Kneipiers. Gerhard Jungfer, 45 (links) und Norbert Schwarz, 57 beim Interview. Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP
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Zwei Fußballkneipiers über ganz große Fangefühle „Für uns ist das Ost-West-Ding durch“

Herthaner Gerhard Jungfer vermisst den Wedding in seinem Klub, Unioner Norbert Schwarz hat eine Dauerkarte auf Lebenszeit. Ein Gespräch unter Fußballfans.

Hertha BSC und der 1. FC Union starten in die Spielzeit. Die Kneipenwirte Gerhard Jungfer und Norbert Schwarz duellieren sich im ersten Tagesspiegel-Stadtderby. Doch spinnefeind sind sie sich trotzdem nicht. Im Interview sprechen sie über Fangefühle und Nostalgie.

Herr Jungfer, Sie betreiben eine Hertha-Kneipe in Neukölln, Herr Schwarz, Ihnen gehört die Union-Kneipe, in der wir uns gerade befinden. Danke, Herr Jungfer, dass Sie sich ins Feindesland gewagt haben. Brauchen Sie erstmal einen Schnaps?
JUNGFER: Nee, ich gehöre zur älteren Generation. Wir sind uns nicht spinnefeind.

Im Olympiastadion skandieren manche Hertha-Fans: „Scheiß Union!“

SCHWARZ: Ach, ich versteh’ das schon. Das sind junge Leute, die sich reiben müssen. Von den Alten dagegen wirst du nichts hören. Ich bin in Lichtenberg aufgewachsen. Für mich gibt es nur Union – der Böse ist der Verein mit den drei Buchstaben, das war der Stasi-Klub.

Sie meinen den BFC Dynamo. Von dem Regionalligisten kleben Sticker in Ihren Pissoirs.

SCHWARZ: Genau. Ich nenne den Namen nicht. Die sind der Feind. Aber Hertha? Damals kamen die zu uns rüber und standen mit uns in der Kurve, wir rot, die blau-weiß. Bei Freistößen skandierten wir gemeinsam: „Die Mauer muss weg!“ Oder: „Hertha – Union, eine Nation.“ Ich bin 1988 legal ausgereist in den Westen. Meine erste Anlaufstelle: das Olympiastadion.

Man merkt, Sie sind kein Ostalgiker.

SCHWARZ: Kein bisschen.

Die alte Fanfreundschaft gibt es also nicht mehr?

SCHWARZ: Als Fanfreundschaft würde ich das gar nicht sehen. Eher als eine Freundschaft zwischen vielen einzelnen älteren Personen. Die Jüngeren hauen sich auch mal auf die Nase. Das muss man sportlich sehen. Ich will jetzt auch nicht jeden abknutschen, nur weil er Herthaner ist.

JUNGFER: Ein Derby ist ein Derby. Das kannst du an der Sonnenallee sehen, da tobt der Sticker-Krieg. An jedem Dachrinnenablauf sind mindestens fünf Union- und fünf Hertha-Aufkleber drauf. Manchmal alle übereinander. Es geht um die Vorherrschaft.



Hier im „Straßenfeger“ feiern normalerweise die Unioner. Was war los am 27. Mai, dem Tag als Union durch das 0:0 gegen Stuttgart den Aufstieg in die Erste Liga schaffte?

SCHWARZ: Kann ich nicht sagen, ich war in der Alten Försterei.

Wenn es attraktive Spiele gibt, müssen in Ihrer Kneipe also andere ran?

SCHWARZ: Ich bin bei Heimspielen nie hier, ich geh’ immer ins Stadion. Ich bin seit 50 Jahren Unioner. Beim Schlusspfiff, als der Aufstieg klar war, hat’s mich erwischt, ich musste mich hinsetzen. Irgendwann bin ich aufs Feld gerannt und habe ein Stück Rasen ausgegraben. Ich hab’s bei meinem Schwiegervater im Garten eingepflanzt. Bei mir würde das eingehen.

