Amra (Bat-Ireedui Batmunkhw) und sein Vater Erdene (Yalalt Namsrai) halten Zwiesprache mit den Kräften der Natur. Die Bagger, die in der Nähe das Erdreich aufwühlen, kümmert das nicht. Foto: Pandora Film
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Bewegendes Kinodrama: „Die Adern der Welt“ Dieser Film zeigt die Narben der Steppe

Eine Castingshow als Waffe: Im Familiendrama „Die Adern der Welt“ kämpft ein Junge gegen die Zerstörung des mongolischen Graslandes.

In der Unermesslichkeit des Graslandes verschwindet der Mensch. Die Jurte, in der Zaya, Erdene und der zwölfjährige Sohn Amra leben, zeichnet sich als kleine Erhebung am Horizont ab. Sonst zeigt das überwältigende Panorama (Kamera: Talal Khoury), das „Die Adern der Welt“ einleitet, nur grüne Ebenen und Hügel unter dem hohen Himmel der Mongolei. Fast wähnt man sich in einer unberührten Welt.

Die Staubwolke jedoch, die sich nähert, verrät, dass sich Dschingis Khans Reitervolk längst nicht mehr auf Pferdestärken verlässt. Erdene fährt Amra (Bat-Ireedui Batmunkhw) mit dem Auto zur Schule. Der Junge macht, was alle Kinder tun, er hängt am Handy und träumt von Ruhm.

Amra träumt vom Auftritt in Ulanbataar

Von einem Auftritt in der Fernsehshow „Mongolia’s Got Talent“, deren Scouts ihren Besuch im Ort angekündigt haben. Sie wollen Kinder casten, die beim Finale im 250 Kilometer entfernten Ulanbataar auftreten. Und Amra will unbedingt dabei sein.

Seit 2003, als sie für ihren märchenhaften Dokumentarfilm „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ eine Oscar-Nominierung erhielt, hat die an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen ausgebildete Regisseurin Byambasuren Davaa in zwei weiteren Dokumentarfilmen und einer Multivisionsshow von der Kultur und Natur der Mongolei erzählt. Und dabei in nicht immer kitschfreien, manchmal folkloristischen Bildern um Wertschätzung für die von Schamanentum und Eintracht mit der Natur geprägte Nomadenkultur geworben.

Dass Davaa in ihrem Sozial- und Familiendrama „Die Adern der Welt“, das vergangenes Jahr auf der Berlinale uraufgeführt wurde, nun zum ersten Mal ganz statt nur halb fiktiv unterwegs ist, stärkt dessen emotionale Kraft. Zumal die Zerstörung der mongolischen Steppe durch Bergbauunternehmen so real ist wie nur was. „Zurzeit ist mehr als ein Fünftel der Mongolei für den Rohstoffabbau ausgewiesen“, steht im Abspann der tragischen, aber auch Kino-Hoffnung säenden Geschichte.

Gleich hinter dem Weidegrund von Amras Familie, die von Zayas Ziegenkäse und Erdenes Mechaniker-Talent lebt, beginnt das Schürfgebiet. Bagger und Bohrer zerstören die Grasnarbe und buddeln auf der Suche nach Gold und anderen Bodenschätzen die Landschaft um. Internationale und staatliche Konzerne, aber auch die „Ninjas“ genannten Wildschürfer scheren sich wenig um die Nomaden.

Sie werden vom Land verjagt oder „rausgekauft“. Vergiftete Gewässer und ein dramatisch sinkender Grundwasserspiegel sind die Kollateralschäden des Erzabbaus. Immer tiefer muss Zaya (Enerel Rumen) den Eimer im Brunnen versenken, um an Wasser für ihre Herde zu gelangen.

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Anders als ihr Mann Erdene (Yalalt Namsrai), der den Rat der Nomaden einberuft, um sich gegen die Mineure zu wehren, kapituliert Zaya und will weiterziehen. Amra kümmert sich zuerst wenig um den Streit der Eltern, der den aufgrund von Landfraß und Abbau von Bodenschätzen schwindenden Lebensraum von Nomadenkulturen bebildert. Die Fernsehshow ist ihm wichtiger als die eigenen Wurzeln, obwohl er und sein Vater so oft am Heiligen Baum die Einheit zwischen Hirten und Steppe beschworen haben. Erst Vaters Unfall ändert das.

[Filmkunst 66, Sommerkino Charlottenburg, OmU: Hackesche Höfe, Freilichtbühne Weißensee]

Der Gier der Menschen hat die Steppe nichts entgegenzusetzen. Gras und Wasser sind endlich, mögen sie in den Totalen auch bis an den Horizont reichen. Das ist der Befund, den Byambasuren Davaa, erschüttert vom Raubbau der vergangenen Jahre, stellt – in ruhigem Erzählfluss und ohne das karge Nomadenleben zu idealisieren. Die Drohnenaufnahmen der zerfleischten Landstriche stehen ebenso für sich, wie die naturalistischen Alltagsbilder des Hirtenlebens.

Pathetisch wird es erst, als Amra mit dem Lied „Adern aus Gold“ gegen Profitsucht und Traditionsvergessenheit der Mongolen ansingt. Denn Davaa geißelt nicht nur anonyme Firmen, sondern auch die Kleinmut der Steppenbewohner, die – statt traditionelle Kenntnisse mit dem modernen Lebens zu versöhnen – eins blind dem anderen opfern. Amra ist da weiter als mancher Große: Er will nicht hinterher den Verlust des Lebens beweinen, das er zuvor freiwillig aufgegeben hat.

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