Mythenbeladenes Märchen. Die "Star Wars"-Saga. Foto: mauritius images / The Advertising Archives / Alamy
© mauritius images / The Advertising Archives / Alamy

42 Jahre „Star Wars“ Darum ist „Krieg der Sterne“ weltweit so erfolgreich

Der lange „Krieg der Sterne“ – an diesem Mittwoch kommt Episode Nummer neun in die Kinos. Warum können so viele von der Saga nicht genug kriegen? Fragen und Antworten zum Thema.

Sternenkrieger, Droiden und Lichtschwerter beherrschten Hollywood am Montagabend wieder einmal. Mit der Weltpremiere von „Der Aufstieg Skywalkers“ ist die auf neun Teile angelegte „Star Wars“-Saga komplett. Für’s Erste.

Warum ist „Star Wars“ auch nach 42 Jahren immer noch so beliebt?

Als Regisseur George Lucas sich Anfang 1973 in sein Schreibbüro zurückzog, hatte er nicht mehr im Kopf als einen „typischen Superhelden“, der sich im Weltraum bewähren musste. Er wollte eine moderne Action-Fantasy-Geschichte erfinden. Diesem Konzept blieb er treu, was die Anziehungskraft der Saga zu einem großen Teil bis heute erklärt.

„Star Wars“ ist eine Fantasy-Erzählung, wie sie auch R.R. Tolkien mit „Herr der Ringe“ geschaffen hatte – ein sich aus allen möglichen kulturellen Quellen speisendes Abenteuerkonstrukt.

Dass „Krieg der Sterne“ trotz seiner durchaus komplizierten Handlung und seiner verdrehten emotionalen Konflikte überall auf der Welt verstanden wird, hat mit dieser klaren Symbolik von Gut und Böse, Macht und Tyrannei, Freundschaft und Hass zu tun.

Wobei Lucas von den Thesen des Kulturwissenschaftlers Joseph Campbell beeinflusst wurde, dessen Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ er kannte. Campbell vertritt die Auffassung, dass selbst regional begrenzte Mythen von „universellen Erfahrungsmustern“ geprägt seien.

So entwickelte er eine Typologie, nach der sich Urerzählungen um Figuren wie den weisen alten Mann, den jugendlichen Draufgänger, den dunklen, verführten Herrscher sortieren. So gelang es Lucas, die Selbstfindung des Helden Luke Skywalker nicht einfach nur aus einer persönlichen Krise heraus zu entwickeln, sondern sie sich vor einem globalen Wirtschaftskrieg, einem faschistoiden Gesellschaftspanorama und einer Familientragödie entfalten zu lassen.

Welche Mythen werden bemüht?

Antike Tragödien wie die „Orestie“ und „Ödipus“ scheinen ihm als Erzählmuster gedient zu haben, auch buddhistische Einflüsse und das Mittelalter sind erkennbar. Das alles macht „Star Wars“ weit weniger zu einem Science-Fiction-Werk, als man denkt. Science-Fiction-Filme wie „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) oder die „Terminator“-Serie denken gesellschaftliche Entwicklungen weiter, formen ein Bild der Zukunft, indem sie die Probleme von heute in die Welt von morgen projizieren. „Star Wars“ ist keine Zukunftsvision, sondern eine Parabel auf archaische Konflikte und Sehnsüchte, auf die Suche nach Identität und Liebe.

Ein romantisches Märchen mit Laserschwertern, angesiedelt in einem Paralleluniversum. Als erstes Bild hatte George Lucas zwei Raumschiffe im Kopf, „die durch das Universum sausten und einander beschossen. Ich sagte mir: Den Film will ich machen, das will ich sehen.“

War die Saga von Anfang an ein Selbstläufer?

Lucas hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die erste bestand darin, die Fülle an Ideen in eine konsistente Erzählung einfließen zu lassen. Das bekam ausgerechnet der einzige Oscar-Preisträger zu spüren, den er sich anfangs leisten konnte. Sir Alec Guiness hatte die Rolle des Jedi-Meisters Obi-Wan Kenobi übernommen.

„Ich kann nicht wirklich sagen, was ich eigentlich machen soll“, sagte er kurz vor Drehbeginn der „Sunday Times“. Es kostete Lucas einige Überwindung, dem britischen Star zu eröffnen, dass er ihn sterben lassen wolle. Die Verstimmung war groß. Wenigstens tröstete eine fürstliche Gage Guiness über die „bescheuerten Dialoge“ hinweg.