Was war in Ihrer Hertha-Kneipe los, Herr Jungfer?

JUNGFER: Ich hatte frei, saß zu Hause und dachte: Geil, dass Union hochkommt. Wir sind jetzt die einzige deutsche Stadt mit Derby in der Bundesliga, das kann München nicht.

Was bedeutet Ihnen Union, Herr Schwarz?

SCHWARZ: Union ist alles, ohne Union kann ich nicht. Ich habe ein Beispiel: Wenn man ein bisschen älter wird, hat man weniger Kontakt zu seinen Geschwistern. Mein Bruder zum Beispiel, der wohnt in Marzahn, ich in Charlottenburg. Mutter, Vater, Oma, alle tot. Wir hätten uns längst aus den Augen verloren. Aber wir sehen uns alle 14 Tage zum Heimspiel.

JUNGFER: Ich muss jetzt als Hertha-Fan mal was sagen. Wenn ich heute neu nach Berlin käme und würde einmal zu Union und einmal zur Hertha ins Stadion gehen, da muss ich sagen: Ich würde zu Union wollen. Isso. Die Atmosphäre ist um Welten besser.

Union steht für den coolen Arbeiterklub. Die Hertha dagegen hat ein Identitätsproblem.

JUNGFER: We try, we fail, we win, das ist so’n Slogan von uns jetzt. Wer von den Fans soll damit was anfangen? Mir als altem Kuttenträger macht diese Entwicklung Sorge, viele meiner Kollegen sind schon von der Fankurve in den Oberring gewandert. Die Hertha will da auf einer Welle mitschwimmen, Start-up sein. Es steckt kein Wedding mehr in der Hertha.

Wer ist die alte Dame denn aus Ihrer Sicht?

JUNGFER: Es hat sich eine ganze Menge geändert. Seit Herthas Aufstieg in die Bundesliga 1997 ist die Fan-Szene sehr anders geworden, das Interesse von Außenstehenden ist seitdem natürlich größer. Früher bin ich noch mit Hertha zu Motor Hennigsdorf gefahren, da konnte man die Mannschaft nach dem Spiel auf dem Platz abklatschen und sich Autogramme holen.

Sie könnten den Verein wechseln, jetzt und hier.

JUNGFER: Damit fang ich bestimmt nicht an. Mein Herz schlägt für Hertha, egal was ist.

Die Hertha hat jetzt einen Investor, Lars Windhorst. Haben Sie Angst, dass Deutschland englische Verhältnisse drohen, in denen Scheichs und Großinvestoren einige Klubs quasi übernommen haben?

JUNGFER: Wir haben ja die 50+1-Regel ...

... nach denen Kapitalanleger nicht die Stimmmehrheit in einem Verein haben dürfen …

JUNGFER: ... da habe ich keine Angst. Noch kommen die Engländer ja zu uns rübergeflogen, zum Fußballgucken.

SCHWARZ: Zu Union auch. Die zahlen 30 Pfund hin und zurück mit Ryanair, nochmal 15 drauf für ’ne Eintrittskarte. Dazu können die hier saufen. Für denselben Preis kommen sie drüben nicht mal ins Stadion, Bier gibt’s eh keins, dafür kannste mit der Klatschpappe rumhampeln.

Aber das Investment von Herrn Windhorst ist doch ein Schritt in diese Richtung.

SCHWARZ: Ich habe nichts dagegen, dass da einer 125 Millionen reinsteckt. Die Frage ist: Was machen die damit? Wenn sie es geschickt anstellen, kaufen sie gute Spieler und einen gescheiten Trainer. Beim DEM bin ich schon skeptisch. Pal Dardai, der letzte, war einer aus dem eigenen Haus. Hat nicht geklappt.

Er war immerhin vier Jahre Chef-Trainer und bei den Fans sehr beliebt.

