Standhaft. Nick Cave, der gegen den Kulturboykott eintritt, bei seinem Konzert in Tel Aviv im vergangenen Jahr. Foto: Orit Pnini
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Boykottkampagne Wie BDS-Proteste die Konzertlandschaft in Israel verändern

Einav Schiff

Die BDS-Initiative setzt Popstars massiv unter Druck, ihre Konzerte in Israel abzusagen. Musiker wie Nick Cave halten dagegen.

Für israelische Popmusik-Fans war der Sommer des Jahres 2017 einer der besten überhaupt: Ein Star nach dem anderen landete auf dem Ben-Gurion-Flughafen, um dann in den diversen Locations von Tel Aviv aufzutreten. Innerhalb weniger Monate sahen Hunderttausende von Israelis Justin Bieber, Aerosmith, Britney Spears, Guns ’n’ Roses, Pixies und viele andere.

Auch Radiohead kamen nach 17 Jahren zum ersten Mal wieder ins Land. Ihr Konzert erregte weltweite Aufmerksamkeit, weil die BDS-Initiative eine Kampagne gegen die Band startete. Die Organisation, deren Kürzel für Boycott, Divestment und Sanctions steht, tritt für einen Kulturboykott gegen Israel ein. Zu ihren prominentesten und lautstärksten Unterstützern zählt Pink-Floyd-Gründungsmitglied Roger Waters, der die israelische Besatzungspolitik auch bei seinen Konzerten immer wieder kritisiert. Doch Radiohead ließen sich nicht beirren und spielten in Tel Aviv ihr längstes Set in den letzten elf Jahren.

Nick Cave, ein weiterer Favorit des israelischen Publikums, kam im November 2017 ebenfalls wieder in die Stadt, obwohl auch er aufgefordert worden war, abzusagen. Letzte Woche hat er eine Mail öffentlich gemacht, die er an den Musiker und Produzenten Brian Eno geschickt hat. Eno, der unter anderem mit David Bowie, U2 und den Talking Heads zusammengearbeitet hat, unterstützt den BDS. In seiner Mail nennt Cave den Boykott „feige und beschämend“. Weiter schrieb der australische Star: „Ich unterstütze die gegenwärtige Regierung Israels nicht und sehe nicht ein, weshalb meine Entscheidung, in dem Land zu spielen, eine taktische Unterstützung der Politik dieser Regierung sein soll.“ Teilweise seien Enos und Waters’ Bemühungen sogar der Grund dafür, dass er in Israel auftrete. „Nicht um für irgendeine politische Gruppierung einzutreten, sondern um mich denen entgegenzustellen, die Musiker schikanieren, beschämen und zum Verstummen bringen wollen.“ Cave findet, dass Musiker nach Israel gehen sollten, um der Presse und den Menschen zu sagen, was sie vom derzeitigen Regime halten.

Lana del Rey und Of Montreal sagten Auftritte ab

Nick Caves Brief ist aus zwei Gründen bedeutsam: Erstens kommt es äußerst selten vor, dass ein Künstler seine Entscheidung, in Israel aufzutreten, öffentlich verteidigt. Normalerweise sind diese schon von den vielen Zuschriften und den Attacken in den sozialen Medien überfordert. Zweitens warf die Mail von Cave ein Schlaglicht auf die äußerst schwierige Situation der internationalen Konzertveranstalter in Israel.

Schaut man auf die Großkonzerte, war das Jahr 2018 relativ schwach. Es gab zwar Auftritte bekannter Musiker und Bands wie der Backstreet Boys, Ringo Starr, Alt-J, Enrique Iglesias, Ozzy Osbourne, The Chainsmokers, Alice in Chains oder Brian Wilson. Aber kaum eine dieser Shows ging bei den Besucherzahlen in den höhere Zehntausender-Bereich. Die meisten der Genannten haben zudem nicht zum ersten Mal in Israel gespielt. Viel schwerer ist es, Newcomer zu engagieren oder Bands, die noch nie im Land aufgetreten sind. Israelische Promoter haben es dann immer wieder mit Absagen oder Verhandlungen zu tun, die im Nichts versanden. Bruno Mars war beispielsweise kurz davor, zuzusagen, doch dann wurden die Verhandlungen plötzlich gestoppt.