Die Dreharbeiten waren äußerst strapaziös. Nichts funktionierte richtig, das Budget wurde weit überzogen, Lucas litt unter akuter Erschöpfung. Wenn er sich bei allen späteren Projekten auf die Rolle des Masterminds verlegte, dann weil er in diesem Frühstadium seine Grenzen als Regisseur erkannte.

[Was waren die wichtigsten News des Tages? Was soll ich in der Flut an Texten heute Abend auf der Couch lesen? Was kann man abends in Berlin unternehmen? Und gibt es eine gute Zahl, mit der ich beim Kneipentalk glänzen kann? All diese Fragen beantwortet unser neuer Tagesspiegel-Newsletter. Neugierig? Dann können Sie sich hier kostenfrei anmelden.]

Dennoch stellte der Kassenerfolg der Weltraum-Saga 1977 alles in den Schatten. Der Film verdrängte anspruchsvolle Genrefilme aus den Kinos. Es sei wie „das Aufkommen von McDonald’s“ gewesen, sagte Regisseur William Friedkin. „Der Bedarf nach gutem Essen verschwand einfach.“

Tatsächlich spielte der Film im ersten Jahr 120 Millionen Dollar ein und löste „Der weiße Hai“ als Rekordhalter ab (115 Millionen). Damit hatte sich nicht nur das hohe finanzielle Risiko des Studios ausgezahlt, das Lucas’ Vision nur halbherzig gefolgt war. Lucas selbst konnte nun weitere Teile seines ausufernden Projekts angehen, die er bereits in einem frühen Exposé skizziert hatte.

Mit das „Imperium schlägt zurück“ wollte Lucas jedoch mehr als bloß eine Fortsetzung drehen. Denn für die Umsetzung seiner Ideen musste er erst die technischen Voraussetzungen schaffen und baute ein eigenes Firmenimperium mit Werkstätten für Kameratechnik, Spezialeffekte und Maskenbild auf, das weit über die „Star Wars“-Welt hinaus wirken sollte.

Mit seinen Innovationen trieb Lucas das digitale Kino voran. Aber auch bei diesem zweiten Teil konnten die finanziellen Mittel der bisher produzierenden Fox-Studios nicht mit Lucas’ Ehrgeiz mithalten. Also verfiel er auf die Idee, Merchandize-Artikel zu entwickeln, um die hohen Summen für Produktion und Aufbau der technisch zukunftsweisenden Infrastruktur einzutreiben. Er wollte unabhängig werden von den Hollywoodstudios und ihren Bilanzplänen – ein selbstmörderisches Vorhaben bei einem Projekt dieses Umfangs.

Der „Imperium“-Erfolg überflügelte den des Vorgängers um ein Vielfaches. Ende 1980 hatte der Film bereits 210 Millionen Dollar verdient, wovon fast die Hälfte direkt in Lucas’ Taschen floss.

Was hat es mit den „Episoden“ auf sich?

Aufmerksame Besucher entdeckten damals im „Imperium“-Vorspann bereits den Hinweis, dass es sich um „Episode V“ handelte. Dabei waren erst zwei Filme entstanden. Lucas begann diesen verwirrenden Umstand damit zu erklären, dass er seinen ursprünglichen Entwurf in drei Komplexe unterteilt habe – und dass er den mittleren zuerst angegangen sei. Es würde also Episoden geben, die zeitlich vor den Ereignissen um den Todesstern und Darth Vader liegen würden. Welche das sein könnten, ließ Lucas 15 Jahre lang im Unklaren.

Erst 1999 lüftete sich das Geheimnis, als mit „Die dunkle Bedrohung“ der erste Teil einer weiteren Trilogie in die Kinos kam. Sie war als Prequel angelegt, einem noch relativ selten verfolgten Ansatz. Es ging um die Vorgeschichte der Darth-Vader-Legende: Wie war der dunkle Lord zu dem imponierenden Monster geworden, das mit telepathischen Superkräften alles um sich herum unterwirft. Die Antwort passte in die Zeit der Aufsteiger und Start-Up-Unternehmen. Ungeduld und Eifersucht gaben in diesem „Zauberlehrling“-Drama den Ausschlag, um aus einem hochbegabten Sklavenjungen einen genialen Rächer zu machen.