SCHWARZ: Ja, aber ich hätte lieber jemanden von außen gesehen, das wäre für Hertha besser gewesen. Jetzt kommt Ante Covic – das nächste Eigengewächs. Ich weiß nicht. Wenn sie jetzt wieder so rumeiern, haben sie in ein paar Jahren trotz ihrem Windhorst wieder Extraschulden.

Auch bei Union ändert sich was. Der neue Sponsor, Aroundtown, ist eine Immobilienfirma. Wie passt das zum Image des Arbeitervereins?

SCHWARZ: Hätten wir Tönnies-Fleisch genommen, hätte die vegane Ecke aufgemuckt. Jeder Unternehmer, der heute Geld macht, passt irgendwem nicht. Aroundtown ist in Berlin ein kleines Licht. Wir hätten eigentlich einen größeren Sponsor gebraucht. Ich hatte mal auf den BER gehofft. Das wären Millionen gewesen.

JUNGFER: Wenn man so anfängt, muss man zuerst die Wettanbieter verbieten, die jeder zweite auf dem Trikot hat.

Gerade hat Unions Präsident Dirk Zingler die Einladung ausgeschlagen, das Derby als Einheitsspiel am 9. November auszutragen. Täuscht der Eindruck, dass Hertha die alte Freundschaft gern betont, während Union sich abgrenzt?

SCHWARZ: Der Zingler stand bei uns früher in der Kurve. Der redet oft Mist, aber da hat er Recht. Es geht um Punkte, die Hertha dringend braucht, wir aber holen werden. Mit der Einheit hat das nichts zu tun.

Vielleicht schon. Der ehemalige Union-Spieler Christopher Quriring hat mal gesagt, er muss kotzen, wenn die Wessis in der Alten Försterei jubeln.

SCHWARZ: Es wird immer welche geben, die das so sehen. Für mich ist das Ost-West-Ding durch.

JUNGFER: Für mich auch. Wir sind zwei Berliner Vereine. Ich bin gespannt, was die Fernsehsender machen auf den Videotext-Seiten. Früher stand da immer nur Berlin, aber das gibt’s ja jetzt zwei Mal.

Sie, Herr Jungfer, betreiben Ihre Kneipe, den Herthaner, hauptberuflich.

JUNGFER: Seit zehn Jahren jetzt. Ich hatte einen Kiosk davor, dann kam die Chance, mit meiner damaligen Frau die Kneipe zu übernehmen. Hier trifft sich auch unser Fanclub, der HFC Sophie. Benannt nach meiner ältesten Tochter. Auch sie: Hertha-Fan.

Sie haben sogar die Kneipe inzwischen nach ihrer Mutter benannt: Rosel.

JUNGFER: Ja, die steht bei mir manchmal hinter dem Tresen. 2017 haben wir die Kneipe umbenannt. Früher hießen wir „Herthaner“. Bei uns ist es so: Die Leute, die da heute rumlaufen auf der Weserstraße, wollen mit Fußball nichts zu tun haben. Wenn ich Donnerstag Europapokal laufen lasse, bleibt der Laden leer. Die Leinwand ist oben, wupp, Laden voll.

SCHWARZ: Das würde mir nie passieren. Union ist Union.

JUNGFER: Ja, aber ich sage dir, das sind 40 Prozent Umsatz mehr. Und ich muss davon leben.

SCHWARZ: Dann würd’ ich mir ne’ zweite Kneipe anschaffen. Den Herthaner hätte ich nicht umbenannt.

Wie kamen Sie denn zu Ihrer Kneipe, Herr Schwarz?

SCHWARZ: Ich bin eben 1988 hier in den Westen gezogen. Als die Mauer weg war, bin ich wieder rüber nach Köpenick gefahren, immer wenn Union spielte – und dann nach Abpfiff mit 15 Mann wieder zurück in den Westen. Da habe ich bei ein paar Kneipen angerufen: Los, lasst schon mal das Bier laufen, wir kommen. Die haben aber um 23 Uhr zugemacht. Das ist mir zwei, drei Mal passiert, da habe ich gesagt: Jetzt reicht's.

