Am 6. Dezember 2018 eröffnete das Musée des civilisations noires („Museum der schwarzen Zivilisationen“) in Dakar. Foto: AFP/Seyllou
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Bénédicte Savoy und Felwine Sarr „Europa ist auf einem Auge blind“

Kolonialismus und Restitution: Bénédicte Savoy und Felwine Sarr sprechen über ihre Empfehlungen für Präsident Macron, Afrikas Museen und das Humboldt Forum.

Ende November 2018 haben Felwine Sarr und Bénédicte Savoy ihren von Präsident Macron beauftragten Bericht zur Restitution des afrikanischen Kulturerbes übergeben. Seit März 2018 hatten der senegalesische Ökonom und die französische Kunsthistorikerin den Kontinent bereist und sich mit Experten vor Ort wie in Frankreich beraten. Der Report nennt 90 000 Objekte, die in kolonialem Kontext in französische Museen kamen und zurückgegeben werden müssten, allein 60 000 aus dem Musée du Quai Branly in Paris. Seitdem wird international diskutiert, ob diese Forderungen angemessen sind und auch für andere Häuser gelten sollten. Am Tag der Übergabe des Berichts kündigte Macron die Restitution von 26 Skulpturen an die Republik Benin als ersten Schritt an.

Frau Savoy, Herr Sarr, Ihr Bericht ist sehr kontrovers aufgenommen worden. Über welche Reaktionen haben Sie sich gefreut, über welche geärgert?

SARR: Es gab in Frankreich ein enormes Feedback. Die positiven Reaktionen kamen meist von linken Zeitungen, auch aus den Museen. Für mich war interessant, wie emotional und teilweise heftig die Stellungnahmen waren.

SAVOY: Bei den negativen Reaktionen ist uns aufgefallen, dass sie sich in der Regel nicht inhaltlich mit unserem Bericht auseinandersetzten. Ein Pariser Museumsdirektor nannte den Bericht „ein Totem des schwarzen Leids“. Oder wir wurden als „die Französin und der Senegalese“ bezeichnet.

Hat Ihr Bericht in Afrika eine Vielzahl an Restitutionsforderungen ausgelöst?

SARR: Von der Republik Benin gab es vorher Anfragen, weitere werden nun von der Elfenbeinküste, Gabun und Burkina Faso, Mali und Senegal vorbereitet. Marokko hat seine Liste sogar abgeschlossen. Die von Emmanuel Macron angekündigte Rückgabe von 26 Skulpturen an Benin hat für viele Länder die Tür aufgestoßen. Die Menschen haben das Gefühl, dass sich in Europa endlich etwas bewegt. Die Eröffnung des Museums der schwarzen Zivilisation in Dakar hat noch einmal verdeutlicht, dass ein Gleichgewicht, Gerechtigkeit hergestellt werden muss.

Deutsche Museumsleute haben vor allem kritisiert, dass Sie ohne Provenienzforschung restituieren lassen wollen.

SAVOY: Uns hat diese Unterstellung geschockt, dass wir keine Herkunftsrecherche betreiben wollten, wir mithin unwissenschaftlich arbeiten würden. Das stimmt nicht. Wir mussten nur keine Provenienzrecherche machen, weil die Grundlagen dafür am Musée du Quai Branly bereits vorliegen. Die Inventare mit den notwendigen Informationen sind längst online: wann ein Objekt ins Museum kam, von wo und durch wen. In Deutschland sind die Inventare erstaunlicherweise nicht öffentlich zugänglich. Das ist so, als ginge man in eine Bibliothek ohne Katalog. Dann findet man auch keine Bücher. Es ist nur noch ein Buchhaufen. Ein Museum ohne zugängliches Inventar ist ein Objekthaufen, mit dem weder die Öffentlichkeit noch die Wissenschaft, weder wir in Europa noch die Kolleginnen und Kollegen in Afrika etwas anfangen können, zumal das meiste nicht ausgestellt ist und nie sein wird. Wichtiger als Provenienzrecherchen sind online zugängliche Inventare.

Felwine Sarr (li.) und Bénédicte Savoy beim Interview im Centre Français in Berlin. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Felwine Sarr (li.) und Bénédicte Savoy beim Interview im Centre Français in Berlin. © Thilo Rückeis

Ist also mangelnde Transparenz der Grund dafür, dass es in Deutschland so wenige Rückgabeforderungen gibt?

