Hotel Continental in einem historischen Stadthaus in Bukarest, Rumänien Foto: imago images/H. Tschanz-Hofmann
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Catalin Dorian Florescus Roman "Der Feuerturm" Brennende Welten

Ausschweifend und bildersatt: In "Der Feuerturm" erzählt Catalin Dorian Florescu eine Geschichte, die sich über fünf Bukarester Generationen spannt.

Bucurestii war ursprünglich eine Stadt im Plural gewesen: An der Peripherie „eine hungrige Frau in Lumpen“, an der Calea Victorei eine Kokotte, nach neuester Pariser Mode angezogen, und „hinter den gusseisernen Zäunen der bürgerlichen Häuser eine Matrone“.

Die aus vielen Dörfern zusammengewachsene Stadt bestand aus einem labyrinthischen Straßennetz, bis in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts „die gerade Linie entdeckt“ wurde und später alles unter Beton verschwand. Es entstand jenes Bucuresci, Bukarest, in dem die Zeit stillzustehen schien bis zum Ende der Ceaucescu-Ära.

Auf der Stadt lastete von Beginn an ein Fluch. Hervorgegangen aus einem riesigen Eichenwald, der für Häuser und die vielen Kirchen herhalten musste, neigte sie dazu, regelmäßig in Flammen aufzugehen. Die Feuerwehr war, neben den Heiligen, ihr wichtigster Schutzpatron.

Bukarest und die es schützende Feuerwehr, leibhaftig vertreten durch die Familie Stoica, sind die Hauptprotagonisten in Catalin Dorian Florescus ausschweifendem Roman „Der Feuerturm“ (Verlag C.H. Beck,

München 2021. 361 Seiten, 25 €.), um den sich die über fünf Generationen hinweg aufgespannte Geschichte dreht.

Zeichen für eine moderne Zeit

Als er 1892 errichtet wird, ist er mit fast 50 Metern das höchste Gebäude in Bukarest und Anlass, dass die Familie Stoica – Feuerwehrleutnant Vasile, seine Frau Ecaterina, die sich mit den Heiligen eingelassen hat, und der kleine Sohn Darie – Großvater Grigorie auf dem Spirii-Hügel verlässt und in den Osten der Stadt zieht.

In der Familie lebt man vom und im Kampf gegen die vernichtende Kraft des Feuers, als Teil der Armee aber auch Garant von Ruhe und Ordnung, im multikulturellen, dynastisch verfassten Rumänien ebenso wie später im faschistischen und kommunistischen Land. Das schließt nicht aus, dass man sich wie etwa Vasile auch gerne mal prügelt und danach seinen großen Durst löscht.

Der Feuerturm ist nicht nur das Zeichen für eine neue, modernere Zeit für die Stadt zwischen Orient und Okzident, die das Kino bringt, 120 Telefonanschlüsse und mit Darie sogar den ersten Magirus-Löschzug aus Deutschland, sondern auch der Ort, von dem aus sich bis in die Ferne schauen lässt, gefühlt bis nach Paris, dem die Metropole nachahmt.

Um den Turm kreisen aber auch die beiden miteinander verflochtenen Familiengeschichten. Denn kurz nach ihrem Umzug läuft den Stoicas das Mädchen Rosi zu, dann der junge kleinkriminelle Herumtreiber Ghimpe, zu Deutsch Dorn. Später wird dieser mit Rosi einen Sohn, Stelian, zeugen und sich in das politische Gemenge stürzen. Dorn ist der Typus, der „erledigte, was es für einen flexiblen Mann zu erledigen gab“, als Schwarzmarkthändler ebenso wie als Handlanger für das eine oder andere politische System.

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Erzählt wird aus der kunstvoll die Generationen überblendenden Ich-Perspektive Viktor Stoicas, dem Ururenkel Grigories und dem einzigen, der aus der Tradition der Feuerwehrmänner ausschert. Seine Kindheit verbringt er mit Dorns Enkel, Tiberiu, mit dem er, wie schon sein Vater mit Stelian, in enger Freundschaft verbunden ist.

Im Wendejahr 1989, der erzählten Gegenwart, ist Viktor bereits ein älterer Mann, der 1957 von der Securitate verhaftet wurde und acht Jahre seines Lebens in einem Gefängnis verbracht hat. Der hinterhältige Verrat, der ihn dorthin gebracht hat, und die Grausamkeiten, die er erleben musste, lassen ihn noch immer die Messer wetzten und auf Rache sinnen. „Ich liebe meine Stadt nicht mehr. Ich fühle mich so unwohl in ihr wie in einem falschen Kleidungsstück.“

In der Agonie des kommunistischen Systems, bei ständigen Gas- und Stromsperren und extremer Lebensmittelknappheit, blickt er inmitten seiner kleinen Überlebensgemeinschaft zurück auf das abgelaufene Jahrhundert und auf „ein Volk am Rande der Welt mit einem Vampir als Berühmtheit“.

Kreislauf des Immergleichen

Diese immer wieder aufblitzende, liebevolle Ironie und die ausgreifenden, farbigen Beschreibungen der Märkte und Straßen, die an die Wimmelbilder Ali Mitgutschs erinnern, bilden das stimmungsvolle Zentrum dieses Romans. Darin haben Ecatarinas Heilige und Rosis Teufel ebenso ihren Platz wie der von den Legionären erschlagene Süßwarenkrämer Salomon und der Schneider Simon Stern.

Bei Stern wird Viktor nach seiner Haft in die Lehre gehen, bevor er – ausgerechnet – in einer Streichholzfabrik landet. Die Brände der Stadt und die politischen Brände der Welt werden miteinander verwoben, darin eingebettet die kleinen Schicksale der Menschen und ihr Schrecken darüber, dass der „Feind schon im Haus war, mit uns am Tisch saß und sich Bruder nannte.“

Der 1967 im rumänischen Timisoara geborene, heute in Zürich lebende Florescu lässt keinen Zweifel daran, dass der Kreislauf des Immergleichen, wie er im Roman aufscheint, durchbrochen werden kann, selbst in einem scheinbar so unwichtigen Land. In Timisoara begann, was mit der Hinrichtung Ceaucescus endete und für Rumänien eine neue Zeitrechnung brachte.

Diese Entwicklung deutet der Roman nur noch an, auch in der versöhnenden Erinnerung Viktors. Die Totengräber, die zu guter Letzt antreten, um all die Gestorbenen der Familie umzubetten, um dem größten See Bukarests, dem Lacul Morii, Platz zu machen, dürfen metaphorisch verstanden werden. Doch das Flusswasser, das man in das riesige Staubecken einließ, „konnte nichts reinigen.“

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