Mann-Forscherin Veronika Fuechtner. Annette Hornischer/American Academy
© Annette Hornischer/American Academy

American Academy am Wannsee Das Beste, was Amerika zu bieten hat

Julia Mann, Freuds Postkarten und neue Elektrizität: Amerikanische Wissenschaftler und Künstler stellten ihre aktuellen Projekte vor.

Ist die Diagnose „Narzissmus“ eine Entschuldigung dafür, andere Menschen zu verletzen? Und darf ein Spitzenpolitiker, dem eine Persönlichkeitsstörung nachgesagt wird, einfach so die Kollegen beleidigen? Im Zeitalter der Psychologie leidet leicht die Moral. Mit diesem Thema befasst sich Amanda Anderson, Professorin an der Brown University und derzeit Stipendiatin an der American Academy am Wannsee. Bei der Präsentation der Spring Fellows am Dienstagabend stellte sie ihr Projekt vor. Darunter fiel in den Anfängen auch ein Prozess, in dem Kannibalismus mit geistiger Unruhe auf hoher See entschuldigt wurde. Aktuell geht es um literarische und philosophische Zugänge zum Nachdenken und zum Grübeln über Moral.

Ex-Botschafter John Kornblum betonte in seiner Einführung, dass in dieser Akademie einmalig in der Welt das Beste sichtbar werde, was Amerika zu bieten hat und erinnerte an die Anfänge mit dem damaligen Botschafter Richard Holbrooke nach dem Abzug der alliierten Truppen aus Berlin. Der „undankbaren Aufgabe, den Stipendiaten das kulturelle Leben dieser Stadt in 15 Minuten darzustellen“, näherte sich der Dekan der Barenboim-Said Academy, Mena Mark Hanna, genial unterhaltsam, indem er drei Musikbeispiele aus der Staatsoper in ihrer Exilzeit im Schillertheater, dem Berghain und der Waldbühne vorstellte, um deutlich zu machen, wie Berlin es geschafft hat, den Weg aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu finden.

Postkartenfans: Sigmund Freud und Siegfried Kracauer

Tief in die deutsche Literaturvergangenheit wagt sich Veronika Fuechtner. Ihr Thema ist Julia Mann, die Mutter der Schöpfer großer Weltliteratur, des Nobelpreisträgers Thomas Mann und seines Bruders Heinrich Mann. Als Kind kam sie aus Brasilien nach Deutschland. In ihrer ursprünglichen Heimat spielte sie gern mit den Kindern schwarzafrikanischer Sklaven und mochte auch deren Kost aus schwarzen Bohnen und billigem Fleisch lieber als die Speisen, die im Herrenhaus der Plantage serviert wurden. Das hat Urenkel Frido Mann erzählt. Vielleicht war sie eine Art Patin für Tonio Krögers „dunkle und feurige Mutter“, die dessen Vater sich einst „von ganz unten auf der Landkarte heraufgeholt“ hatte. Julia Mann musste Protestantin und eine Art Überdeutsche werden, und wie sich dieser Migrationshintergrund auf Thomas Manns Werk ausgewirkt hat, wird der Forschungsschwerpunkt Fuechtners in ihrer Zeit am Wannsee sein.

Mit dem goldenen Zeitalter der Postkarte zwischen 1890 und 1930 hat sich Liliane Weissberg eine besondere Literaturform vorgenommen. Leicht erreichbar faszinierte das neue Medium, das Bild und Handschrift verband, auch Wissenschaftler und Künstler wie Sigmund Freud, Siegfried Kracauer und Alfred Döblin, der Ansichtskarten in großen Alben sammelte. Auch Franz Kafka war ein Postkartenfan, kommt aber noch in anderem Zusammenhang vor. Der Holtzbrinck-Stipendiat und Schriftsteller Paul La Farge will untersuchen, inwieweit sich Berliner Erfahrungen auf Kafkas Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ ausgewirkt haben. Er geht darin um einen Affen namens Rotpeter, der erläutern soll, wie er zum Menschenimitator wurde.

Volker Schlöndorff fährt im Jaguar von Max Frisch vor

Mit der Kartografie und der „Kunst des Ingenieurs“ will sich Tom Conley befassen, und Dominic Boyer mit neuer Elektrizität. Die Komponistin Carolyn Chen arbeitet an erzählenden Musikformen und Kevin Jerome Everson an einem Film über den Opel Kadett. Moira Fradinger schließlich widmet sich Argentiniens Beitrag zu einem neuen Denken über geschlechtliche Identität. Das alles knapp in fünfminütigen, allgemein verständlichen Vorträgen präsentiert, ergab ein intellektuelles Feuerwerk, das anschließend noch viele Gespräche stimulierte. Die Suche nach einem neuen Direktor ist wohl ebenfalls auf gutem Weg.

Unter den prominenten Gästen war auch Kuratoriumsmitglied Volker Schlöndorff. Er fuhr in dem Jaguar vor, den ihm einst Max Frisch nicht lange vor seinem Tod geschenkt hat. Irgendwann wird man zurückblicken auf diese Zeit und erkennen, dass auch sie voller literarischer Momente war. Elisabeth Binder

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