SAVOY: Wir hatten auf unseren Reisen nach Afrika immer die jeweiligen Inventarlisten im Gepäck, etwa für Mali 900 Seiten mit 7000 Objekten. Dort haben wir festgestellt, dass die Kollegen in den Museen diese Übersichten oft gar nicht kennen. Die allererste Empfehlung unseres Berichts ist deshalb eine feierliche Übergabe dieser Inventare durch Präsident Macron.

Macron hat zurzeit andere Sorgen – die Gelbwesten. Er ist gegenwärtig als Präsident geschwächt. Hat das Auswirkungen auf den Restitutionsprozess?

SARR: Natürlich beeinflusst die aktuelle Politik die Linearität des Prozesses. Aber die von uns vorgeschlagene Gesetzesänderung wird für das Parlament vorbereitet, damit nationales Kulturerbe überhaupt zurückgegeben werden kann.

Macron will außerdem zu einer Konferenz mit Teilnehmern aus Europa und Afrika einladen. Was werden Sie dort empfehlen?

SARR: Den afrikanischen Teilnehmern wollen wir raten, die Diskussion in ihren Ländern zu steuern. Beim Museum der schwarzen Zivilisation in Dakar gibt es dafür bereits eine Bühne. Die Infrastrukturen sind in den Ländern zwar verschieden, aber die Museen als Institutionen ähneln sich. Die Methodologie, wie eine Restitution vorbereitet wird, bleibt gleich. Dabei hilft unser Bericht: Wie funktioniert das, an wen sollte man sich wenden? Vor allem die Politiker, die Kulturminister in Afrika müssen sich überlegen, wie sie die Objekte resozialisieren unf die Jugend wieder an die Geschichte heranführen wollen.

Daran wollen sich auch die europäischen Länder beteiligen. Das Auswärtige Amt plant eine Agentur für internationale Museumszusammenarbeit. Besteht da nicht wieder die Gefahr, dass der Diskurs von europäischer Seite dominiert wird?

SARR: Wir brauchen Kooperationen, keine Hilfe. Die Europäer können umgekehrt von afrikanischer Expertise lernen, wie mit den Objekten umzugehen ist, was sie bedeuten.

SAVOY: Ich glaube, wir brauchen eher die Hilfe. Wir haben falsche Vorstellungen von Afrika in seiner Diversität. Es heißt immer pauschal: Die haben keine Museen, keine Experten, keinen Begriff von Kulturerbe, kein Interesse daran. Bei unseren Reisen habe ich erfahren, dass es dort sehr wohl eine präzise Kenntnis sowohl der eigenen als auch unserer Kultur gibt. Wir sind blind auf einem Auge. Wir sehen nur die westliche Welt. Das Augenöffnen geht nicht ohne Hilfe.

Was bedeutet das für das Humboldt Forum und seine Konzeption?

SAVOY: Mir fällt es schwer, dazu etwas zu sagen, weil sich gerade viel ändert. Das Humboldt Forum ist nicht mehr das gleiche wie vor einem Jahr. Dass Intendant Hartmut Dorgerloh und Sammlungschef Lars-Christian Koch jetzt offen und unverkrampft über die koloniale Herkunft der Objekte sprechen können, ist ein Fortschritt. Die letzten zehn Jahre, in denen das Thema lieber nicht angesprochen wurde, sind definitiv vorbei. Nur ging viel Zeit verloren

Stiftungspräsident Parzinger hat einen speziellen Raum für das Humboldt Forum vorgeschlagen, um der Opfer des Kolonialismus zu gedenken. Was halten Sie davon?

SARR: Ich habe gehört, es soll ein „Raum der Stille“ werden. Gebraucht wird keine Stille, sondern eine Haltung. Ein solcher Raum scheint mir eher eine Möglichkeit, den ganzen Komplex unbearbeitet zu lassen. Stattdessen bedeutet er aber sehr viel psychologische, intellektuelle und historische Arbeit.

Sie haben den Kolonialismus und seine Folgen als eine europäische Familienangelegenheit bezeichnet. Inwiefern?

SAVOY: Alle ethnologischen Museen in Europa haben eine ähnliche Sammlungsgeschichte. Das Stuttgarter Linden-Museum kommt mit seinem Forschungsbericht über die Herkunft der Objekte zu einem sehr ähnlichen Ergebnis wie wir. Wenn auch Hamburg, Berlin, Wien, Le Havre und London solche Untersuchungen machen würden, käme ebenfalls das Gleiche heraus. Das ist die DNA dieser Museen: 60 bis 90 Prozent stammen aus kolonialem Kontext. Ob man nun alle aus dieser Familie an einen Tisch holt und das Familiengeheimnis lüftet oder einer sich alleine vorwagt, ist egal. Entscheidend ist der Schritt heraus.

