Sitzender Mann, ratlos. Eine Skulptur in Manhattan, die mit der Asche der niedergebrannten Zwillingstürme bedeckt ist. Die Aufnahme stammt vom 13. 9. 2001. Foto: AFP
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9/11 und die Literatur Was dieser Tag uns angetan hat

Von Jonathan Safran Foers Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ über Ian McEwans „Saturday“ bis zu Don DeLillos „Falling Man“: Wie die Literatur mit dem 11. September 2001 umgegangen ist.

Die Literatur hat sich lange schwer damit getan, auf die Terrorattacken vom 11. September 2001 zu reagieren, sie zu verarbeiten und in eine angmessen ästhetische Form zu bringen. Dass sie sich in der Pflicht fühlte, war merklich spürbar. Wortmeldungen gab es sehr viele, auf allen medialen Kanälen.

Doch die Macht der Bilder, der Fernsehbilder schien zu groß, wie im Kino, wie in der bildenden Kunst, obwohl ja gerade die Literatur zu ganz eigenen, ganz anderen Bildern in der Lage sein sollte. Doch die Ereignisse selbst, die Bilder wurden ausführlichst beschrieben, Zeitgenossenschaft hervorgehoben. Über das Führen von Tagebüchern kamen die allermeisten Schriftsteller und Schriftstellerinnen nicht hinaus.

Beispielhaft dafür stehen Bücher von Ulrich Peltzer und Kathrin Röggla. Peltzers „Bryant Park“ ist eine New-York-Erzählung, die im zweiten Teil mit dem Geschehen des 11. 9. komplett abbricht und zu einer Echtzeitdokumentation wird.

Und Kathrin Rögglas „really ground zero“ ist ein Tagebuch, das, typisch für diese Autorin, komplett kleingeschrieben und zudem mit Fotos und einem ungewöhnlichen Satzspiegel versehen ist.

Das seltsame Band der Romanschreiber und Terroristen

Überraschend war, dass die Größen der US-Literatur sich zunächst sehr zurückhielten. Paul Auster erwähnte die Ereignisse dieses Septembertages, und was darauf folgte, in seinem 2003 veröffentlichten Roman „Die Nacht des Orakels“ mit keinem Wort.

Auch Don DeLillo, der große Visionär unter den Schriftstellern, der im Grunde Terrorattacken wie diese in Romanen wie „Mao II“ oder „Sieben Sekunden“ vorweggenommen hatte, schwieg sich in seinem 2003er-Roman „Cosmopolis“ darüber aus. Doch wie heißt es in „Mao II“: „Romanschreiber und Terroristen verbindet ein seltsames Band. (...) Vor Jahren habe ich es noch für möglich gehalten, dass ein Schriftsteller das Wesen der Kultur verändern könne. Jetzt haben Bombenbastler und Schießwütige dieses Territorium besetzt. Sie überfallen das menschliche Bewusstsein.“

Das Schweigen in „Cosmopolis“ ließ sich damit erklären, was DeLillo in einem Essay kurz nach dem 11. September geschrieben hatte: „Der Schriftsteller will verstehen, was uns dieser Tag angetan hat.“ Die Literatur benötigt Zeit und Distanz – so sehr die Gegenwart sie umtreiben mag, so sehr sie von außen unter Druck gesetzt wird: Wo bleibt er, der große 9/11-Roman? (Wahlweise: der große Wenderoman, nach dem gleich 1990 gefragt wurde, der große Corona-Roman, der vergangenes Jahr so vage wie häufig im medialen Literaturraum herumstand.)

