In der Episode "Mangrove" protestieren die Anwohner des Londoner Stadtteils Notting Hill gegen Polizeiwillkür. Foto: ddp images/Capital Pictures
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BBC-Serie „Small Axe“ Die einsamen Londoner

Steve McQueen schildert in der Anthologie-Serie „Small Axe“ das Leben karibischer Einwanderer in England. Ein Meilenstein.

Irgendwann hat sich der schläfrige Backbeat in einem Zustand perfekten Gleichgewichts eingegroovt. Frauen- und Männerkörper schunkeln eng aneinandergeschmiegt zu einem sanften Reggae-Rhythmus. Die Kamera schwebt zwischen den tanzenden und knutschenden Pärchen, bewegt sich wie wohlig eingelullt, bleibt immer wieder an den Körpern hängen: Hände suchen nach Halt beim Tanzpartner, Köpfe ruhen auf Schultern, stumme Lippen singen den Text mit. Sie kennen die Worte im Schlaf: „I’ve been wanting you / For so long, it’s a shame / Oh, baby / Every time I hear your name (Oh, the pain) / Boy, how it hurts me inside“.

Als die letzte Rille von Janet Kays „Silly Games“ schließlich ausläuft, übernimmt die Menge einfach. Minutenlang singen die Frauen weiter, in einer Mischung aus Trance und Ekstase, die Tanzschritte geben nun kaum hörbar den Rhythmus vor. Eines der schönsten Liebeskummerlieder wird zum Moment der Selbstbehauptung.

Diese höhere Bewusstseinsstufe erreicht Steve McQueens fünfteilige Anthologieserie „Small Axe“ in der Mitte des zweiten Films, der nach der Musik benannt ist, die wie keine zweite identitätsstiftend für die zweite karibische Einwanderergeneration in England war: Lovers Rock.

Eine Spielart des Reggae, romantischer, souliger, stärker vom R’n’B beeinflusst, die aus England Mitte der siebziger Jahre nach Jamaika re-importiert wurde. 1979 erklomm „Silly Games“ die britischen Charts; es war auch das erste Mal, dass eine Künstlerin karibischer Herkunft live bei „Top of the Pops“ auftrat.

Ein Leben für Reggae und Lovers Rock

McQueen und sein Ko-Autor Alastair Siddons fangen diesen Moment schwarzer britischer Jugendkultur ein, ohne die Hintergründe groß zu thematisieren. „Lovers Rock“ spielt 1980 auf einer Hausparty, die die Einwandererkinder aus Jamaika, Trinidad und Grenada selbst organisiert haben, weil ihnen in den weißen Clubs der Einlass verwehrt wird.

Diese „Blues-Partys“ waren ein wichtiger Bestandteil der karibischen Community: In der Küche wird das Essen aus der Heimat zubereitet, im Wohnzimmer das Soundsystem aufgebaut, die Frauen und Männer putzen sich heraus. Es ist ein wenig wie in „Saturday Night Fever“, eine Flucht aus dem Alltag. Nur dass der Songtitel „Staying Alive“ für die jungen schwarzen Briten Ende der Siebziger noch eine gefährliche Konnotation besaß.

In dem erratischen Filmjahr 2020 bildete Steve McQueens Miniserie „Small Axe“ vielleicht einen bezeichnenden Abschluss. Für die BBC als eine Anthologie von fünf alleinstehenden Filmen produziert, hätte „Mangrove“, der erste und mit über zwei Stunden längste Teil, vergangenen Mai in Cannes laufen sollen. Da das Festival ausfiel, erhielt er ein Palmensiegel (McQueen widmete die Auszeichnung George Floyd). In Deutschland sind die Filme nun auf Amazon Prime zu sehen.

Die karibischen Einwanderer erfahren Rassismus

Man kann verstehen, warum der britische Oscar-Preisträger – für „12 Years a Slave“ – die Idee elf Jahre mit sich herumtrug. McQueen erzählte im November dem Magazin „Sight & Sound“, dass er als Filmemacher erst jetzt reif genug für dieses Projekt sei. Die fünf Filme beruhen auf sehr persönlich gefärbten Erfahrungen und Erinnerungen der karibischen Einwanderer, die wie seine Eltern in den fünfziger Jahren nach England kamen.

Der britische Regisseur Steve McQueen gewann einen Oscar für sein Rassismusdrama "12 Years a Slave". Foto: REUTERS Vergrößern
Der britische Regisseur Steve McQueen gewann einen Oscar für sein Rassismusdrama "12 Years a Slave". © REUTERS

Für die „Windrush Generation“, benannt nach dem Schiff, mit dem 1948 die ersten 492 Einwanderer aus dem Commonwealth in England landeten, war die Ankunft kein stolzer „Ellis Island“-Moment wie im amerikanischen Gründermythos. Ähnlich wie die deutschen „Gastarbeiter“ aus der Türkei, Griechenland und Italien waren die Familien aus den westindischen Kolonien über den Atlantik geholt worden, um beim Wiederaufbau der Nachkriegswirtschaft zu helfen.

Sie trafen dort auf ein gesellschaftliches Klima und eine Politik, die sie in nahezu allen Lebensbereichen diskriminierten: bei der Wohnungssuche, der Jobwahl, in den Schulen. In seinem Roman „The Lonely Londoners“ von 1956 beschreibt der in Trinidad und Tobago geborene Sam Selvan die Erfahrungen der ersten Einwanderer, die in England auf ihr soziales Netzwerk aus der Heimat angewiesen waren.

