Anna Calvi, 37, Musikerin aus London. Foto: Maisie Cousins
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Anna Calvi und ihr Album "Hunter" Angriff der Alphafrau

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Gitarren, Gender, Drama: Die britische Musikerin Anna Calvi hat mit "Hunter" ihr drittes und bisher bestes Album veröffentlicht.

Ein bohrender Blick, ein Griff in die Haare – wer an diesem Juniabend nah an der Bühne steht, wird immer wieder zum Ziel kurzer, schneller Attacken. Anna Calvi ist im Angriffsmodus. Ihre stärksten Waffen sind ihre Stimme und ihre Fender Stratocaster. Sie lassen den zarten Körper der Musikerin auf das Zehnfache seiner Größe anwachsen – bald scheint er jeden Winkel des Betongewölbes zu berühren.

Diese selbst für Berghain-Verhältnisse ungewöhnlich intensive Performance markiert die Transformation der Anna Calvi zu einer expressiven Rockdominatrix. Nichts erinnert mehr an die früheren, statisch-zurückgenommenen Auftritte der Britin. Schien sie einst geradezu hinter ihrer Gitarre zu verschwinden, wälzt sie sich nun auf einem kleinen ins Publikum führenden Steg herum, ringt mit ihrem Instrument und treibt es dabei in irre Schmerzensschrei-Soli.

Ein paar Wochen später sitzt die 37-Jährige in weißer Bluse und mit rotem Lidschatten vor einem Hotel im Prenzlauer Berg. Wieder in Normalgröße, zurück in ihrem introvertierten Ich spricht sie mit leiser Stimme über das Berliner Konzert, bei dem sie zum ersten Mal Lieder ihres jetzt erscheinenden Albums „Hunter“ öffentlich aufführte. „Ich war extrem nervös, was sehr selten bei mir ist“, sagt sie. „Ich wollte einen Weg finden, meinen ganzen Körper einzubringen. Das war ganz neu für mich. Eine seltsame Erfahrung: Gleichzeitig empowernd und erschöpfend. Aber es hat sich richtig angefühlt.“

Anna Calvis neue Songs sind der Grund dafür, dass sie auf der Bühne jetzt eine andere ist. Ihr drittes Album heißt nicht umsonst „Hunter“ (Domino). Es handelt vom Jagen und Gejagtwerden, von Körpern und Begehren. Auf dem Cover steht der Titel in roten Großbuchstaben auf einem ebenfalls knallroten Hintergrund, davor ist Calvi im Halbprofil zu sehen. Die Hüllen ihrer ersten zwei Platten, die beide für den Mercury Prize nominiert wurden, zeigten nur Teile ihres Gesichts, jetzt gibt sie sich endlich ganz zu erkennen.

Beglückende Wendungen in melodramatische Höhen

Das gilt auch für die Musik, die – obschon sie viele Wesensmerkmale der eleganten Noir-Rock-Vorgänger aufweist – noch einmal eine neue Stufe der Verdichtung und Avanciertheit erreicht. Atemberaubend etwa, wie Calvi den Eröffnungssong „As A Man“ nach zwei Minuten mittels einer sehnsüchtigen E-Gitarren-Melodie aus seiner Midtempo-Sachlichkeit herausführt und ihrem Gesang damit einen Weg über die mächtig emporgewachsende Wall of Sound weist. Immer wieder nehmen Anna Calvis Songs solche beglückenden Wendungen, schrauben sich in melodramatische Höhen wie in „Chain“ oder entfalten reizvolle Laut-Leise-Dynamiken wie in „Wish“.

Der kraftstrotzende Klang des in den Londoner Konk Studios aufgenommenen Albums resultiert aus Calvis Wunsch, „jegliche Art von Beschränkung zu durchbrechen“. Es sei ein Selbstbefreiungsversuch, sagt sie. Ihre Attacken gelten vor allem den Gendernormen, die sie als einengend und absurd empfindet: „Es ist verrückt, dass ich aufgrund der Anatomie meines Körpers bestimmte Eigenschaften haben soll. Diese Idee, dass eine Frau süß, gefällig und zuvorkommend, haarlos und perfekt, sexy, aber nicht zu sexy sein soll.“

Stärke werde hingegen Männern zugeschrieben. Dabei seien einige der stärksten Menschen, die sie kenne, Frauen. Und so dekonstruiert Calvi im Song „Alpha“ die Idee des alpha males, also der aggressiven männlichen Führungspersönlichkeit, indem sie sich kurzerhand selber zur Nummer eins erklärt. Zu Fingerschnipsen, Vibraphon und donnernder Percussion singt sie: „Electrified statuette against the high rise/ I wanna know if I can feel alive/ I wanna know cause I’m an alpha/I divide and conquer“. Teilen und herrschen – das ist im letzten Drittel von „Alpha“ das Stichwort für die E-Gitarre, die wie ein rotierendes Sägeblatt in das Stück hineinfährt und ihm tiefe schnelle Schnitte zufügt.