Sie haben eine Kneipe gekauft, um selbst trinken zu können?

SCHWARZ: Ich bin bis heute Zimmermann, genau. Ich wollte einen Ort, um meine Ruhe zu haben. In vier Wochen haben wir den Laden umgebaut, Flipper rein, alte Lampen zum Runterziehen für die Skatspieler, eine Musikbox. Die funktioniert noch mit D-Mark. Ich hätte sie umbauen lassen können auf Euro, aber ich wollte das Ding nicht versauen. Das Fünfmarkstück holt man sich am Tresen.


Geteilt. Expertenrunde im Straßenfeger. Foto: Tilman Schröter Vergrößern
Geteilt. Expertenrunde im Straßenfeger. © Tilman Schröter


Ihre Kneipe, Herr Jungfer, steht an der Weserstraße an der Front der Verdrängung, Gentrifizierung findet bei Ihnen im Laden statt.

JUNGFER: Gerade kam eine Studentin vorbei, die macht eine Masterarbeit, oder wie sich das schimpft. Wie denken Sie über die Entwicklung der Weserstraße?, fragt die. Ich sag: Von den Leuten her scheiße. Mieten steigen, niemand nimmt mehr Rücksicht, Party die ganze Woche. Geschäftlich: Okay, ist ja immer was los auf der Straße.

Sie hadern mit Ihrem Publikum?

JUNGFER: Früher bin ich in Kneipen gewesen, da waren Suffköppe drin, Großschnauzen, Arbeiter, mit denen hat man gesoffen, dann war die Sache gut. Heute kommen Leute rein: „Eine Weißweinschorle, ein Wasser und fünf Strohhalme, bitte.“ Waschlappen, warmes Wasser und Seife am besten auch noch dazu. Nein, hallo! Die kommen auch rein und fragen: „Hast du Cocktails?“ Ich sage: „Du kannst Whisky-Cola haben, aber ich fange jetzt nicht an, Türmchen zu basteln.“

SCHWARZ: Wir sind wahrscheinlich zu alt. Aber ich gebe dir Recht: Wenn ich als Zimmermann eine Baustelle in Prenzlauer Berg habe, will ich da gar nicht hin. Das war mal ein Arbeiterbezirk. Wenn ich heute diese Umhängetaschen sehe! Früher gab es an jeder Ecke vier Kneipen. Und wenn einer drüber gewohnt hat, dann wusste der, da wird’s mal laut. Für mich ist die Kneipe schon ein schicker Ort. Als ich Kind war, hat Muttern sonntags zu mir gesagt: Hol’ den Alten aus der Kneipe. Ich bin runter und hab Bockwurst und Fassbrause bekommen. Nach der dritten Brause ist mir das Zeug aus den Ohren gelaufen. Dann hat der Alte gesagt: „Geh hoch zu Muttern, iss’ Mittag.“

Was planen Sie am ersten Novemberwochenende, wenn es zum Derby in der Alten Försterei kommt?

SCHWARZ: Ich gehe ins Stadion. Ich habe ja die Eisern-Card, die habe ich mir 2001 gekauft, da war der Verein in großer Not. Ich kann damit ins Stadion bis an mein Lebensende. Die haben damals nur ganz wenige davon verkauft.

Eine Karte hat damals 2222 Euro für einen Stehplatz gekostet, 4444 Euro für einen Sitzplatz.

SCHWARZ: Ich habe einen Stehplatz, ich hätte aber auch noch mehr gezahlt. Wenn ich sterbe, verfällt die Karte. Heutzutage ist sie wie Goldstaub, weil man kaum noch normale Eintrittskarten bekommt.

JUNGFER: Ich werde bei uns in der Kneipe stehen. Das wird rappelvoll.

Und wie geht’s aus?

JUNGFER: Ich sag mal so: Sechs Punkte haben wir diese Saison sicher. Gegen Union.

SCHWARZ: Da wette ich dagegen. Außerdem landen wir mindestens einen Platz vor euch.

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