Der Literaturkritiker Denis Scheck. Foto: picture alliance / Rolf Vennenbernd / dpa
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Angela Merkel, Klaus von Dohnanyi, Kurt Krömer Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Denis Scheck

Jeden Monat bespricht der Literaturkritiker die „Spiegel“-Bestsellerliste parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. Diesmal: die Rubrik Sachbuch.

Literaturkritiker Denis Scheck bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (Sommerpause bis 11.9.)

10.) Angela Merkel: Was also ist mein Land? (Aufbau, 60 S., 8 €.)

Sind die Jahre in der DDR nur biographischer Ballast? Was meinte 2015 „Wir schaffen das!“ konkret? Warum ist die Sicherheit Israels Teil der deutschen Staatsräson? Drei herausragende Merkel-Reden führen Sternstunden ihrer Kanzlerschaft vor Augen – aber auch, dass seither wirklich eine Zeitenwende eingetreten ist.

9.) Peter Hahne: Das Maß ist voll (Quadriga, 143 S., 12 €.)

Weniger Gedanken und mehr Geschwurbel als in den „Bild“-Kolumnen dieses quälend peinlichen Faselhanses lassen sich schwerlich finden: „Die Islamisierung Deutschlands ist in vollem Gang. Das sagt einem jeder arabische Taxifahrer.“ Was die Islamisierung angeht, bin ich mir nicht so sicher – von der Verblödung Deutschlands bin ich nach diesem Buch aber ganz überzeugt.

8.) Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: Bewegung (Insel, 26 €.)

„Wenn es mir gelungen ist, über viele Jahre hinweg fit zu bleiben, dann können Sie das auch! Dazu braucht es lediglich Disziplin und Willensstärke.“ Stimmt. Auch wenn dasselbe für das Schreiben vom „Zauberberg“ oder die Komposition des „Rosenkavaliers“ gilt, versammelt dieses Buch des Sportarzts Müller-Wohlfahrt nützliche Tipps, sich zu aktivieren.

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7.) Christiane Hoffmann: Alles, was wir nicht erinnern (C.H. Beck, 279 S., 22 €.)

Christiane Hoffmann wandert die Fluchtroute ihres Vaters im Winter 1945 aus Schlesien in den Westen nach und erzählt die Geschichte ihrer Familie. Ein Buch, das durch die Geflüchteten und Vertriebenen in unserer Gegenwart besonders eindringlich wirkt und an Aktualität gewinnt.

6.) Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen (Siedler Verlag, 240 S., 22 €.)

Auch wenn der Schwerpunkt dieses Essays auf der Notwendigkeit einer neuen, interessengeleiteten Außenpolitik und dem Ende unserer Affenliebe zu den USA liegt, analysiert Dohnanyi überzeugend auch die Strategie von Putins Russlands. Natürlich würde er heute nicht mehr Sätze schreiben wie: „Besteht die Gefahr, dass Russland als Energielieferant Deutschlands und Europas uns von seiner Außenpolitik so abhängig gemacht hat, dass wir erpressbar geworden sind? Die Sowjetunion hatte während des Kalten Krieges niemals auch nur den Versuch gemacht, die Abhängigkeit Deutschlands von russischen Gaslieferungen als Druckmittel auf die deutsche Politik zu benutzen.“ Tempi passati – leider.

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5.) Brianna Wiest: 101 Essays, die dein Leben verändern werden (Piper, 431 S., 22 €.)

Ein psychologischer Ratgeber, der in 101 Kurzkapiteln Hilfe für heikle Lebenssituationen anbietet. Manches ist sehr scharf beobachtet: „Menschen, die schon einmal eine Liebe verloren haben … wissen, dass man nicht jedes Mal für immer mit der Person zusammenbleiben kann, die man am meisten liebt, wohl aber ewig mit dem Versuch beschäftigt sein wird, diese Erkenntnis zu verarbeiten.“

4.) Neven Subotic/Sonja Hartwig: Alles geben (KiWi, 272 S., 22 €.)

Intellektuell reichlich unterkomplexe Lebenserinnerungen eines Profikickers, der sich heute mäzenatisch in Äthiopien engagiert.

3.) Andreas Sturm: Ich muss raus aus dieser Kirche (Herder; 250 S., 18 €.)

Der Generalvikar des Bistums Speyer rechnet mit den seit Jahrzehnten bekannten Strukturdefiziten der katholischen Kirche ab – Umgang mit Frauen, LGBTQ, Kindesmissbrauch – und begründet, warum er zu den Altkatholiken konvertiert ist.

2.) Marietta Slomka: Nachts im Kanzleramt (Droemer, 336 S., 20 €.)

Eine Einführung in den Politikbetrieb mit Seitenblicken auf die europäische Bühne, die Wirtschaft und die Geopolitik. Wahrscheinlich richtet sich dieses Buch an junge Leser, ich habe mir jedenfalls von einem Sachbuch der Moderatorin des „heute-journal“ mehr versprochen. Doch wie schreibt Slomka: „Nervige Journalisten zu ertragen, ist auch Kennzeichen einer freiheitlichen Demokratie.“

1.) Kurt Krömer: Du darfst nicht alles glauben … (KiWi, 192 S., 20 €.)

„Man kann das nicht erklären, was bei einem Depressiven im Kopf abgeht“, schreibt Kurt Krömer. Das ist ein absurdes Eingeständnis, wenn man vorhat, ein Buch über seine Depression und seinen Weg in die Therapie zu schreiben. So sehr mein Mitleid dem Kranken gilt, so sehr ärgert mich die flache, anwanzerische Sprache dieses Buchs, dessen skatologischer Stil – „drauf geschissen“, „verarschen“, „Die Beziehung war im Arsch“ – richtig nervt.

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