Schon schön. Biesdorf lockt mit dem Schloss und nun auch mit der Berlinale. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa
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Berlinale Glosse (4) Zu Gast in Biesdorf - mit Schloss, Schranke und eigener Währung

Die Parkbühne Biesdorf ist eine kleine verwunschene Welt für sich. Nun ist hier die Berlinale zu Gast - unser Autor ist hin, kam aber kaum wieder weg.

Also, ich bin bereit für die Fußball-EM. Ich kann sogar mit offenen Turnschuhen sprinten.

Mein Trainingslager war in Biesdorf. Ein lauschiges Örtchen gleich hinter Friedrichsfelde Ost, also noch mitten in der Stadt. Hier hat die Berlinale einen Bären in den Wald gestellt und eine aufblasbare Leinwand, die gemütlich vor sich hinrauscht. Auf ihr sah ich einem französischen Polizisten zu, dem sein Leben entgleitet und der aufs offene Meer der männlichen Traurigkeit hinaussegelt. Manchmal rauschte das Wasser lauter als die Leinwand.

Sie verlassen jetzt den Gelben Sektor!

Die Sache ist die: Die S-Bahn fährt hier nur alle 20 Minuten. Gerade weit nach Mitternacht, wenn der französische Polizist mit seinem Segelboot endlich in den Hafen des Happy-Ends eingelaufen ist. Als ich mit mehreren Dutzend Leuten zum Spurt ansetze, geht schon bimmelnd die Bahnschranke am S-Bahnhof runter. Mein Blick fällt auf den örtlichen Imbiss. Er heißt Schranke. Ob’s hier auch Pommes gibt?

In Biesdorf haben sie ein schönes Schloss und eigene Berlinale-Währung. Zunächst sind die Eintrittskarten nach Farben sortiert, ich muss zum Klapptisch für den Sektor Gelb. In allen Sektoren der Freiluftbühne sind auf die alten Holzbänke Gartenstühle gestellt worden, mit Abstand. Jede und jeder hat hier seinen eigenen Sektor. Es fehlen nur noch Schilder: Achtung, Sie verlassen jetzt den Gelben Sektor!

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Drinnen kommt man zunächst an einer Bude vorbei. Hier muss man Euro gegen rote Chips eintauschen, die man wiederum eine Bude weiter gegen ein Getränk eintauschen kann. Man kriegt dann grüne Chips zurück für das Becherpfand. Vor dem Film stellt sich ein Mann vor die rauschende Leinwand ans Mikro: „Gestern wurden wir hier im Park eingeschlossen. Wer also später zum S-Bahnhof will, meldet sich bitte bei mir. Ich hab einen Schlüssel.“ Manchmal sind bei der Berlinale nicht nur die Filme rührend.

Grüne Chips gegen rote Chips

Die Parkbühne Biesdorf, mitten im Wald, der ein Park ist, und an einer Bahnschranke, die einen Schranken-Imbiss hat, ist eine kleine verwunschene Welt für sich. Wenn man am Schluss den Gelben Sektor verlässt, muss man seine grünen Chips gegen rote eintauschen und die an der nächsten Bude wieder gegen Euro. Dann kann man zurückfahren in die Stadt nebenan, die meint, schon alles gesehen zu haben. Wenn man die S-Bahn kriegt.

Die Wagen rauschen rein, als ich auf der Brücke zum Bahnsteig über meine offenen Schnürsenkel stolpere. Ich hab auch noch keine Fahrkarte – aber was soll ich weit nach Mitternacht 20 Minuten lang in Biesdorf machen? Die Türen tuten schon, ein letzter Satz in den Wagen, geschafft. Die Stadt ruft, das Bett. Und ein Mann: „Fahrkartenkontrolle!“
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