Gemeinsam statt einsam. „Paris, 1952“ aus Robert Franks Fotobuch „Black White and Things“. Foto: Robert Frank, Fotostiftung Schweiz/Winterthur
© Robert Frank, Fotostiftung Schweiz/Winterthur

Berlin Art Week Kein Anfang und kein Ende

Vor wenigen Tagen starb der Jahrhundertfotograf Robert Frank. Die Retrospektive bei C/O Berlin zeigt bisher unveröffentlichte Bilder.

Dazwischen liegen Welten. Geografisch und ästhetisch. Das erste Hochformat zeigt ein morgendliches Stillleben am Fähranleger des Zürichsees. Robert Frank, der nebenan wohnt, ist 17, als er es 1941 fotografiert. Die Rauchfahne des Dampfers steigt in den Himmel, eine Möve saust als unscharfe Silhouette vorbei, Frühnebel legt sich wie Weichzeichner auf die Szenerie. Das Landschaftsidyll des Schweizers atmet Frieden, im restlichen Europa tobt der Krieg.

Das zweite Hochformat hängt im selben, Robert Franks frühen Arbeiten gewidmeten Raum. Zu sehen ist eine breite, autofreie Straße in New York, die der Fotograf 1948 aufgenommen hat. Die Kadrage ist extrem: Die Fassaden der Hochhäuser und das Gewimmel der Passanten von Manhattan füllen nur das obere Viertel. Die unteren drei zeigen reichlich grauen Asphalt, den nur ein weißer Markierungsstrich zerteilt. Er führt ins Endlose und wirkt wie eine urbane Demarkationslinie, die nur mit größter Vorsicht zu übertreten ist.

Die abstrakte, leicht unscharfe Komposition zeigt, wie sehr sich Robert Frank, der sein Handwerk in der heimatlichen Schweiz von 1941 bis 1946 von der Pike auf erlernte, schon nach einem Jahr in den Staaten von den fotografischen Konventionen der Lehrzeit entfernt hat. Diese Entwicklung hin zum stilprägenden oder besser Stile aufsprengenden Bildband „The Americans“ (1959), der Franks Ruf als Jahrhundertfotograf begründete, ist das Thema der Schau im ersten Stockwerk von C/O Berlin.

„Wir sind traurig“, sagt Direktor Stephan Erfurt bei der Begrüßung, „aber wir sind auch glücklich, dass Robert Franks Fotos bei uns weiterleben.“ In die Würdigung des am Montag im Alter von 94 Jahren verstorbenen Meisters (Tsp v. 11. 9.) bezieht er auch die vergangene Woche verstorbene Ikone der Modefotografie Peter Lindbergh ein (Tsp v. 5. 9.).

Robert Frank hat C/O Berlin bereits 2009 noch im Postfuhramt eine Ausstellung gewidmet. Da wurden allerdings nur die Experimentalfilme gezeigt, die er nach seiner Zeit als Fotograf gedreht hat. Für die kostbaren Vintage-Prints aus „Americans“, die – ergänzt um erstmals gezeigte Motive, die es nicht ins Buch geschafft haben –, präsentiert werden, war der unsanierte Kasten nicht geeignet.

Im Amerika Haus wurde Frank erstmals in Deutschland gezeigt

Im Amerika Haus hängen sie passender. Hier schließt sich 60 Jahre nach dem Erscheinen von „The Americans“ noch ein Kreis, wie Fotos und Dokumente am Ausstellungseingang zeigen. Wo C/O Berlin jetzt Bildbände verkauft, hat 1985 Robert Frank bei der ersten Präsentation der „Americans“ in Deutschland gestanden und signiert. Das Haus fungierte in West-Berlin als einer der wenigen Ausstellungsorte für künstlerische Fotografie.

„Unseen“ zeigt 106 Vintage-Prints, die in die Komplexe „Frühwerk“, „Fotobücher“ und „Americans“ unterteilt sind: Das Frühwerk umfasst hauptsächlich europäische Impressionen, die in ihrer Perspektivwahl, dem groben Korn und den Unschärfen schon Robert Franks zunehmend radikaleren subjektiven Zugriff auf die Welt verraten. Dazu erste Aufnahmen aus Nord- und Südamerika, die – im Fall einer Zuckerrohrernte in Peru (1948) oder der Porträtserie über den Waliser Kohlearbeiter Ben James (1955) – noch Anklänge an die Sozialreportage tragen.

1947 übersiedelt Robert Frank nach New York, findet sofort eine Anstellung als Fotograf bei „Harper’s Bazaar“, hält das konsumsatte Gewese der Modeszene aber nur wenige Monate aus und fotografiert fortan nur noch frei. Weil er seine eigenwilligen Serien bei Illustrierten wie „Life“ selten unterbringt, die in seinen Augen auf „diese verdammten Geschichten mit Anfang und Ende“ fixiert sind, verlegt er sich darauf, eigene Fotobücher in Kleinauflage zu basteln.

Einem davon, „Black White and Things“, das 1952 in 34 unkommentierten, assoziativen Fotos Gegensätze wie Zuneigung und Einsamkeit, Freundlichkeit und Grausamkeit reflektiert, ist der zweite Raum gewidmet, bevor es dann zu ikonischen „Americans“ geht. Hier geben Vitrinen mit von Frank markierten Kontaktbögen Aufschlüsse über sein irres Auswahlverfahren.

Ebenso seine Anmerkungen zu Motiven wie „Trolley, New Orleans 1956“, wo als subtiler Kommentar zur Rassentrennung vorne weiße und hinten schwarze Fahrgäste aus einem Tramfenster schauen. Aus 27 000 Negativen kondensiert er gerade mal 83 Motive für das Buch.

„Fotografie basiert auf Zufällen“, sagt Robert Frank. Dass ausgerechnet ein Einwanderer wie er dem Einwandererland diesen – damals wütend abgelehnten – Spiegel vorhält und so Fotografiegeschichte schreibt, ist keiner.

(C/O Berlin im Amerika Haus, Hardenbergstr. 22-24, bis 30. 11., tgl. 11–20 Uhr, Eröffnung: 12.9., 19 Uhr)

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