Ob „Angriff der Klonkrieger“ (2002) oder „Die Rache der Sith“ (2005), die Möglichkeiten der digitalen Bilderzeugung hatten sich in den 90er Jahren so sehr verfeinert, dass glanzvolle, futuristische Biotope entstanden. Diese Lebensraumblasen sind es wohl vor allem, die die Saga über alle Moden hinweg zur Kultserie machten. Denn bei aller Verworrenheit der Handlung bieten Planeten wie Naboo oder Jugendstil-Oasen wie Coruscant stets einen eigenen Reiz, ein eigenes kulturelles System, dessen seltsame Geschöpfe und Riten sich erst allmählich erschließen.

Die Verwirrung um die Episoden hat sich allerdings nie gelegt. Für jüngere Generationen mag es selbstverständlich sein, dass sie von I bis IX durchnummeriert sind und in dieser chronologischen Reihenfolge die Geschichte einer schrecklich dysfunktionalen Familie erzählen, die mit dem aktuellen „Aufstieg Skywalkers“ den Bogen vom Großvater zum Enkel schlägt.

Doch sieht man sich als Zeitgenosse immer wieder der Schwierigkeit ausgesetzt, die Erfolgsstory und die eigene „Star Wars“-Aneignung von ihrem eigentlichen Anfang aus erzählen zu wollen. Und der liegt ganz woanders. Man stammelt also von einem ersten Teil, der aber jetzt der vierte ist.

Was hat sich 2012 mit dem Einstieg des Disney-Konzerns verändert?

Obwohl die Episoden VII bis IX mit einem Zeitsprung von dreißig Jahren an den Kampf Luke Skywalkers mit seinem Vater Darth Vader anschließen, haben sie nicht mehr dieselbe narrative Stringenz. Hauptfiguren der Originaltrilogie sind an den Rand gedrängt, dafür wurden eine Reihe neuer Charaktere geschaffen, die nicht mehr unmittelbar unter dem Fluch der mysteriösen JediMacht stehen. Auch sind die verwandschaftlichen Beziehungen hier eher lose Enden, sie verbinden sich nicht mehr zu einem Strang .

Wie groß ist die Marktmacht von Disney?

Im Jahr 2012 hat Geoge Lucas seine Firma an Disney verkauft. Für vier Milliarden Dollar. Schon vor dem jetzigen „Star Wars“-Start ist der Megakonzern mit dem Maus-Logo die Nummer Eins, mit einem Marktanteil von 36 Prozent alleine in den USA. Finanziell noch Anfang des Jahrzehnts im Keller gelandet, hat Disney die anderen Traditionsstudios inzwischen hinter sich gelassen: Warner Bros., Universal und Sony folgen mit 15, 12 und 11 Prozent. Alleine sechs Disney-Filme knackten 2019 die Milliarden-Dollar-Marke, darunter „Avengers: Endgame“, „Toy Story 4“ und „Die Eiskönigin 2“. Gesamteinspiel in diesem Jahr: über zehn Milliarden Dollar schon jetzt. Ein Allzeit-Weltrekord in der Unterhaltungsbranche.

Der Konzern, seit 2005 unter Leitung von Bob Iger, hat sich seine Vormachtstellung mit großflächigen Aufkäufen erkämpft. 2006 erwarb das Börsenunternehmen den Marvel-Konzern, seitdem „gehören“ Disney die Superhelden. 2012 leistete man sich George Lucas’ „Star Wars“-Imperium, als dickster Fang folgte zuletzt die mächtige 20th Century Fox, einschließlich Fox News, für 71 Milliarden Dollar.

Der nächste Eroberungsfeldzug steht schon ins Haus: Disney + drängt auf den Streamingmarkt. Netflix und Co. will man weniger mit neuen Produktionen Konkurrenz machen als mit den eigenen Zeichentrickklassikern und mit aufgekauften Publikumshits, von „Bambi“ bis zu den „Simpsons“. Seit dem US-Start im November zählt Disney + etwa 10 Millionen Kunden, ab Ende März ist der Dienst auch in Deutschland erhältlich. Auf den Sternenkrieg folgt der Streamingkrieg. (mit chp)

Zur Startseite