„Farbe ist Lebensfreude“, wusste Bruno Taut. Im Bild die Magdeburger Otto-Richter-Straße. Foto: Lehmann
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Bauhaus in Sachsen-Anhalt Wie aus Magdeburg die „Bunte Stadt“ wurde

Zwischen den Jahren 1925 und 1929 entstand westlich der Magdeburger Innenstadt die Beimssiedlung. Ein Vorzeigeprojekt des Neuen Bauens.

Mit ihrem Oberbürgermeister hatten die Magdeburger ein Riesenglück. 1919 war der Sozialdemokrat Hermann Beims ins Amt gewählt worden – ohne Gegenstimme übrigens – und kümmerte sich sofort um das, was am dringendsten gebraucht wurde: neue Wohnungen. Nicht irgendwelche, sondern solche, „die Ansprüche auf Gesundheit, auf Wohlbefinden, auf Sonne, auf gute Luft, auf gute Kinderspielplätze und Grünanlagen befriedigen“.

Zwischen den Jahren 1925 und 1929 wurden westlich der Magdeburger Innenstadt 2000 Wohnungen realisiert. Grundlage war der von Bruno Taut erarbeitete Generalsiedlungsplan für die „Stadt des Neuen Bauens“. Jede Wohnung hatte im Durchschnitt 63 Quadratmeter, zugeschnitten für vier bis fünf Personen. Die Gebäude der Hermann-Beims-Siedlung sind interessant versetzt, vor den Häusern befinden sich Vorgärten, dahinter Grünanlagen.

Der Avantgardist Taut war von Beims 1921 zum Stadtbaurat berufen worden, obwohl er keinerlei Erfahrung mit Behörden hatte. In der Architektenbranche aber galt er als kreativer Kopf und konnte nun seine Ideen in Magdeburg umsetzen. Der Architekt liebte es bunt. „Die vergangenen Jahrzehnte haben durch ihre rein technische und wissenschaftliche Betonung die optische Sinnenfreude getötet. Grau in graue Steinkästen traten an die Stelle farbiger und bemalter Häuser ... Wir bekennen uns zur farbigen Architektur“, schrieb er.

Die Otto-Richter-Straße wurde zu einem expressionistischen Gesamtkunstwerk

Auch in den Räumen sollte es bunt zugehen. In der Museumswohnung der Hermann-Beims-Siedlung (Beimsplatz 5) sind jene Farben rekonstruiert, in denen die Räume einst für die Erstmieter gestrichen worden waren. Das Schlafzimmer in kräftigem Grün, das Wohnzimmer in Rauchblau, der Flur in Orange. „Farbe ist Lebensfreude“, wusste Bruno Taut. Und: Sie kostete kaum Geld. Ob die Mieter sich mit den farbigen Wänden arrangierten oder sie bald umstrichen, ist nicht belegt.

Während die Häuser in der Völpkerstraße gelb verputzt sind und rot umrandete, mehrsprossige Fenster haben, sind die Fassaden in der Otto-Richter-Straße zu einem expressionistischen Gesamtkunstwerk geworden. Ausgedacht hatte sie sich Tauts Mitarbeiter Carl Krayl, Leiter des Entwurfsbüros im Hochbauamt. Bis 1922 wurden in der Innenstadt 80 Hausfassaden nach seinen kühnen Entwürfen farbig gestaltet. Wenn sie auch nicht allen Bürgern gefielen, so lockten sie doch zahlreich neugierige Besucher an. Der reklameträchtige Titel „Bunte Stadt Magdeburg“ war geboren. 2004 wurden die Fassaden in der Otto-Richter-Straße wieder hergestellt – und sind nun in ihrer ganzen Pracht zu bewundern.

Wie man zweckmäßig und zudem schön bauen kann, ist in Magdeburg nicht nur in der Hermann-Beims-Siedlung zu besichtigen. Auch in der Gartenstadt-Kolonie Reform fanden Menschen in den 20er Jahren ihr perfektes Zuhause. Wieder ist eine Museumswohnung zu besichtigen, die übrigen Häuser der Kolonie wurden denkmalgerecht modernisiert. So ist Gutes geblieben. Nur die Autos vor den bunten Türen stören.
Die Beims-Museumswohnung kann auf Nachfrage besichtigt werden. WOBAU Kundencenter Süd, Flechtinger Straße 22a, Telefon: 0391 / 610 46 40. Touren zur Magdeburger Moderne legt Magdeburg Tourismus im kommenden Jahr auf magdeburg-tourist.de sowie telefonisch 0391/6360 14 02

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