Hier gibt es nur zwei Gerichte: Banh Mi mit Schweinebauch und Banh Mi mit Tofu Foto: Kai-Uwe Heinrich
© Kai-Uwe Heinrich

Imbisskultur Banh Mi

Felix Denk

Im vietnamesischen „Banh Mi Stable“ machen sie die perfekten viet-französischen Sandwiches - und sonst nichts

Zur Mittagszeit bilden sich hier lange Schlangen

Streetfood geht nicht immer schnell. Schon gar nicht mittags im „Banh Mi Stable“ in Mitte. Da reicht die Schlange bis auf den Gehsteig hinaus. Hat man es endlich zum Tresen geschafft, bekommt man eine Nummer wie auf dem Amt. Noch mal warten. Und das in einem Laden, in dem es nur Sandwiches gibt. Genau genommen eines, Banh Mi mit zwei Belägen: gegrillter Schweinbauch oder Tofu.

Das Banh Mi ist ein vietnamesisch-französisches Fusiongericht mit bewegter Geschichte: Das Baguette brachten die französischen Kolonialherren im 19. Jahrhundert mit nach Südostasien. Sie aßen es aber selbst. Denn Mehl war teuer und musste importiert werden. Nach dem Ersten Weltkrieg begannen die Vietnamesen, das Brot nachzubacken. Allerdings mit Variationen: Sie mengten Reis- unter das Weizenmehl, was es billiger machte. Das Baguette wurde kürzer, statt Butter kam Mayonnaise rein sowie mehr Gemüse und weniger Fleisch. Quasi eine kulturelle Aneignung – oder besser: eine kulinarische Aneignung.

Mit den Boatpeaple kam das Fusionfood wieder nach Europa

Zum Alltagsessen wurde es Mitte der fünfziger Jahre. Da flohen viele Vietnamesen nach der Teilung des Landes aus dem kommunistischen Norden in den Süden und bauten sich dort eine Existenz auf, etwa mit Bäckereien und Banh-Mi-Ständen. Seinen Siegeszug trat das Supersandwich an, als die vielen Boatpeople nach dem Vietnamkrieg aus dem Land flohen; viele kamen in die USA.

Dort ist um Banh Mi in den letzten Jahren ein großer Hype entstanden – und eine überhitzte Debatte. Die Mensa des Oberlin College in Ohio löste sie aus, weil sie ein pappiges Ciabatta mit Pulled Pork und Coleslaw als Banh Mi verkaufte. Landesweit wurde darüber diskutiert, ob das ehrabschneidend für die vietnamesische Kultur sei oder einfach nur fad schmecke.

Banh Mi mit Schweinebauch und scharfer Sauce - der Lunch-Hit in Mitte Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Banh Mi mit Schweinebauch und scharfer Sauce - der Lunch-Hit in Mitte © Kai-Uwe Heinrich

„109, Schweinebauch scharf!“, ruft die Frau an der Theke im „Banh Mi Stable“ in Berlin-Mitte nach 20 Minuten. Das Sandwich ist fertig. Der gegrillte, hauchdünn geschnittene Schweinebauch ist so knusprig wie das getoastete Baguette, statt Koriander ist Minze drin, außerdem eingelegter Daikon-Rettich und Karotten. Mayo gibt dem Ganzen eine cremige Bühne. Beißt man hinein, kann man den Aufruhr in der Mensa im Oberlin College verstehen. Ein Banh Mi kann einfach sensationell schmecken – wenn man sich die Zeit nimmt, es richtig zu machen.

Banh Mi Stable
Mitte, Alte Schönhauser Str. 50, Mo-Sa 12-20 Uhr

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