Sind alle schwindelfrei?

Überschaubar. Liechtenstein ist gerade mal 160 Quadratkilometer groß, Berge zum Klettern aber gibt es reichlich. Foto: Hanne Bahra
Wandern mit Berggöttes Über Stock und Liechtenstein

Auf der anderen Seite des Berges endet jäh das saftige Grün der Wiesen, und vor uns liegt der so legendäre wie steinige Fürstensteig, einer der ersten alpinen Panoramawege. Der Klassiker für alle Bergwanderer Liechtensteins. Immer wieder klackert Geröll in die Tiefe dieser sich ständig verändernden Steinwüste, in die Fürst Johann II. 1898 einen schmalen Steig in die Felswand sprengen ließ. Schmal und schroff am Abgrund, gesichert nur durch ein Handseil. Stellenweise geht es über Tritte und Leitern. „Ich hoffe, ihr seid alle schwindelfrei“, sagt Herbert Wilscher. Wer weiß das schon so genau.

Am Abend treffen wir schließlich im Berggasthaus Sücka ein. Jetzt nur noch ein „Weiza“ aus der Liechtensteiner Brauerei, ein Teller Käsknöpfle, dem Liechtensteiner Nationalgericht aus Mehl, Eiern, Wasser, Salz und Pfeffer – und ein Bett.

Der nächste Tag beginnt mit Muskelkater und Berggötte Nikolaus Büchel. Kariertes Hemd, Brille, sanftes Gesicht. Knapp zehn Kilometer, 850 Meter bergauf, 150 Meter wieder runter, liegen vor uns. „Der Weg ist das Ziel“, beruhigt uns der 53-jährige Präsident der Vereinigung der Liechtensteiner Berggöttes und Berggöttas.

Der ehemalige Unternehmer, einst auch Trainer des Liechtensteiner Ski-Teams und der Streif-Ikone Marco Büchel, entdeckte nach einem Burnout das Wandern als Therapie. Jetzt ist er auf dem Weg der Achtsamkeit. „Jeder Mensch findet sein eigenes Tempo, wenn er nur auf seinen Körper hört“, weiß Büchel. So 40 bis 45 Schritte in der Minute wären im Allgemeinen ein gutes Maß.

Der letzte Aufstieg bringt einige an physische Grenzen

Zeit, die Natur zu genießen. Und Geschichten zu hören. Ein kleines Stück des Weges begleitet uns Sabrina. Die 29-jährige Kommunikationsdesignerin tritt hinter einem Bergtunnel aus dem Nebel wie ein Geist der Vergangenheit und erzählt uns eine der zahllosen Bergsagen. Mit solch heimatverbundenen Performances will die blonde Geschichtenerzählerin etwas für das durch starke Ab- und Zuwanderung gefährdete Identitätsgefühl ihres Landes tun. In Liechtenstein kommen auf 37 000 Einwohner noch mal so viele Arbeitsplätze, die meisten Einpendler stammen aus der Schweiz.

Den alemannischen Singsang der Erzählerin noch im Ohr, wandern wir weiter, vorbei an Wasserfällen, über Bäche und steil ansteigende Wiesen voller Enzian. Mild scheint der Tag zur Neige zu gehen, doch der letzte Aufstieg zur Hütte bringt einige von uns noch einmal an physische Grenzen.

Erschöpft aber glücklich erreichen wir die Pfälzerhütte auf dem Bettlerjoch, wo wir auf den Berggötte Michael Bargetze treffen, drahtig, mit Tattoo am muskulösen Oberarm, brennendem Blick und flammendem Herzen für alles, was höher als 2000 Meter ist. Bargetze kennt alle 32 Alpengipfel des Landes persönlich. Das Bergebesteigen liegt ihm im Blut. Seit 600 Jahren ist seine Familie hier ansässig. Schon als Bub war er in den Bergen unterwegs.

Wir sitzen am Felsenrand und baumeln mit den Füßen

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen betreten wir einen der schönsten Panoramawege, den Fürstin-Gina- Steig, der seinen höchsten Punkt auf dem Augustenberg findet. Auf einem blumenübersäten Grat zur Bergbahn in das Liechtensteiner Skizentrum Malbun zeigt der sportliche Bergbezwinger Bargetze seine zarte Seite. „Wandern ist kein Wettkampf, es macht glücklich, wenn man sich persönliche Ziele steckt und mit sich selbst zufrieden ist“, sagt er. Und „immer auf die Qualität des nächsten Schrittes achten.“ Bergwandern als Lebensmetapher.

Am vierten Tag gelingt es Berggötta Rosaria Heeb nur mit einiger Überredungskunst, uns noch einmal auf die Berge zu bringen. Verwegen ein Kopftuch über das dunkle Haar gebunden, geht sie voran. Schon als Kind hat sie mit den Eltern die Berglandschaft erkundet, heute wandert sie auch oft mit ihren beiden Söhnen von Berg zu Berg. Jetzt sprüht sie vor Unternehmungslust und lockt mit einem Aussichtspunkt auf dem Hahnenspiel, von dem aus wir beinahe alles noch einmal sehen können, was wir in den letzten Tagen erwandert haben. Es geht über Wiesen, Stock und Stein. Kein Weg ist erkennbar. Rosaria Heeb geht am liebsten jenseits ausgewiesener Pfade.

Die Mühe wird belohnt. Die Aussicht ist ehrfurchteinflößend. Wir sitzen am Felsenrand und baumeln mit den Füßen. Wir atmen Weite, die wir uns mitunter mühsam erwandert haben. Als Rosaria Heeb dann noch das Alphorn auspackt und es einigen von uns gelingt, dem alten Zirbenholz ein paar Töne abzuringen, klingt das zwar schräg, dennoch wie eine kleine Siegesmelodie.

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