Teil einer britischen black experience

„Small Axe“ blickt mit jedem Film, angesiedelt zwischen den Jahren 1968 und 1984, in einen anderen gesellschaftlichen Bereich, basierend auf realen Figuren. McQueen umgeht aber die Fallen des Biopics, schon weil viele Briten die Biografien oder die Aspekte der Biografien, die „Small Axe“ fokussiert, kaum kennen.

Alex Wheatle, der Protagonist des vierten Films, ist heute ein bekannter Kinderbuchautor, aber McQueen und Siddons beschränken sich auf seine Jahre im Adoptionssystem und im Jugendgefängnis, wo er sich das Lesen selbst beibrachte. Sie erwähnen am Ende zwar in zwei Titeltafeln Wheatles späteren Werdegang, aber keine der Biografien in „Small Axe“ wird als exzeptionell geschildert. Sie alle sind Teil einer britischen black experience.

Allein „Mangrove“ endet mit einer Triumphgeste. Im Mittelpunkt stehen die neun Angeklagten, die 1970 im Londoner Stadtteil Notting Hill bei Protesten gegen Polizeiwillkür verhaftet und vor Gericht gestellt wurden. Das titelgebende Restaurant ist in der karibischen Gemeinschaft ein zentraler Ort: Hier bekommt man die authentische heimische Küche, auf einer spontanen Straßenparty spielt eine Steeldrum-Band und im Keller wird gezockt.

Liebevolles und akribisches Produktionsdesign

Die Polizei ging Ende der Sechziger immer wieder gegen den Besitzer Frank Crichlow vor, bis es den Anwohnern, vor dem Hintergrund der Ausschreitungen wegen zunehmender Polizeigewalt zehn Jahre zuvor, reichte. Das Gerichtsdrama „Mangrove“ setzt an dem Moment an, in dem sich in England erstmals ein organisierter schwarzer Aktivismus quer durch alle karibischen und afrikanischen Fraktionen formierte.

Dazu gehörten der Geschäftsmann Frank Crichlow genauso wie die Intellektuellen Darcus Howe und Barbara Beese sowie Black-Panther-Anführerin Altheia Jones (gespielt von Letitia Wright, einer der wenigen Stars im Ensemble).

Auch Notting Hill befindet sich gerade im Umbruch. Über den niedrigen Häuserzeilen erhebt sich bedrohlich wie der Todesstern die Baustelle der Westway-Hochstraße, die bald mitten durch den migrantischen Stadtteil schneiden wird. Es ist der einzige CGI-Effekt: Lokal- und Zeitkolorit sind in „Small Axe“ das Resultat eines liebevollen und akribischen Produktionsdesigns.

Keine klassischen Heldengeschichten

Darcus (Malachi Kirby) zitiert im Gespräch mit Frank (Shaun Parkes, eines dieser zahlreichen Talente, die McQueen entdeckt hat) den Historiker C. L. R. James: „Wir können unsere Befreiung nur aus einer eigenen Bewegung heraus erlangen. Deine Strategie, Frank, verlässt sich auf das weiße Establishment. Unsere neuen Führer brauchen eine Perspektive, sie müssen tief in der Community verwurzelt sein.“

Diese Forderung fächert McQueen, der bei allen fünf Filmen Regie geführt hat, in vielen Facetten auf. Wie schwierig sie zu realisieren ist, zeigt der Mittelteil „Red, White and Blue“ um den Biochemiker Leroy Logan (John Boyega), der seine Forschungskarriere aufgibt, um als Polizist seiner Nachbarschaft zu helfen. Er scheitert an den internen Widerständen und dem systemischen Rassismus der Polizei.

„Red, White and Blue“ ähnelt am ehesten einer klassischen Heldengeschichte, er hat mit Boyega auch die größte Starpower. Im Zusammenspiel aber funktionieren die Teile wie ein fein austariertes Mobile. Der schönste, bewegendste Film „Education“ erzählt McQueens eigene Erfahrungen im britischen Förderschulwesen („educationally subnormal schools“), das die Einwandererkinder bis weit in die achtziger Jahre systematisch benachteiligte.

Auch in der BBC gab es Rassismus

Dass sich die BBC dieses Projekts angenommen hat, ist ein Sinnbild später Gerechtigkeit. Die Rundfunkanstalt hat die Thematisierung von Rassismus und die Förderung von People of Color lange selbst verhindert. Von der Dokumentation „Sadly, It Ain’t Half Racist, Mum“ des Kulturkritikers Stuart Hall distanzierte sich der Sender 1979, die Dokumentation „Blacks Britannica“ von 1978 wurde, auch auf Druck der konservativen Regierung, nie ausgestrahlt.

„Uns fehlen heute zwei Generationen von schwarzen Künstlerinnen und Künstlern, weil uns die Industrie feindselig gegenüberstand“, sagte McQueen im Interview mit „Indiewire“.

Mit „Small Axe“ können die Briten stolz auf den Bildungsauftrag ihrer Öffentlich-Rechtlichen sein. Man fragt sich nur, wo die deutschen Filmemacherinnen und Filmemacher sind, die eine ähnliche Geschichte aus Sicht der „Gastarbeiter“-Generation erzählen könnten. Auf eine migrantische Version von Edgar Reitz’ „Heimat“-Zyklus müssen wir weiter warten. (Auf Amazon Prime)

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