Symptomatisch dafür, sich diesem Druck zu widersetzen, könnte eine Aussage Peter Glasers sein, nachdem er 2002 mit seiner „Geschichte von nichts“ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hatte: „Ich habe versucht herauszufinden, was die Literatur dem 11. September entgegensetzen kann. Das war eine der Motivationen für mich, diesen Text zu schreiben: den 11. September mit nur einem Satz zu erwähnen.“

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In der US-Literatur wurde dieser eine Satz weiterhin nicht geschrieben. Das Ereignis fing aber an, sich in Struktur und Aufbau mancher Bücher widerzuspiegeln. Paul Auster schrieb mit „Brooklyn Revue“ seinen explizit heitersten, unterhaltsamsten, geradezu sorglosesten Roman, frei von all den für ihn so typischen Vertracktheiten. „Brooklyn Revue“ endet am frühen Morgen eines strahlend schönen Tages im September 2001.

Ähnlich ist es in Richard Fords drittem Frank-Bascombe-Roman „Die Lage des Landes“. Dieser zeigt seinen Helden mehr noch als in den beiden Bascombe-Vorgängern arg aus dem Tritt geraten (der sonst so friedfertige Mann schlägt sich gar in einer Bar) und endet kurz vor 9/11.

Die einstürzenden Türme, die plötzliche Unsicherheit in den USA, der „Krieg gegen den Terror“, der ausgerufen wurde, all das bedeutete eine Zäsur, auch eine Erzählzäsur, wie Auster und Ford mit ihren Romanenden womöglich anzeigen wollten.

Es dominierte dann in der Literatur erst einmal ein mitunter weiträumiges Herumschleichen gerade um die Stunden nach den Anschlägen, ein vorsichtiges Abtasten, ein stillschweigendes Akzeptieren der Bilderübermacht, ein ästhetisches Umgehen des Ganzen.

Jonathan Safran Foer begab sich 2005 mit seinem zweiten Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ in die Tiefe der Zeit und verknüpfte aus der Perspektive eines Kindes und mittels diverser Familiengeschichten den 11. 9. mit den Dresdener Bombennächten von 1945. Am Ende seines Romans gibt es eine Fotostrecke mit einem aus dem World Trade Center springenden Menschen. Blättert man diese Seiten schnell durch, ergeben sie ein Daumenkino, das eigentlich zeigt, wie dieser Mann rückwärts auf das World Trade Center springt – als könne man die Zeit anhalten, die Katastrophe ungeschehen machen.

"Lieber einkaufen als beten"

Der britische Schriftsteller Ian McEwan beschrieb in seinem 2005 veröffentlichten Roman „Saturday“ einen Tag im Leben eines Gehirnchirurgen, den 15. Februar 2003. An diesem Tag fand in London eine große Friedensdemonstration gegen den Irak-Krieg statt. So reflektiert McEwans Held ist, so sehr versucht er, allerdings erfolglos, das Private gegen den Terror abzuschirmen: „Lieber einkaufen als beten.“

John Updike wiederum machte sich 2006 in „Terrorist“ daran, die Gedankengänge eines Attentäters abzuschreiten, scheiterte aber fulminant.

Auch Philip Roth und Benjamin Kunkel arbeiteten den 11. 9. in Romane ein, ohne dem Ereignis wirklich etwas abgewinnen zu können: Roths „Jedermann“ zieht eher wie nebenbei aus Manhattan weg und sucht angstvoll Schutz in einem Altersidyll an New Jerseys Küste; immerhin ist 9/11 für diesen Jedermann „der Beginn seiner Verletzlichkeit und der Grund für sein Exil“.

Und Kunkels Ich-Erzähler erlebt in „Unentschlossen“ den Einsturz der Türme im Ecstasy-Rausch, von einem Balkon aus, lebt danach jedoch einfach weiter, „als wäre es irgendwie normal und funktioniere automatisch“.

Es waren schließlich wieder Don DeLillo und ausgerechnet der New Yorker Pop-Autor Jay McInerney, die 2007 direkt ins Zentrum des Schreckens zielten, den „Geist des ständig Drohenden“ (DeLillo) und die Bilder beschwörten, die man nach den Anschlägen häufig genug gesehen hatte.

