Jannis Niewöhner als Felix Krull. Foto: Warner Brothers
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„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ im Kino Entkleide mich, du kühner Knecht

Detlev Buck hat Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ in einen ranzigen Kostümfilm verwandelt. Jannis Niewöhner überzeugt in der Titelrolle.

Die beste Nachricht vorneweg: Jannis Niewöhner macht sich gut als Horst Buchholz. Buchholz verkörperte Thomas Manns unwiderstehlichen Blender Felix Krull in Kurt Hoffmanns Komödienklassiker von 1957 voller jugendlichem Schmelz und Bauernschläue.

Niewöhner, der zuletzt in der Hesse-Verfilmung „Narziss und Goldmund“ den Hedonisten Goldmund spielte, toppt ihn als etwas älterer Felix Krull in Sachen Charisma und Sex Appeal. Dafür übertreibt er es mit der menschelnden Interpretation des Hochstaplers als gutem, aber mittellosem Kerl, den die Verhältnisse zum Täuschen und Stehlen zwingen.

Schriftsteller Daniel Kehlmann verfasste das Drehbuch

Der eigentliche Reiz des unvollendeten Romans von Thomas Mann, der 1954 erschien und mit den „Buddenbrooks“ zu seinen populärsten Werken zählt, liegt allerdings darin, dass Krull seine Lebensweise des Schmeichelns und Tricksens um ihrer selbst Willen lebt – und sie dadurch zur Kunst erhebt. Der Hochstapler als geschmeidiger Surfer auf den Wellenkämmen und -tälern des Lebens, als Spieler ohne bürgerliche Moral, der sich trotzdem erdreistet, zu moralisieren. Davon erzählt Mann in seinem in Ich-Form verfassten Schelmenroman in einer gedrechselten, schwül parfümierten Kunstsprache.

Den Job, daraus ein Drehbuch zu machen, hat Detlev Buck dem Schriftsteller Daniel Kehlmann überlassen, der jüngst erst das lakonische Buch zu Daniel Brühls Regiedebüt „Nebenan“ lieferte. Der Lakoniker Buck wiederum hat 2012 Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ verfilmt, nun folgt der nächste gemeinsame Streich. „Felix Krull“ prunkt mit erlesenen Settings, raschelnden Roben und einer Allstar-Besetzung bis in die Nebenrollen. Im Paris des Jahres 1905, wohin es den jungen Krull nach dem Bankrott und Selbstmord des Vaters, eines Champagner-Herstellers, verschlägt, treffen sich alter Adel und neureiche Millionäre.

Alsbald machen beide Klassen dem im Grandhotel vom Liftboy zum Kellner aufsteigenden Krull Avancen. Etwa Madame Houpflé, die frivole Gattin eines Kloschüsselfabrikanten, die Maria Furtwängler Gelegenheit bietet, sich als Nymphomanin zu profilieren. Seltsame Besetzungsidee. Die groteske Szene, in der sie Felix, der sich im Hotel Armand nennt, zum Beischlaf nötigt, stammt aus der Vorlage: „Du wagst es, entkleidest mich, du kühner Knecht“, herrscht Madame den Domestiken an, den sie für seine Dienste großzügig entlohnt.

Sehr heutig, also nach Kehlmann, klingt dagegen ein Satz, den Felix’ wahre Herzensdame Zaza ihm entgegenschleudert, als sie einmal mehr bezweifelt, dass der Luftikus zum soliden Familienleben taugt: „Unmöglich für dich, weil du du sein müsstest und das erträgst du nicht, du zu sein.“ Liv Lisa Fries’ kesse Zaza, die ihrerseits einen reichen Mann zum Heiraten braucht, bekommt – wie sich das 2021 gehört – bei Buck mehr Stärke und Raum als weiland Liselotte Pulver.

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Eine weitere Minimalmodernisierung des Stoffs liegt im Ausbau der sozialen Klassen im Hotel. Der Oberkellner Stanko aus dem ärmlichen Personalschlafsaal, der im Roman nur eine Nebenfigur als Gaunerfreund darstellt, wird im aasig chargierenden Spiel von Nicholas Ofcazrek zum bedrohlichen Paten. Im Verein mit dem Portier (Dominique Horwitz) stellt Stanko die korrupte Hotelmafia dar, die nach oben buckelt und nach unten tritt. Ein pittoresker Touch „Grand Budapest Hotel“ ist in der Überzeichnung inbegriffen, nur fällt sie bei Buck derber als bei Wes Anderson aus.

Dem Affen Zucker zu geben, daran hat sichtlich auch David Kross Spaß, der mit angeklebtem Riesenschnäuzer den vertrottelten Marquis de Venosta spielt. Auch der Marquis ist in Zaza verliebt, doch die Eltern verbieten die unstandesgemäße Partie. Als Ablenkung soll der Junior auf Weltreise gehen, doch der will partout bei Zaza bleiben. Krull wittert die Chance auf ein luxuriöses Abenteuer und bietet sich als Double an.

Sogar den König von Portugal vermag er zu täuschen. Krull, das soziale Chamäleon, ist immer, was sein Gegenüber in ihm sehen will. Ein Illusionist, der das Bedürfnis der Welt erfüllt, geblendet zu werden. Zu seinem Vorteil, versteht sich.

[In 13 Berliner Kinos]

Angesichts der Faszination, die das flirrende Hochstapler-Motiv in Filmen wie „Der talentierte Mr. Ripley“ oder „Catch Me If You Can“ verströmt, ist enttäuschend (das ist die schlechte Nachricht), was für einen ranzigen Kostümfilm Detlev Buck inszeniert hat. Allerdings zeigt sich bei der erneuten Lektüre des „Felix Krull“, den man als Gymnasiastin mal sehr amüsant fand, dass das auch an der Vorlage liegt, die in ihrer Manieriertheit heute reichlich verzopft klingt.

Gerade da täte ein beherzter Zugriff und keine lahme Werktreue Not. Dominik Graf hat mit „Fabian“ gerade den Standard gesetzt, wie man Klassiker aufsprengt und aufregend neu zusammensetzt. Messlatte gerissen, leider.

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