Angriff in der Dauerschleife: Eine Doppelseite aus „9/11. Ein Tag, der die Welt veränderte“. Foto: Knesebeck
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„9/11. Ein Tag, der die Welt veränderte“ Wie ein Comic eine neue Perspektive auf die Anschläge vor 20 Jahren vermittelt

Thomas Greven

Der Comic „9/11. Ein Tag, der die Welt veränderte“ lässt das Ausmaß des Schreckens greifbar werden und vermittelt die Folgen des 11. September 2001.

Das Gedenken an die Anschläge vom 11. September 2001 wird überlagert vom überhasteten Ende der militärischen Intervention in Afghanistan und dessen humanitären Folgen in dem nun wieder von den Taliban regierten Land. Es ist wohl verfrüht, darin ein Symbol des Abstiegs der USA und des Westens zu sehen, doch auch US-Präsident Joe Biden kann nicht wegdiskutieren, dass es sich um eine Niederlage handelt.

Eine weitere Doppelseite aus dem besprochenen Buch. Foto: Knesebeck Vergrößern
Eine weitere Doppelseite aus dem besprochenen Buch. © Knesebeck

Und so gibt der Jahrestag Anlass, nicht nur erneut die Bedeutung der Anschläge für die USA zu reflektieren, sondern auch die amerikanische Strategie auf den Prüfstand zu stellen.

Dies versuchen Autor Baptiste Bouthier und Zeichnerin Héloïse Chochois aus der Perspektive der jungen Französin Juliette in ihrer Graphic Novel „9/11. Ein Tag, der die Welt veränderte“ (Knesebeck, Übersetzung Ingrid Ickler, 144 S. 24 €) . Juliette hat die Anschläge als Teenagerin im Fernsehen verfolgt und reist nun zum ersten Mal in die USA – hier beginnt schon die Fiktion, weil sie das wegen der Pandemie derzeit ja gar nicht kann.

Bouthier und Chochois sind Teil einer ganzen Gruppe von französischen Comic-Künstlern, die sich derzeit intensiv mit den USA beschäftigen. Sie schaffen es mit der subjektiven Perspektive und mit einfachen, aber lebendigen Farbzeichnungen nicht nur, das Ausmaß des Schreckens von 9/11 greifbar werden zu lassen, sondern eröffnen auch einen neuen Blick auf die notwendige Reflektion.

Denn natürlich „kennt“ die junge Französin die USA, auch wenn sie zum ersten Mal dorthin reist. Die amerikanische Macht speist sich nämlich auch aus Elementen von Soft Power, aus Symbolen wie der Freiheitsstatue, aus Filmen und Fernsehserien. Und so ist auch die Fernsehzeugin der Anschläge von den Ereignissen tief beeindruckt und betroffen: „Jeder weiß, wo er an dem Tag gewesen ist“.

Erinnerungen, Reflektionen, Augenzeugenberichte

Juliettes Erinnerungen und Reflektionen werden durch dramatische Sequenzen auf der Basis von Augenzeugenberichten ergänzt. Diese Perspektivwechsel sind bruchlos arrangiert. Chochois inszeniert grafisch geschickt, zum Beispiel den panischen Treppenabstieg zweier Überlebender aus dem Südturm, die nur Minuten vor dessen Einsturz unten ankommen und dann sofort weiter fliehen müssen. Hier sind die Figuren in nebeneinander angeordneten schmalen Panels absteigend platziert.

Das Titelbild von „9/11. Ein Tag, der die Welt veränderte“. Foto: Knesebeck Vergrößern
Das Titelbild von „9/11. Ein Tag, der die Welt veränderte“. © Knesebeck

Immer wieder diskutiert Juliette auch die Folgen der Anschläge, zum Beispiel mit ihrer Mutter: den Aufbau des Überwachungsstaats („Patriot Act“), die wachsende Neigung vieler Amerikaner zu Verschwörungserzählungen, aber auch die Hilfsbereitschaft der amerikanischen Zivilgesellschaft. Andererseits diskutiert Juliette auch die jetzt gescheiterte US-Interventionspolitik, wobei es eher um die Irak-Intervention geht als um Afghanistan.

[US-Comicautoren haben die Terroranschläge vom 11. September 2001 und ihre Folgen auf vielfältige Weise zum Thema gemacht – mal politisch, mal persönlich, mal als bunten Klamauk. Hier geben wir einen Überblick.]

Wurde der Krieg gegen Al-Qaida und die Taliban als gerechtfertigt angesehen, so stieß der Angriff auf den Irak bekanntlich auf große Skepsis. In Deutschland erinnert man sich an die Zweifel des damaligen deutschen Außenministers Joschka Fischer („I am not convinced“).

Für Franzosen symbolisiert eine eloquente Rede von Dominique de Villepin im UN-Sicherheitsrat die Abkehr von der uneingeschränkten Solidarität mit den USA. Diese Rede, der hier zwei Seiten eingeräumt werden, war schon der Kulminationspunkt von „Quai D’Orsay. Hinter den Kulissen der Macht“.

Auch unter den Schulkameraden Juliettes gibt es Anti-Amerikanismus und Verschwörungserzählungen. Auch die nicht-intendierten Folgen der militärischen Interventionen, insbesondere der steigenden Zulauf zu gewaltbereiten islamistischen Gruppierungen, werden diskutiert.

Eine Leerstelle in dem vor allem für jüngere Leser interessanten Buch ist die komplexe Diskussion um „Nation Building“ und Demokratieförderung, die nach dem Scheitern der Modernisierung in Afghanistan nun dringend geführt werden muss.

Unser Autor Thomas Greven ist Politikwissenschaftler und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin

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