Eine Kindheit voller Düfte, Gewürze und Feiern.

Sonntagsinterview „Ich hätte lieber einen lebenden Vater“


„Ich war ein Kind, so konnte ich die Welt auf mich nehmen“, schreiben Sie. Wie sind Sie aufgewachsen?
In einer großen Familie, mit vielen Festen. Cousins kamen vom Land, brachten Früchte und Gemüse. Meine Tanten kochten, meine Mutter pflanzte Minze und Blumen, im Garten hatten wir Hühner und Enten. Ich habe die Eier geholt, mit den Großeltern über dem Feuer gekocht. Es war eine Kindheit voller Düfte, Gewürze und Feiern.


Sie kommen aus bildungsbürgerlichem Elternhaus.
Wir waren neun Kinder und mussten viel lernen, meine Eltern waren sehr streng. Meine Großeltern waren Bauern, sie hatten nur so viel Geld, dass ein Sohn in die Schule gehen konnte, ausgesucht wurde mein Vater. Als er im Bildungsministerium war, reiste er viel, studierte das Bildungssystem in Amerika, Russland, Ägypten und Frankreich. Er sprach zu Hause Französisch, über Poesie und Politik. Kambodscha hat keine Demokratie, keine Justiz, sagte er, wir müssen dafür sorgen, dass alle Bildung erhalten.


Wie war das, als Sie wie alle Städter von Phnom Penh aufs Land getrieben wurden?
Stellen Sie sich vor, Sie müssten die Stadt morgen verlassen, und es gäbe nichts mehr, kein Telefon, keine Infrastruktur, keine Schule, im Radio nur noch Propaganda und Siegesparolen. Doch man passt sich schnell an, die Leute wollen leben. Nach sieben, acht Monaten gab es nichts mehr zu hoffen. Man wusste, es zählte das nackte Überleben.


Eines Tages durchsuchte die Polizei Ihre Familie. Im Tagebuch Ihrer Schwester steckte eine Visitenkarte des Vaters, die ihn als Intellektuellen auswies.
Es ist schwer für sie, damit zu leben, doch es war nicht ihre Schuld. Sie haben meinen Vater nicht sofort exekutiert, weil sie annahmen, dass er hohe Rote Khmer kannte, viele von denen waren ja Lehrer und Professoren. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn mitnehmen und töten würden.


Wie starb Ihr Vater?
Er hat eines Tages aufgehört zu essen. Er fand, dass die Nahrung, die man uns gab, nicht für Menschen ist, also hat er sie nicht mehr gegessen. Er hat bis zuletzt Französisch gesprochen, das war seine Form der Provokation. Als mein Vater sich bewusst wurde, dass die Roten Khmer alles zerstören, die Familie, das Leben, die Gesellschaft, ist er durch einen Prozess des Widerstandes gegangen. Am Ende hatte er keine Angst mehr.


Waren Sie stolz auf ihn?
Nein, ich war wütend. Er sollte essen, ich wollte, dass er lebt. Erst Jahre später habe ich ihn verstanden. Ich bin nicht stolz, ich hätte lieber einen lebenden Vater. Aber ich bewundere seinen Mut.


Was wurde aus Ihrer Familie?
Meine Mutter starb im Arbeitslager, meine Brüder und Schwestern machen Unterschiedliches. Einige sind in Frankreich und Deutschland, sie leben, sie arbeiten, aber es geht ihnen nicht sehr gut.

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