Andere Stars wie Lorde oder Lana Del Rey, deren Konzerte bereits einen Termin hatten, sagten ab und nannten den israelisch-palästinensischen Konflikt als Grund. Del Rey hätte im September beim Meteor Festival auftreten sollen, dessen Line-up aus zahlreichen internationalen Acts bestand. Alle wurden massiv bedrängt, ihre Auftritte zu canceln. Neben Lana Del Rey taten dies die Indieband Of Montreal sowie einige DJs. Nicht beirren ließen sich dagegen Rapper Pusha-T, Elektroproduzent Flying Lotus und Saxofonist Kamasi Washington.

Jüngere Musiker und Musikerinnen lassen sich beeindrucken

Der nächste Sommer droht ebenfalls mau zu werden. „Momentan sieht es nicht besonders ermutigend aus“, sagt Raz Sechnik, Popmusik-Korrespondent der israelischen Zeitung „Yediot Ahronot“. Bon Jovi und Slash seien für Juli bestätigt. „Jennifer Lopez wird wohl noch hinzukommen, denn es ist bereits Geld geflossen. Überdies laufen mit mindestens zehn großen Künstlern Verhandlungen, aber bisher noch keine Abschlüsse.“

Laut Sechnik ist der BDS einflussreich und störend, aber noch auf einem relativ niedrigen Niveau. „Aber jüngere Musiker und Musikerinnen lassen sich von ihnen beeindrucken. Lordes Absage kam zum Beispiel, nachdem sie einen Brief von zwei Aktivisten erhalten hatte.“

Trump hat dem BDS sehr geholfen

Ein zentrales Ereignis des vergangenen Jahres war die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt durch die USA und der Umzug der amerikanischen Botschaft dorthin. Damit hat Trump dem BDS sehr geholfen. Sechnik sagt: „Jeder Künstler wusste, dass er mit seinem Kommen quasi den Umzug legitimierte – sogar wenn er gar nicht dafür war. Deshalb hängt der schlechte Konzertsommer definitiv mit der Botschaftsfrage zusammen. Allerdings liegt es auch an den Spannungen im Süden. Die Künstler und Manager sehen Feuer und Rauch im Fernsehen – dabei ist ihnen egal, dass Gaza nicht in der Nähe von Tel Aviv liegt.“

Was israelische Konzertveranstalter tun können, ist, mehr Geld zu bieten – obwohl Konzerte in Israel aus logistischen Gründen bereits sehr teuer sind. Außerdem bauen sie in ihre Verträge eine Klausel über den BDS ein. Die Musiker sind also wenigstens vorgewarnt, dass sie Drohungen ausgesetzt sein werden. Eine weitere Taktik ist, Musiker, die bereits in Israel aufgetreten sind, zu bitten, ein gutes Wort bei Kollegen einzulegen.

Immer wieder Proteste vor Konzerthallen

Die Aktivitäten des BDS beeinflussen zudem junge israelische Musikerinnen und Musiker, die versuchen, sich eine internationale Karriere aufzubauen. So gab es beispielsweise immer wieder Proteste vor den Konzerthallen, in denen die Sängerin Netta auftrat. Einige europäische Shows der Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin wurden wegen des Drucks auf die lokalen Clubs sogar abgesagt. Auch beim Berliner Pop Kultur Festival zogen in diesem und im vergangenen Jahr mehrere der eingeladenen Musiker ihre Zusagen zurück. Weil die israelische Botschaft die Konzerte von israelischen Acts finanziell unterstützte, rief der BDS zum Boykott auf. Deshalb verzichteten im August John Maus, Nadine Shah, die Band Shopping, Richard Dawson und Gwenno auf ihre Auftritte. Außerdem störten Aktivisten eine Festival-Diskussionsveranstaltung mit Kultursenator Klaus Lederer.

Berlin kann solche Absagen leicht verschmerzen, hier ist der Konzertkalender für das kommende Jahr bereits gut gefüllt. Wer auf Welttournee geht, plant selbstverständlich einen Stopp in der deutschen Hauptstadt ein. Israelische Fans können von solchen Aussichten nur träumen. Es sieht ganz danach aus, als sei der Sommer des Jahres 2017 nur eine schöne Erinnerung – Wiederholung vorerst ausgeschlossen.

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