„Uns egal, was die anderen machen“

Ehrgeizig. Simon Breitfuss Kammerlander bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang. Foto: imago/GEPA pictures
Simon Breitfuss Kammerlander Er ist Ski-Profi, er ist langsam - und gibt nicht auf

Rainer Breitfuss steht unten im Ziel, Simon oben am Trainingshang. Rainer hält die Videokamera drauf, durch das Objektiv beobachtet er, wie sein Sohn die Schnallen an den Skischuhen schließt und einen soliden Lauf fährt. Rainer lächelt, ein kleiner Mann mit sehr freundlichen Fältchen rund um die Augen. Einer, der die Aufgaben von drei Menschen übernimmt, der ziemlich überlastet sein müsste. Gerade bereitet er schon die nächste Woche vor, da fahren sie nach Garmisch-Partenkirchen, zwei Tage nach dem Slalom steht dort die Abfahrt an. So ein Pensum leistet im Skizirkus sonst niemand. Marcel Hirscher fährt nur Slalom und Riesenslalom, gerade junge Athleten konzentrieren sich oft auf eine Disziplin. Simon und Rainer bleibt im Winter kaum Zeit zu trainieren, es stehen immer schon die nächsten Rennen an. „Uns egal, was die anderen machen“, sagt Rainer. Ob einem der Name Franz Hoppichler was sage? Pionier des Skilaufs, vom Arlberg, uralte Schule. Der habe an die Ausbildung zum kompletten Skifahrer geglaubt. Rainer sieht seinen Simon in der Tradition Hoppichlers.

Wer Vater und Sohn eine Weile begleitet, den kann das Gefühl beschleichen, eine aussichtslose Mission zu beobachten. Man beginnt, sich zu fragen, ob da zwei blind geworden sind für die Schwierigkeit ihres Unterfangens. Nicht, weil Simon zu schlecht wäre. Er ist ein fantastischer Skifahrer, würde jeden Hobbyläufer deklassieren. Nur ist das Niveau im Weltcup so hoch. Nur haben die anderen das Geld und das Material, die Trainer und die Hotels. Gut, könnte man sagen, Dabei sein ist alles. „Du kannst mich auch mal, es geht um Leistung!“, sagt Simon.

Heute geht was

Beim Training vier Stunden vor dem Rennen strahlt er. Der Ski greift schneller, er hat das Gefühl, eine sehr enge Linie fahren zu können. Die Piste wird hart bleiben im Rennen, prophezeit Rainer, also auch für Startnummer 75 noch schnell zu befahren sein. Simon freut sich. Heute geht was.

Zwei Stunden vor dem Start trifft er unten am Rennhang ein und macht sich daran, die Slalomstrecke zu besichtigen. Der Hang liegt gleißend hell im Flutlicht. 45 000 Zuschauer trinken Bier und tanzen zu Gabalier.

Eine Stunde vor seinem Start sieht Simon Breitfuss Kammerlander, wie Marcel Hirscher eine brutale Bestzeit in den Schnee zieht und Ski-Österreich ausflippt.

Eine halbe Stunde vor dem Start seines Sohnes bringt sich Rainer Breitfuss auf Hälfte des Hangs in Position, um ihn genauer beobachten zu können.

Zehn Minuten vor dem Start checkt Simon, ob noch Schnee unter seinen Skischuhen klebt, streift die Reste ab und klickt sich in seine Skier. Im Kopf fährt er ein letztes Mal den Slalom ab, er kennt jede Schlüsselstelle. Unten, im Zielraum, pilgern die Fans langsam zu den Bierständen, der Stadionsprecher kündigt einen Mann aus Osttimor an, manche johlen.

Weitermachen, riet ihm Marcel Hirscher

Um kurz vor sieben schiebt sich der schnellste Skirennläufer Boliviens aus dem Starthaus, er fährt einen sicheren ersten Schwung, einen schnellen zweiten, beim dritten greift sein Ski sehr hart in den Schnee, das neue Setup, es zieht ihm den linken Fuß nach innen, wodurch sein Ski das Tor auf der falschen Seite passiert, die Stange schlägt ihm zwischen die Beine. Eingefädelt, sagen Experten. Das bedeutet: Simon Breitfuss Kammerlander wird disqualifiziert.

Im Ziel zuckt er mit den Schultern. In Kitzbühel war er stinksauer nach seinem letzten Platz, heute nicht. Er ist sich sicher, dass es gepasst hätte. Konjunktiv, klar, aber wer weiß.

Neulich kam Marcel Hirscher auf ihn zu. Er sagte ihm, dass er ihn für seine Ausdauer bewundere. Er solle nur weitermachen, dann komme der Speed von alleine.

„Ich will zuerst mal unter die besten 30 kommen – aber irgendwann will ich ein Rennen gewinnen“, sagt Simon.

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