Wiederbelebt. Das ICC ist für ein Tage Schauplatz von Video und Performance. Foto: imago images/Stefan Zeitz
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Besuch in einer Berliner Zeitmaschine Fliegt das ICC in die Zukunft?

Rüdiger Schaper

Das Internationale Congress Centrum in Berlin ist wieder geöffnet – aber nur für ein paar Tage mit Kunst. Was dann kommt, weiß niemand.

Es muss im September 1982 gewesen sein, bald vierzig Jahre her: Roxy Music in concert, im ICC, der Auftritt beginnt hinter heruntergelassenen Jalousien, erst beim zweiten Song öffnet sich das Bühnenbild mit Brian Ferry & Co. Damals das Coolste, was man sich vorstellen konnte. Oder war es im Juni 1980, da spielten sie auch im noch sehr neuen, 1979 eröffneten Raumschiff am Stadtring?

Die Erinnerungen strömen: ein vierstündiger Sturmlauf mit Bruce Springsteen und der E-Street-Band, das Doppelalbum „The River“ war gerade heraus, die Leute tanzten auf den Konferenztischen. Ein bedröhnter Leonard Cohen, den wir nach dem Konzert in der Garderobe treffen, der Pressefotograf vergisst, ein Bild mit dem jungen Reporter zu machen.

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Das ICC, dieses riesige space shuttle ohne Rückflugantrieb, war die Verheißung einer Zukunft, die sich lange schon erledigt hat. Mit einem Performance- und Videoprogramm haben die Berliner Festspiele den Giganten aus dem Koma geholt, für ein paar Tage. Beim Besuch der leeren Säle und Gänge und Emporen stellt sich ein Palast-der-Republik-Gefühl ein, Berliner Restspiele. Was soll aus dem Ding werden?

Einchecken für den BER?

Niemand weiß es. Eine durchschlagende Idee ist nicht bekannt. Abriss kommt auch nicht in Frage. Vielleicht ein großzügiger Check-In-Bereich für den hoffnungslos überlasteten BER? Wie wäre es mit einer Wohnmaschine à la Schlangenbader Straße – mit Appartements für einige Monate, bevor die Neu-Berliner in die richtige Wohnung ziehen, falls sie eine finden? Oder Film- und Fernsehstudios für Produktionen, die in den siebziger oder achtziger Jahren spielen oder in einer verdrehten Dystopie?

Es ist Oktober 2021. Eintritt in die Zeitmaschine. Aus dem ICC wird eine ISS, Internationale Raumstation. Nicht dass hier Schwerelosigkeit herrscht. Aber die Atmosphäre wirkt dünn, der Blick aus dem Fenster auf die Autobahn und das Charlottenburger Häusermeer könnte jetzt auch eine Projektion sein. Wie sauber und aufgeräumt es ist! Wer hält das alles instand, wer putzt hier täglich? Worauf wartet das silbrige Sattelgebirge?

Das zehntägige Kulturprogramm ist ein Türöffner, das ist nicht wenig. Es gibt Schlangen vor den einzelnen Events, es gibt an einer Bar auch etwas zu essen, viele Kinder sind da, es gibt da auch eine tolle Schaukel, man trifft alte Freunde, die das gleiche Zeitfenster gebucht haben, kaum jemand beachtet die Installationen in den Vitrinen, überraschend gut ist der Handy-Empfang: Wir sind doch noch im Jetzt, offensichtlich funktioniert die Zeitmaschine nicht durchgängig. Die andere Realität hat Löcher.

Unter Denkmalschutz – und leer

Ja, was könnte sich hier ansiedeln? Für die Kunst ist der Laden – das zeigt sich bei der Bespielung – viel zu groß. Oder nicht? Könnte die Art Week mit einer großen Messe etwas sein fürs ICC? Aber andernorts, in Tempelhof, ist es lichter, offenener, und das will etwas heißen. 320 Meter lang, 80 Meter breit, 40 Meter hoch, Platz für 20000 Menschen: was anfangen in solchen Dimensionen?

Der Landeskonservator hat das ICC unter Denkmalschutz gestellt, er will das „Gesamtkunstwerk“ erhalten. Dann aber kommt wohl ein Umbau nicht in Frage, und die Berliner Festspiele müssen Videos im Endlos-Loop zeigen. Wenn dies Zwischenspiel vorüber ist, bleiben alle Fragen weiter unbeantwortet. Aber sie stellen sich, wenn Tausende sich auf den Weg in die Vergangenheit der Zukunft gemacht haben, nun dringender.

In vierzig Jahren wird man dann sagen können, wie cool es war in dem Bau, mit dem keiner etwas anfangen konnte, bis die zündende Idee eines Tages kam. Oder die Raketen doch noch zündeten und das Ding abhob zurück ins All.

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