Hormon-Tornado. „Genau wie immer: Alles anders“ vom Theater Strahl. Foto: Jörg Metzner
© Jörg Metzner

Berliner Jugendtheater Geschichten vom Aufziehen des Hormon-Tornados

Stücke für Jugendliche über erste Liebe und ersten Sex: „Genau wie immer: Alles anders“ im Theater Strahl und „Rohe Herzen“ im Theater an der Parkaue.

„Nur nicht aus Liebe weinen“, singt Zarah Leander aus den Boxen, „es gibt auf Erden nicht nur den einen.“ Ist ja gut und schön. Tröstet nur kein bisschen, wenn man 15 oder 16 ist und das Herz erbarmungslos rast. Jeanne will Romain, sie verzehrt sich nach ihm, und genau so drückt sie es auch aus: „Das Bedürfnis, dich zu besitzen, dich zu zerfleischen, dir ein Wort, einen Seufzer, den Schatten eines Blicks, etwas wie Bekenntnis zu entreißen“, das tobt in ihr, aber Romain – der hat, was für ein Killer, eher geschwisterliche Gefühle für Jeanne.

„Rohe Herzen“ heißt dieses Stück der französischen Autorin Laura Desprein, es ist im Rahmen einer Stückentwicklung zum Thema „Erste Liebe“ entstanden und hat schon den Pariser Regisseur Arnaud Khayadjanian zum Kurzfilm „Kalte Herzen“ inspiriert. Ganz gleich ob roh oder kalt, die fünf Jugendlichen, von denen Desprein erzählt, leiden auf ihre ganz eigene Art unter den aufgestauten, ungeteilten, ja überwältigenden Gefühlen. Sie treiben sich an der vermüllten Peripherie einer Metropole herum und finden weder ihren Platz im Leben noch ihre eigene Mitte.

Es gibt nichts zu beschönigen

Bei Regisseur Volker Metzler, der Despreins in schroff-poetischer Sprache gehaltenes Jugenddrama jetzt am Theater an der Parkaue inszeniert hat, trifft sich die Clique in einem leer stehenden Bungalow nebst Pool, der mit bunten Plastikherzen gefüllt ist. Das Bühnenbild ist von Claudia Charlotte Burchard.

Metzler balanciert diese Geschichte über Verlorenheit und Verlangen gekonnt zwischen Realismus und Verfremdung, lässt seine Spieler mit Schafsmasken oder als Zombies auftreten und verliert trotzdem nie den emotionalen Kern aus dem Blick: die Suche nach so was wie Wahrhaftigkeit in einer als heuchlerisch empfundenen Welt, in der die Eltern sich trennen, die Lehrer desinteressiert sind und den Kids ihre Rollen früh zugewiesen werden: Außenseiter, Schulschönheit, Draufgänger, Mauerblümchen.

Hanni Lorenz, Kinga Schmidt, Nina Maria Wyss, Erik Born und Filip Grujic spielen das umwerfend gut, ohne die Distanzfilter erwachsener Besserwisserei. Erste Liebe, erster Sex, das sind die Hardcore-Herausforderungen, da gibt es nichts zu beschönigen.

Dem gleichen Thema widmet sich das Stück „Genau wie immer: Alles anders“ von Günter Jankowiak am Theater Strahl. Allerdings in einer optimistischeren Variante, eher als lebenspraktische Begleit- und Aufklärungshilfe. Man denkt zwar, dass in Zeiten von Youporn & Co jede und jeder eh schon alles weiß – und das mag ja sein. Hilft aber im Zweifelsfalle nichts, wenn’s ums eigene Erleben geht. Außerdem muss ja irgendwer den Jugendlichen erklären, dass zum Sex nicht notwendigerweise eine Kamera gehört.

Die personifizierte Pubertät tritt auf den Plan

Das schöne Programmheft ist im Stil einer Jugendzeitschrift gestaltet, inklusive knalliger Titel: „Das Diversity ABC“, oder „Die größten Sex-Mythen, busted by Pro Familia!“. Worunter zum Beispiel fällt: „Je größer der Penis, desto intensiver die Lust der Frau“. Oder: „Schamhaare sind sinnlos“.

Unter der Regie von Inda Buschmann spult sich die Geschichte über das Aufziehen der Hormon-Tornados angemessen unverkrampft ab. Mit Justus Verdenhalven tritt die personifizierte Pubertät auf den Plan („Willkommen in meiner Welt“) und öffnet den imaginären Vorhang für die Zwillinge Mona (Josephine Lange) und Theo (Tobias Schormann), die ihre geschlechtsspezifischen Reifeprozesse noch zu durchlaufen haben.

Für Mona bedeutet das unter anderem: Gespräche über Menstruation mit der Mutter und Stress mit der besten Freundin Steffi (Anne Sofie Schietzold), weil beide in den süßen Mehmet (Max Radestock) verknallt sind. Theo hingegen holt sich die erwartbaren Abfuhren von Mädchen und ringt mit der Frage, ob seine Masturbationsfrequenz noch irgendwas mit Normalität zu tun hat.

Die Vielfalt der sexuellen Orientierungen kommt zu kurz

Für die anvisierte Altersklasse 12plus wird das von Buschmann absolut anschlussfähig erzählt, vor allem ist das Stück immer wieder auch sehr lustig in seiner vom Ensemble perfekt getroffenen pubertären Unbeholfenheit. Erste Liebe, erster Sex: Das sind wie das Thema Mobbing Klassiker des Kinder- und Jugendtheaters. Und immer wieder neu für die Generation, die es gerade betrifft und die dann eben doch keine befriedigenden Antworten vorfindet. Nur alte Schlager.

Okay, die Diversity der sexuellen Orientierungen kommt in „Genau wie immer: Alles anders“ etwas zu kurz. Sie wird auch in „Rohe Herzen“ allenfalls angetriggert. Aber gut, dafür gibt es ja noch das lehrreiche ABC im Programmheft: von „Asexualität“ bis „Zärtlichkeit“.

Nächste Vorstellungen: 6. 3., 5. und 6. 4., 19 Uhr (Rohe Herzen), 21. und 22. 2., 12. –14. 3. (Genau wie immer: Alles anders)

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