Sie empfehlen, Rückgabeverhandlungen mit Regierungen zu führen, nicht etwa mit Nachfahren von Königsfamilien. Warum?

SARR: Die jeweiligen afrikanischen Staaten sollen entscheiden, wie mit den Objekten umzugehen ist, wem sie auszuhändigen sind, den Museen oder Erben. In Kamerun, Benin, Senegal, Mali haben die enteigneten Familien nichts dagegen, dass der Staat ihre Stücke zurückfordert und dann im Land weiterverhandelt wird. Dort gibt es dafür bereits eine Praxis.

SAVOY: Dahinter steckt auch Pragmatismus. Wir wussten, dass dieser Punkt extrem wichtig ist – auch als Verhinderungsgrund für Restitutionen, weil es ansonsten angeblich nur Streit untereinander gäbe. Vom Auswärtigen Amt in Frankreich haben wir erfahren, dass dort nur Restitutionsforderungen von souveränen Staaten angenommen werden, als juristisch einzig gangbarer Weg. Daran haben wir uns gehalten.

Die "Zone Afrique" im Pariser Musée du quai Branly. Foto: Quai Branly/Patrick Tourneboeuf Vergrößern
Die "Zone Afrique" im Pariser Musée du quai Branly. © Quai Branly/Patrick Tourneboeuf

Wieso raten Sie nur zur Rückgabe, nicht zu Leihgabe oder Zirkulation der Objekte?

SARR: Bei Leihgaben geht es am Ende wieder nur um die Besitzfrage: wann etwas wieder zurückkehrt. Wir möchten ein Gleichgewicht beim gegenseitigen Austausch. Wir wollen nicht, dass die Legitimität einer Ausstellung bei uns hinterfragt werden kann. Zirkulation ja, aber erst nach der Restitution. Eine ausgewogene Zirkulation bedeutet, dass beide Seiten Objekte ins Spiel bringen können.

SAVOY: Felwine Sarr hat den Begriff vom „Monopol der Zirkulation“ geprägt. Wer entscheidet, was zirkuliert? Wenn künftig etwa Senegal zunächst etwas nach Mali und nicht nach Frankreich ausleiht, dann müssen wir das akzeptieren. Es ist wichtig, die Objekte erst einmal innerhalb Afrikas zirkulieren zu lassen, wenn die Verantwortlichen vor Ort das für richtig halten. Und es gibt noch andere Verbindungen, zum Beispiel von Benin nach Brasilien, die wir von Europa aus nie herstellen können, wenn wir die Stücke immer nur nach New York oder London herausgeben.

Warum hat es so lange gedauert, bis die ethnologischen Museen anfingen, sich mit den moralischen Implikationen ihrer Sammlungen auseinanderzusetzen?

SAVOY: Wir haben bei den Recherchen festgestellt, dass die jetzt von uns geleistete Arbeit für Frankreich Anfang der 80er Jahre schon einmal gemacht wurde. Schon damals wurde detailliert über Restitution nachgedacht, und schon damals lautete die Antwort einer prominent besetzten Kommission: Ja, sie wäre richtig! Europa war schon einmal sehr nahe dran. Das Ganze ist dann nur 40 Jahre lang vergessen worden. Es gab Netzwerke, Lobbys, offensichtlich solche Angst, dass wir heute nicht einmal mehr wissen, wie weit die Behörden und die Öffentlichkeit damals waren. Das hat damit zu tun, dass Museen politisch sind. Sie sind symbolisches und reales Kapital. In Frankreich ist das Patrimoine, das nationale Erbe, eine heilige Kuh.

Und jetzt gibt es eine jüngere Generation von Wissenschaftlern mit weniger Berührungsängsten?

SARR: Es gibt immer eine Phase, in der eine bestimmte Debatte überhaupt erst geführt werden kann. Diese Temporalität lässt sich nicht vorhersagen.

SAVOY: Für uns war das Terrain jedoch vorbereitet. Seit zehn Jahren wird das Thema von Künstlern, Filmemachern, Theaterleuten und sogar Choreografen angesprochen, auch von Aktivisten und Vereinen. Sie wurden aber lange nicht ernst genommen. Beim Richtfest für das Humboldt Forum wurden einige als „postkoloniale Spontis“ diskreditiert. Heute werden diese Stimmen gehört.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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