Do it yourself. Alexander Niklitscheks „Ratschläge für Amateurphotographen“ von 1934. Foto: Albertina Wien
© Albertina Wien

Ausstellung in Wien Wie die Fotografie ins Buch kam

Am Rockzipfel der Wirklichkeit: Eine Ausstellung in der Albertina in Wien spürt den Anfangen des Fotobuchs nach.

„Dem kühn geschweiften Fragezeichen / Scheint der Flamingo uns zu gleichen“, hebt ein achtzeiliger Reim an, der die rosarot kolorierte Abbildung einer 14-köpfigen Gruppe von Flamingos in dem Kinderbuch „Die neue Arche“ begleitet. Das Buch erschien zu Weihnachten 1922 in der Österreichischen Staatsdruckerei und zeigt „Dreißig Tierbilder nach photographischen Naturaufnahmen aus dem Schönbrunner Tiergarten“.

Dabei kamen zwei verschiedene Druckverfahren zur Anwendung: zum einen die feine Rasterung der originalen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, mit der die subtilen Graustufen erhalten werden konnten, zum anderen aber ein zweifacher, flächiger Farbtondruck. Dem heutigen Auge kommen die so gewonnenen Druckwiedergaben furchtbar antiquiert vor, und die seinerzeit gerühmte Naturnähe hat sich ins Gegenteil der Künstlichkeit verwandelt.

Davon geht allerdings ein ganz eigener Reiz aus – wie von allen Büchern mit fotografischen Illustrationen, die die gegenwärtige Ausstellung der Wiener Albertina ausbreitet. Unter dem Titel „Foto.Buch.Kunst – Umbruch und Neuorientierung in der Buchgestaltung in Österreich 1840-1940“ (bis 22. September) werden rund 300 Objekte, zumeist eben Bücher, aus der ungeheuer reichen Sammlung dieses über die Grenzen eines Grafikmuseums im strengen Sinne längst hinausgewachsenen Instituts gezeigt. Dabei besteht die Pointe darin, dass dem österreichischen, von der K.-u.-k.-Zeit über die Republik bis zum großdeutschen „Anschluss“ reichenden Fotobuch der plötzliche Durchbruch zur Neuerung, wie ihn beispielhaft Deutschland oder Sowjetrussland in den zwanziger Jahren aufzuweisen hatten, versagt blieb. Stattdessen bekommt der Besucher die zumal in der Kaiserzeit ungeheuer gediegenen Erzeugnisse einer wissenschaftlich abgestützten Produktion zu sehen, die am wenigsten auf die Novität der Avantgarde ausgerichtet war, sondern auf das qualitätvolle Endprodukt.

Der Katalog ist ein Wunderwerk

Möglich wurde die Ausstellung durch die als Dauerleihgabe ins Haus gekommene Sammlung der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt mit ihren 115 000 Fotografien und dazu ihrer Fachbibliothek mit 30 000 Bänden. Lückenlos ist so die Entwicklung des Fotobuchs in seiner spezifisch österreichischen Ausprägung zu verfolgen.

Was in den glasgeschützten Schaukästen zwar zu sehen, aber der unmittelbaren Anschauung entzogen ist, kann in dem begleitenden Katalog aus der Nähe studiert werden. Dieser Katalog, der selbst in fotohistorische Sammlungen Eingang finden wird, ist ein Wunderwerk, wie es heutige Verlage ungeachtet der technischen Finesse der Reproduktion eben nicht mehr herstellen: ein Buch mit zahlreichen eingelegten und eingehefteten Reprints von Seiten oder Druckbögen historischer Fotobücher (Schlebrügge.Editor, 240 Seiten, 39, 90 €).

Darunter befinden sich vier Seiten mit Schönbrunner Zootieren samt der Reime, aus denen oben der Anfang der Flamingodichtung zitiert ist. Andere Beispiele zeigen den „Stereoskopisch-photographischen Atlas der Anatomie des Auges“ von 1901/02, die „Photographischen Sternkarten“ aus den Jahren ab 1908 oder die in Rot, Silber und Gold eingefassten Abbildungen der „Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Wiener Werkstätte“ von 1929. Jede einzelne dieser Preziosen vermittelt den Wandel der Fotografie in ihrer Verwendung als wissenschaftliche Demonstration, als Mittel der Gestaltung oder als unterhaltende Zutat. Als dann 1930 die „Neubauten der Stadt Wien“ in zwei Bänden vorgestellt wurden, war die Fotografie ganz zum eigenständigen Medium der Dokumentation geworden. Nur noch wenige Textzeilen waren zur Erläuterung notwendig.

Die Kamera hält einen Zustand fest - den sie zugleich mitvernichtet

Die in der Ausstellung gezeigten Bücher haben, einer Gebrauchsbibliothek entstammend, nicht immer den makellosen Erhaltungszustand, den man von Museumsobjekten erwartet. Das macht sie jedoch nur anziehender, weil sie eben von der Wissbegier zeugen, mit der sie einst zur Hand genommen wurden. Zugleich wird der Wandel vom „schönen“ Meisterwerk und – womöglich – Einzelobjekt zum erschwinglichen Massenprodukt gewissermaßen greifbar.

Auffällig ist der starke Anteil von völkerkundlichen bis zu anthropologischen Büchern. Über die Rolle der Fotografie bei der Vermessung der Welt wie auch des Menschen wäre eingehender nachzudenken. Bereits 1881 hieß es in einem Reisebuch aus Afrika, der Fotograf habe „alle diese Typen zu einer Zeit aufgenommen, in welcher sie noch wenig ihrer urwüchsigen Eigenthümlichkeit verlustig gegangen waren“. Die Kamera hält einen Zustand fest, den zu vernichten sie zugleich mitbewirkt.

Gegen Ende der Ausstellung findet sich das Buch „Das Bergbild mit der Leica“ von 1938, von dem vier Seiten Reprint im Katalog eingeheftet sind; so zeitlos- schön in ihrer fotografischen Technik wie der grafischen Gestaltung, dass man das Erscheinungsjahr glatt übersieht. Heutzutage könnten diese Seiten ohne Weiteres für den Verlust des alpinen Winters im Angesicht des Klimawandels stehen. So wie das gereimte Tierbilderbuch für den bereits eingetretenen Verlust der Arten.

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