„Die Kaffeetrinkerin“ von Johann Christian Wilhelm Beyer stammt aus der Porzellanmanufaktur Ludwigsburg, erschaffen um 1765/70. Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Saturia Linke
© Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Saturia Linke

Ausstellung "Rokokowelten" Der Ursprung des Zwiebelmusters

Das Kunstgewerbemuseum präsentiert seine Porzellan- und Fayencensammlung neu – und vertut eine Chance

Die Raffinesse liegt im Detail. Wer sich nicht die Nase an den gläsernen Vitrinen des Kunstgewerbemuseums plattdrückt, dem entgeht etwas. Die zarten Blüten auf dem hellroten Rock der „Kaffeetrinkerin“ zum Beispiel, die seit 250 Jahren ihre ebenfalls mit Blumen gemusterte Kanne über eine puppenstubenhaft kleine Porzellantasse hält. Die ganze Figur, von Johann Christian Wilhelm Beyer und damit von einem der großen Modellmeister der Porzellan-Manufaktur Ludwigsburg gefertigt, besteht aus dem edlen Material. Doch das sieht man bloß am hellen Teint der Schulter und den nackten Armen unter gerafften Ärmeln. Ansonsten haben die Maler dieser Zeit mit ihren Mikropinseln ganze Arbeit geleistet: Das Kleid wirkt wie fließender Stoff, auf dem Kopf ist jedes Haar sichtbar. Und die Frau selbst scheint mitten in einer komplexen Drehung vom Tischchen weg zum Schoßhund auf der anderen Seite ihres Hockers eingefroren.

Triumpf über die Meister aus China

„Rokokowelten“ heißt die neue Präsentation der Porzellan- und Fayencensammlung im Haus am Kulturforum. Ihren Kern bilden kostbare Objekte des 18. Jahrhunderts aus diversen deutschen Manufakturen wie Meißen, Berlin oder Nymphenburg. Es war die Ära des Triumphs europäischer Künstler über die Meister aus China, die Mühsal der Experimente und des Imports. Nachdem in Dresden 1708 die ersten Hartporzellane hergestellt werden konnten, entwickelte sich das elaborierte Handwerk in Siebenmeilenstiefeln fort. Man schuf Einzelfiguren, ließ Gruppen parlieren oder musizieren, fantasierte über exotische Tiere und schuf höfische Service von einer Schönheit, die das Essen zu überblenden drohte.

Die umsortierte Dauerausstellung teilt sich in zwei mit verschiedenen Farben unterlegte Stränge. Der thematische Rundgang lenkt den Blick auf herausragende Werke. Hier zählt nicht länger die Herkunft der Objekte, sondern ihr ikonografischer Zusammenhang: Welche Reliefmuster oder Dekore wurden von den einzelnen Werkstätten übernommen und variiert? Galante Szenerien spiegeln den aristokratischen Zeitvertreib: Theater, Musik, subtile Erotik und Chinoiserie, wie sie etwa in der Figur des „Chinesen mit Tschinellen“ zum Ausdruck kommt.

August der Starke war vernarrt in Porzellan

Die feine Plastik, um 1768 in der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin entstanden, verkörpert die Sehnsucht nach dem abenteuerlich Fremden ebenso wie die Qualität jener Skulpturen en miniature, die dank der künstlerischen Konkurrenz immer neue Spitzenwerke generierte. Der andere Spaziergang durch die Schau mit ihren gut 450 Exponaten erfolgt als „Studiengalerie“, die die Porzellane nach der Herkunft ordnet.

Den Eingang zur Ausstellung markiert nun ein kleiner Exkurs zur Geschichte des „weißen Goldes“. Er erklärt den Unterschied zwischen den preiswerteren Fayencen und jenem echten Porzellan, von dem ein Herrscher wie August der Starke nicht genug bekommen konnte, weshalb er den Porzellanerfinder Johann Friedrich Böttger zu seinem Staatsgefangenen machte. Der Status, den das arkane Rezept dem Kurfürsten von Sachsen verlieh, war enorm. So simpel die Zutaten – Kaolin, Feldspat und Quarz – daherkommen, so komplex und geheimnisvoll verhielt es sich mit der richtigen Rezeptur und ihrem Brennen. Ein anderes Kapitel von „Rokokowelten“ widmet sich der aufwändigen Herstellung.

Unwille zur sinnlichen Präsentation

Dazwischen erfährt man einiges über den frühen Handel mit Asien, Delfter Porzellan, den Ursprung des Zwiebelmusters – den in Europa unbekannten Granatapfel – und schließlich die Einbettung des Porzellans in den höfischen Alltag. Genau hier wundert man sich das erste Mal, wenn im Museum eine festliche Tafel das strenge Arrangement zu Tisch ausschnitthaft rekonstruiert. Hinter Glas stehen prächtige Terrinen, Platten und Teller – auf einem Tisch aus weißem Resopal mit dünnen Metallbeinen. Als habe man ein Stück aus dem Büro zweckentfremdet, um die gestalterische Ärmlichkeit der Gegenwart mit dem Überfluss von damals zu kontrastieren.

Dieser Unwille zur sinnlichen Präsentation setzt sich fort in der trockenen Ausstellungsarchitektur. Als gäbe es keine Beispiele, wie ein Einstieg auch jenseits allen Expertentums gelingt. Man stellt sich vor: Zarte Gazebahnen, auf der feine Details von Tellern und Kürbisvasen in Nahsicht hervorgehoben werden. Oder wenigstens Fotografien, die die Exponate als Wandtapete begleiten und einem dank schierer Vergrößerung die malerische Schönheit auf Porzellan visuell nahebringen. Es hätte ein Spiel zwischen Mikro- und Makrokosmos werden können, eine Einladung zur lustvollen Reise. Denn Porzellan ist eine mühsame Kunst, man muss sich einsehen. Davon aber ist „Rokokowelten“ so weit entfernt wie der Gutbrot-Bau aus den späten Sechzigern vom ornamentalen Überschwang des 18. Jahrhunderts. Christiane Meixner

Kunstgewerbemuseum, Kulturforum, Matthäikirchplatz, Di-Fr 10-18 Uhr, Do 11-18 Uhr

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