Endzeit-Drama. Eine Seite aus „Magdas Apokalypse“. Foto: Splitter
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Endzeit-Comic „Magdas Apokalypse“ Alterungsprozess im Jüngsten Gericht

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Das Heranwachsen kann eine anstrengende Angelegenheit sein – vor allem, wenn das Ende der Welt vor der Tür steht.

In einem im Jahr 2013 geführten Interview mit dem vergangenes Jahr verstorbenen Kinderbuch-Illustrator Nikolaus Moras, welcher das Erscheinungsbild von Schneider-Buch-Reihen wie „Hanni und Nanni“ oder „Burg Schreckenstein“ zu Beginn der sechziger Jahre maßgeblich zu prägen begann, wies dieser auf die Wichtigkeit von Händen innerhalb seiner Darstellungen für den Aufbau von Stimmung und Spannung hin.

Eine Praxis, die Carole Maurel, Zeichnerin des sich vorwiegend unter Jugendlichen abspielenden und zusammen mit Autorin Chloé Vollmer-Lo verfassten Endzeit-Dramas „Magdas Apokalypse“, ebenfalls verinnerlicht hat. Dieses lässt zudem auf Grund der optischen Machart ikonografische Rückschlüsse zur thematischen Verwandtschaft einer Jugendliteratur von vor vierzig Jahren zu, deren Inhalte dem neuzeitlichen Werk der beiden Autorinnen mitunter gleichen, dessen Ursächlichkeit aber auf in dieser Lebensphase stattfindende Entwicklungsprozesse zurückzuführen ist.

 Regelkonform gegen die Norm

 Magda wird dreizehn, und ihre erste Periode setzt ein. Aber das ist auch schon alles, was sie zum Geburtstag bekommt. Denn die Welt geht bald unter, da haben die Menschen andere Sorgen. Zum Beispiel nicht mehr alles in die noch verbleibende Zeit von knapp einem Jahr hineinpacken zu können; ein bei Teenagern allerdings auch ohne bevorstehende Apokalypse oft zu beobachtendes Verhalten, das mit den Ungewissheiten des unaufhaltsam herannahenden Erwachsenendaseins erklärbar ist.

Stimmungsvermittlung anhand der Gestik: Eine Szene aus dem besprochenen Buch. Foto: Splitter
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Das tatsächliche Ende, erzählt in der provokanten Beiläufigkeit, die den Erzählrhythmus des gesamten Comics prägt, ist denn auch gar keines, dafür aber umso verstörender, denn die von Jugendlichen oft gesuchte sowie provozierte hermetische Autonomie vom Elternhaus ist eben nicht nur der auf Burg Schreckenstein auch baulich manifestierten Bunkermentalität geschuldet.

Ein Panel, das eine Party der Jugendlichen in einem von ihnen in Besitz genommenen Haus zeigt, erinnert in seiner verspielten Leichtigkeit stark an das Motiv des einst von Nikolaus Moras entworfenen Titelbildes für die Burg-Schreckenstein-Reihe. Jenes die Seite als anführend positionierte Panel ist das alles überstrahlende Leitmotiv der Gesamtkomposition und zudem die spannungsauflösende Replik auf das in gleicher Größe, jedoch als abschließendes und ebenfalls in größerem Format daherkommende letzte Panel des vorherigen Kapitels. Es zeigt das geschlossene und Spuren von Verwüstung aufweisende Schulgebäude, mit aufsteigendem Rauch aus im Dachgeschoss liegenden und zerstörten Klassenzimmern. Darunter verborgen liegt der Wunsch nach Sicherheit sowie verbindlichen Werten und Normen in einer aus den Fugen geratenen Welt, in der sich die Gewalt immer stärker manifestiert.

 Sex and Drugs und Zeichentrick

 Aufgegriffen werden hier ebenso Sex, Drogenmissbrauch und kaputte Beziehungen, was „Magdas Apokalypse“ dann doch von der eher heilen Welt der Schneider-Bücher unterscheidet. Diese wird von Carole Maurel, nachdem bereits Nikolaus Moras eine zeitgemäße Auffrischung des Illustrationsstils von beispielsweise der in Frankreich populären Kinderbuchillustratorin Jeanne Hives vorgenommen hatte, durch eine leicht mangafizierte oder besser an Anime-Cels erinnernde Ästhetik – Maurel kommt vom Zeichentrickfilm – ersetzt.

Feiern, ohne an Morgen zu denken, jedoch das Gestern fest im Blick - zumindest aus illustrativer Sicht. Foto: Éditions Delcourt
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Auch ist das Adaptieren gegenwärtiger Kleidungsgewohnheiten jüngerer Semester ein erfolgversprechendes und bereits durch Moras erfolgreich zur Anwendung gebrachtes Verfahren, dessen man in anderen Werken von Maurel gleichfalls ansichtig werden kann. Das so erschaffene und anhand der beschriebenen visuellen Konzeption umgesetzte Spannungsfeld zwingt Titelfigur Magda letztlich in eine Ausweglosigkeit hinein, die mit einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung als Schlussbild aufwartet und den Absprung aus einer schuldbeladenen Welt von unumkehrbarer Konsequenz wagt.

Das ist übrigens kein „Coming-Of-Age“-Werk, wie die stets segment- und labelfreudige Berichterstattung einiger Rezensenten eifrig bemüht ist zu versichern, sondern die Chronik eines angekündigten Todes.

 Chloé Vollmer-Lo und Carole Maurel: Magdas Apokalypse, Splitter Verlag, Hardcover, 192 Seiten, 24, 80 Euro

Das Titelbild des rezensierten Comics. Foto: Splitter
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