düster-brutalen Trivialcomics aus italienischer Produktion,.

Verstümmelungsorgien und Sadismus

Im Kapitel „Blanke Knochen“ widmet er sich dem Vanitas- und Totentanz-Motiv, was unter anderem in der Darstellung lebender Skelette seit dem Mittelalter auftritt. Aktuelle Beispiele kommen nicht zu kurz, so werden die schwarzhumorigen, minimalistisch gezeichneten Comics des Norwegers Jason (ohne Titel, aus dem Jahr 2000) vorgestellt, in denen sich ein sensibles Skelett einem anthropomorphen Raben beigesellt. Das Skelett wird zum WG-Partner des Raben, der immer bedacht darauf ist, nicht das Zeitliche zu segnen.

Der Katalog enthält zahlreiche Abbildungen von Originalzeichnungen. Foto: avant Vergrößern
Der Katalog enthält zahlreiche Abbildungen von Originalzeichnungen. © avant

Eine Analyse des Erfolges der Zombie-Apokalypse-Saga „The Walking Dead“ (von 2003-2019) und dessen Einflüsse bis hin ins Superheldengenre („Marvel-Zombies“ ab 2005, „Batman-Gotham County“ 2006) dürfen nicht fehlen.

Europäische und südamerikanische Horrorcomics bekommen im Vergleich zu den US-amerikanischen etwas weniger Raum, jedoch kann Braun auch hier mit einigen fulminanten Beispielen wie Alberto Breccias ohne Worte auskommenden „Dracula“-Kurzgeschichten aufwarten, in denen der Zeichner die Grausamkeiten der argentinischen Militärdiktatur reflektierte.

Besonders erhellend ist das Extrakapitel „Nippon Gore“, das den ganz eigenen, oft drastischen Horror in japanischen Mangas nachspürt. Dass japanische Kunst seit Jahrhunderten (und so auch Manga) wenig zimperlich in der Darstellung extremer Gewalt und Sexualität (bis hin zu Verstümmelungsorgien und Sadismus) verfahren, führt Braun auf verschiedene kulturelle Besonderheiten zurück, etwa den Shintoismus oder den Geisterglauben.

Geister werden im Vergleich zu westlicher Lesart eher selten auf ein simples Gut-Böse-Schema festgelegt. Aber auch die traumatischen Erfahrungen mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki 1945 haben ihre Spuren hinterlassen in schonungslosen Darstellungen sich zersetzender oder schmelzender Körper.

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So kann man im hierzulande unbekannten, 1946 geborenen Zeichner Hidesho Hino eine härtere Version von Shigeru Mizuki („Kitaro“) erkennen: mit „Zoroku“ macht er eine körperlich entstellte Figur zum Helden eines Kindermanga, die ähnlich Frankensteins Monster ein bemitleidenswerter Außenseiter ist. In „Bug Boy“, einem anderen Manga Hinos, wird ein Junge von einem Wurm gebissen und verwandelt sich, ähnlich Franz Kafkas Helden Gregor Samsa in dessen Erzählung „Die Verwandlung“, in einen Käfer. Happy Ends sucht man in Hinos Mangas vergeblich.

Wenn auch hie und da etwas weitschweifig ans Thema herangeführt wird, überzeugen doch der Reichtum an Bildbeispielen wie die stets profunden und treffenden Analysen des Autors. Neben Ausflügen in Kunst, Literatur und Film überrascht Alexander Braun immer wieder mit hierzulande wenig bekannten, nicht selten provokanten Comicauszügen abseits des Mainstreams.

Nicht zuletzt bricht Braun eine Lanze für die Kunstform Comic schlechthin, indem er auf das wiederkehrende Thema der Zensur wie auch auf das bis heute schlechte Image des Comics gegenüber der sogenannten Hochkultur zu sprechen kommt. Dem stellt er gesellschaftskritische Comics entgegen, die inhaltlich wie künstlerisch überzeugen.

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