25.06.2022, Berlin: Die Berliner Philharmoniker mit Dirigent Kirill Petrenko. Foto: dpa/Annette Riedl
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Abend mit russischer Musik Philharmoniker geben umjubeltes Abschlusskonzert in der Waldbühne

Mit Kirill Petrenko am Dirigentenpult und Kirill Gerstein am Klavier verabschiedete sich das Orchester in die Sommerpause. Vieles war diesmal anders.

Tatsächlich wird nicht immer alles nur schlechter in der Waldbühne. Dass die Plätze seit letztem Jahr ganz durchnummeriert sind, was eigentlich der Pandemie geschuldet war, trägt doch sehr zum friedlicheren Miteinander von Ordnern und Publikum bei. Immerhin muss man auch nicht mehr extra früh da sein, um sich begehrte Plätze zu sichern.

Natürlich hatte es Diskussionen gegeben, ob es angemessen sei, dass die Berliner Philharmoniker bei ihrem traditionellen Saisonabschlusskonzert gerade in diesem Jahr einen Abend lang russische Musik spielen. Abgesehen davon, dass das Programm für Samstagabend schon lange feststand, bevor der Krieg gegen die Ukraine begann, gab der Abend selbst mit über 20.000 Zuhörern in der restlos ausverkauften Waldbühne eine ziemlich eindeutige Antwort auf die Frage.

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Das hatte auch mit zwei bemerkenswerten Open-Air-Debüts zu tun. Zum ersten Mal stand Kirill Petrenko, seit 2019 künstlerischer Leiter der Philharmoniker, hier am Pult und führte mit sommerlicher Heiterkeit durch ein Programm, das in der klanglichen Umsetzung keinen Zweifel daran ließ, dass es über die Zeiten weit erhaben ist.

Und dann gab Kirill Gerstein, der kurzfristig für den erkrankten Daniil Trifonov eingesprungen war, ein derart umjubeltes Freiluft-Debüt am Klavier, dass es die erste Zugabe diesmal sogar noch vor der Pause gab. Er ließ Sergej Rachmaninows Konzert für Klavier und Orchester souverän mit einer kühlen Klarheit ins Waldbühnen-Rund perlen, nach der sich die wattig-feuchte Gewitterluft sehnen mochte.

Die Berliner Philharmoniker geben ihr Saison-Abschlusskonzert traditionell in der Berliner Waldbühne. Foto: dpa Vergrößern
Die Berliner Philharmoniker geben ihr Saison-Abschlusskonzert traditionell in der Berliner Waldbühne. © dpa

Zwei Bildschirme rechts und links der Bühne machten es möglich, dass man selbst von weiter hinten, auch optisch den erstaunlichen Lauf der Finger über die Tasten verfolgen konnte, die perfekte Präzision mit einer gleichzeitigen Anmutung von Leichtigkeit und Improvisation, die der Jazz-Liebhaber auf geheimnisvolle Weise in die klassische Interpretation einbrachte. Für den enthusiastischen Applaus bedankte er sich mit Fritz Kreislers "Liebesleid" in der Klaviertranskription von Rachmaninow.

Mit einer kleinen bösartigen Hexe, der symphonischen Dichtung "Kikimora" hatte das Konzert begonnen. Im zweiten Teil, Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung", spielte die Hexe Baba-Jaga eine Nebenrolle. Das Frühsommergrün der Bäume hinter der Bühne, deren Hintergrund in Amaryllisrot getaucht war, illustrierte die Farben des Malers.

Blick ins Publikum beim Saison-Abschlusskonzert der Berliner Philharmoniker. Foto: dpa/Annette Riedl Vergrößern
Blick ins Publikum beim Saison-Abschlusskonzert der Berliner Philharmoniker. © dpa/Annette Riedl

Den Gang vom Gnom bis zum großen Tor von Kiew, die Trauermusik als Kern einer Promenade durch die Facetten prallen Lebens spielten die Philharmoniker mit einer Intensität und Dramatik, die ganz klar machte, dass Musik mehr mit Seele und ihrer überzeitlichen Dimension zu tun hat als mit aktuellem Weltgeschehen.

Quelle der Zuversicht

Letzteres wird sie immer überdauern, im besten Fall als Quelle von Zuversicht und Hoffnung. Das furiose Finale ließ das Publikum fast atemlos zurück. Es konnte sich dann beim "Pas de Deux" aus Tschaikowskys "Nußknacker" erholen für die "Berliner Luft", die Petrenko ausgelassen, vielleicht erleichtert, nach einem glanzvollen Konzertabend dirigierte.

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Ja, das Drumherum nervt natürlich immer noch. Dass man "aus Sicherheitsgründen" keine alkoholischen Getränke mit in die Waldbühne bringen, drinnen aber für acht Euro Sekt auf Eis trinken darf, muss wohl was mit der Sicherheit der Leber eines jeden Einzelnen zu tun haben.

Statt feiner Salate essen die Leute jetzt Pommes für 4,50 Euro, als gäb's keine Freibäder mehr. Und dass man in normalen Konzertsälen größere Handtaschen dabei haben darf als hier, wo man dann vorab vor der Entscheidung steht, lieber das Regencape einzupacken oder die Sonnenbrille, erscheint nach wie vor als unnötige Schikane. Aber Musik kann eben auch stark genug sein, berechtigten Ärger vorübergehend einfach mal verfliegen zu lassen.

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