Anna Calvis Gitarrenspiel ist ohnehin eine Hauptattraktion von „Hunter“. Wunderbar variabel spiegelt es sowohl ihre frühe Faszination für Jimi Hendrix als auch ihre Fähigkeit, Soundlandschaften von geradezu filmischer Plastizität entstehen zu lassen. Dabei beherrscht sie auch die ruhigeren Register, was sie etwa in dem „Swimming Pool“ demonstriert, dessen schwelgerische Grandezza an Rufus Wainwright in seinen besten Zeiten erinnert. Calvi lässt ihre Gitarre am Anfang des Stücks wie eine Harfe perlen, – Sonnenglitzern auf der Wasseroberfläche, ganz und gar zauberhaft.

Sie denkt viel und leidenschaftlich über Ungerechtigkeiten nach

Dabei ist die Gitarre Anna Calvis zweites Instrument. Die Tochter eines britisch-italienischen Psychotherapeuten- Ehepaares hatte mit sechs Jahren begonnen, Geige zu spielen. Später studierte sie an der Southampton University Violine und Gitarre. Mit Ende dreißig zählt sie nun zu den spannendsten Gitarristinnen ihrer Generation – und zu den Frauen, die derzeit das Rock-Genre, dem man ihre Musik im weitesten Sinne zurechnen kann, wiederbeleben. Neben Bands wie Dream Wife, Goat Girl oder Thunderpussy sind auch St. Vincent oder Courtney Barnett hier am Werk. Letztere hört auch Anna Calvi gern, die der Meinung ist, dass es schon immer gute Gitarristinnen gab, diese nur nie angemessenen wahrgenommen wurden. Den nicht nur im Rock herrschenden Doppelstandard beschreibt sie so:  „Einer Frau traut man nichts zu, bis sie bewiesen hat, dass sie etwas kann. Einem Mann wird grundsätzlich vertraut, bis er beweist, dass es nicht so ist.“

Anna Calvi denkt viel und leidenschaftlich über solche Ungerechtigkeiten nach. Auch weil sie sie schon früh zu spüren bekam. Als Kind fühlte sie sich als Junge, hasste Puppen, kletterte auf Bäume. Doch beim Fußball ließ man sie nicht mitspielen, weil sie ein Mädchen war. „Als ich in die Pubertät kam, fand ich das wirklich traumatisch. Plötzlich war da dieser Frauenkörper. Ich habe meine Brust abgebunden, um sie flach wirken zu lassen“, erinnert sie sich. Langsam habe sie dann gelernt, innerhalb der Parameter ihres Körpers zu leben. Heute empfindet sie Gender als ein Spektrum, wobei sie aber sowohl Frauen als auch Männer unter dem Zwang sieht, ständig ihr Geschlecht zu performen.

„Doch wer wären wir, wenn wir all diese Performance-Schichten wegreißen würden und zum pochenden Herzen des Menschen vordringen könnten?“ Genau das habe sie mit „Hunter“ zu erforschen versucht. Schon in den ersten Zeilen des Albums wirft sie die Frage auf nach dem Zusammenhang von Körper, Gender und der Möglichkeit, das andere Geschlecht zu verstehen: „If I was a man in all but my body/ Oh would I now understand you completely“, singt Anna Calvi.

Anna Calvi thematisiert lesbisches Begehren

Die Überschreitung und Verwischung von Geschlechtergrenzen wird noch einige Male auf dem Album thematisiert, am deutlichsten in „Chain“, das eine Verführungszene durch eine Frau andeutet und dessen zentrale Zeile „I’ll be the boy you be the girl I’ll be the girl you be the boy I’ll be the girl“ lautet. Was in der Endloswiederholung sehr schön die mitunter an homosexuelle Paare gerichtete Frage ad absurdum führt, wer im Bett denn nun der Mann und wer die Frau ist.

Schon früher hat Anna Calvi in Songs und Videos lesbisches Begehren thematisiert, diesmal tut sie es noch deutlicher. Zudem hat sie ein Manifest veröffentlicht, in dem sie „Hunter“ als queeres Album bezeichnet, auf dem es darum gehe, „eine subversivere Sexualität zu erforschen, die über das hinausgeht, was von einer Frau in unserer patriarchalen heteronormativen Gesellschaft erwartet wird.“ Das ist ihr auf eindrucksvolle Weise gelungen.

"Hunter" ist bei Domino erschienen. Konzert: 18.1., Astra Kulturhaus

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