Originalseiten gibt der Künstler nicht heraus, die seien mittlerweile zu fragil

Der Zeichner als Konzeptkünstler: Selbstporträt mit Maus-Maske (1989). Foto: Museum/Copyright Art Spiegelman
Art Spiegelman Der Bilderdenker

Doch damit wird man dem großen Vordenker der Form kaum gerecht. Der 1948 geborene Art Spiegelman ist seit den 1960er Jahren im Comic-Geschäft tätig. Indem die Schau seine Karriere vollständig abdeckt, kommt der Zuschauer auch in den Genuss einer kleinen Kulturgeschichte des amerikanischen Comics – ohne die Superhelden.

Begonnen hat Spiegelman in der Zeit, als die Underground-Comics gegen Zensur aufbegehrten, Tabus brachen und für erwachsene Inhalte eintraten. In den Siebzigern spielte er mit den Formen und probierte sich an autobiografischen Comics. Als Herausgeber war er an RAW beteiligt, dem bahnbrechenden Avantgardemagazin, das ab 1980 an der Schnittstelle von Kunst und Comic experimentierte und wo Spiegelman den Brückenschlag zwischen europäischen und amerikanischen Künstlern vollzog. 1986 dann „Maus“, ein Comicroman, der das literarische Potenzial des Mediums ausschöpfte und wegweisend wurde. „Im Schatten keiner Türme“, seine Reaktion auf 9/11, legte der Zeichner als großseitige Collagecomics an, als Hommage an die alten Zeitungsstrips, eine postmoderne Herangehensweise. Heutzutage arbeitet er an der Renaissance von Kindercomics mit.

So zeigt „Co-Mix“ anhand zahlreicher Comicseiten, Illustrationen und Skizzen auch verschiedene Stadien des Comics. Die von Spiegelman und Rina Mattotti kuratierte Retrospektive beeindruckt zwar durch eine konzentrierte Darstellung der Karriere des Zeichners, von Kaugummisammelkarten über Comic-Essays bis zu provokanten Illustrationen für den „New Yorker“. Aber schon bei den frühen Arbeiten wird deutlich, dass sich Spiegelmans Werk weniger über die Zeichnung, sondern über die konzeptionelle Herangehensweise definiert. Die Comics sind von Intellekt durchdrungen, alles wird seinem Ruf als Comic-Theoretiker gerecht.

Daher gibt es auch viel zu lesen im Museum Ludwig, denn für Spiegelman war es wichtig, ganze Sequenzen zu zeigen, vergrößerte Einzelbilder sucht man vergebens. Mehr als 300 Exponate sind zu sehen, im Mittelpunkt der in drei schmalen Räumen etwas gedrängt gehängten Ausstellung steht „Maus“. Reproduktionen aller Seiten sind ausgestellt, dazu Skizzen. Originalseiten gibt der Künstler nicht heraus, die seien mittlerweile zu „fragil“.

So ist die Ausstellung liebevoll im Detail, dort liegt aber auch die Kritik: Durch das Platzproblem ist die Chronologie der Werke jäh durchmischt, hinzu kommen kleinere Unachtsamkeiten, etwa die falsche Reihenfolge einer vierseitigen Geschichte. Um das Werk auch ganzheitlich greifen zu können, wären zudem Arbeiten notwendig, die den Zeichner beeinflusst haben, womöglich Comics von Wegbegleitern. Spiegelman redet zudem gerne von der „Grammatik des Comics“, doch auch diese muss sich der Zuschauer selbst erarbeiten. So bietet die Ausstellung zwar eine umfangreiche Schau der Comics von Spiegelman, dreht sich aber um sich selbst.

Das Ambiente des Museums Ludwig, in dem auch Maler des deutschen Expressionismus gezeigt werden und das eine der größten Pop-Art-Sammlungen beherbergt, könnte geeigneter nicht sein. Wie schön wäre es gewesen, Spiegelman auch in den Kontext bildender Kunst zu setzen – die Nähe von „Maus“ zu den Expressionisten wäre eine genauere Betrachtung wert. Da aber für Spiegelman – wie damals für Robert Crumb – das Kunstwerk im gedruckten Objekt besteht und nicht im Original einer einzelnen Seite, ist der Ausflug der Comics ins Museum sowieso nur eine Stippvisite. Die Kunst des Comics lässt sich noch am besten im Buch bewundern. „Der Comic ist in eine andere kulturelle Liga aufgestiegen“, hat Spiegelman vor einiger Zeit festgestellt. Das ist nicht mehr von der Hand zu weisen.

Ausstellung „Co-Mix“ bis 6. Januar 2013 im Museum Ludwig, Köln, Heinrich-Böll-Platz. Art Spiegelmans Buch „Metamaus“ erscheint am 26. September bei S. Fischer (300 Seiten, 34 Euro).

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