Dieses Mal jedoch nicht von den ins World Trade Center hereinfliegenden Flugzeugen, sondern die vielen danach: „Er tat einen Schritt und dann den nächsten, während der Qualm über ihn hinwegwehte. Er spürte Brocken unter den Füßen, und alles bewegte sich, überall waren rennende Menschen und vorbeifliegendes Zeug“, heißt es in DeLillos Roman „Falling Man“. 

Hat es eine Zäsur in der US-Literatur gegeben?

Dieser ist benannt nach dem Mann, der bei Safran Foer in der Fotostrecke in schwarzer Hose und weißem Oberteil aus dem Nordturm des World Trade Centers herabfällt. Ein Aktionskünstler stellt in „Falling Man“ das Bild des fallenden Mannes nach und stürzt sich im Anzug und mit einem Seil abgesichert von den Dächern. Damit verweist De Lillo gleichzeitig auf den berühmten Seiltänzer Philippe Petit, der 1974 illegal auf einem Hochseil zwischen den Türmen des World Trade Centers in New York wandelte (Petit ist übrigens auch eine wiederkehrende Figur in Colum McCanns hinreißendem, mehrere Schicksale verknüpfendem New-York-Roman „Die große Welt“).

In Jay McInerneys 9/11-Roman wiederum, bezeichnenderweise geradezu flehentlich „Das gute Leben“ betitelt, beschreibt eine der Protagonistinnen die Szenerie in den Straßen New Yorks am 11. 9.: „Gestern Morgen und bis weit in den Nachmittag hinein waren Tausende so den West Broadway entlangmarschiert, vor der schrägen Rauchfahne fliehend, mit der gleichen Asche bedeckt, mit den Füßen durch den Staub schlurfend, während aus dem tiefblauen Himmel Papier auf sie herabregnete – eine teuflische Version der alten Konfettiparaden auf dem Broadway weiter unten.“

DeLillos Held heißt Keith Neudecker, kann sich gerade so aus den Trümmern befreien und kehrt nach mehreren Monaten der Trennung zu seiner Frau Lianne und Sohn Justin zurück, ohne dass ihnen ein Neuanfang gelingt.

Bei Jay McInerney ist es umgekehrt: Hier lernen sich ein Mann, Luke McGovick, und eine Frau, Corinne Calloway, beide aus Manhattans Kunst- und Börsenwelt, einen Tag nach den Anschlägen kennen. Ihre sich anbahnende Liebesbeziehung wird erleichtert dadurch, dass ihre jeweiligen Ehen abgenutzt bis zerrüttet sind, ihr Leben schon vor besagtem Tag manche neue Wendung genommen hatte.

Wer gewinnt? Der Terror - oder die Kultur?

Die Figuren in beiden Roman erweisen sich als unterschiedlich traumatisiert. Bei DeLillo haben sie schließlich alle Hoffnung auf ein besseres Leben verloren, bei Jay McInerney sehen sie zumindest bezüglich ihres privaten Troubles klarer. Die Bilder von den Anschlägen schienen beide Romane jedenfalls gebannt zu haben.

Die USA hatten sich im „Krieg gegen den Terror“ eingerichtet, und die Traumaaufarbeitung im Privaten konnte beginnen. Ob es jedoch wirklich eine Zäsur in der Literatur gegeben, 9/11 ein anderes Schreiben erzwungen hat? Wohl eher nicht: „Falling Man“ ist einer der konventionellsten Romane von DeLillo, der von McInnerney sowieso. Und inzwischen wirkt es, als sei der 9/11- Stoff auserzählt.

Vielleicht besinnt sich die Literatur im Moment aber auch auf ihre Stärke: nämlich in einem viel größeren zeitlichen Abstand eine besondere Ästhetik und Erzählhaltung für 9/11 zu finden. Damit, um bei DeLillo und „Mao II“ zu bleiben, dem Terror die Hoheit über die Kultur wieder entrissen werden kann.

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