„Die Gelbwesten, die ich kenne, sind Pazifisten“

Eine Protestierende der Gelbwesten-Bewegung auf den Champs-Élysees in Paris (Dezember 2018). Foto: imago/Future Image
Sängerin Zaz „Manchmal heule ich wie ein Werwolf“

Wofür bringen Sie nur schwer Verständnis auf?

Vielen Menschen mangelt es heute an Empathie. Sieht man doch daran, wie es läuft, wenn Menschen ihre Heimat verlassen, weil dort Krieg herrscht, und in sicheren Ländern begegnet man ihnen mit Ablehnung, fürchtet, sie würden einem das Land und die Arbeit wegnehmen. Wer selbst den Krieg erlebt hat, reagiert sicher anders.

Ihre Stiftung „Zazimut“ vernetzt kleine Initiativen miteinander, Sie spenden ihre Merchandise-Einnahmen für gemeinnützige Zwecke und veranstalten das Bürgerfest Crussol auf dem Land zwischen Lyon und Avignon.

Ich merke, dass viele Lust haben, aktiv zu werden, aber Sie sind nicht gut vernetzt. Nachbarn schweigen sich an, haben Vorurteile. So ein Festival bietet die Möglichkeit, sich bei Konzerten kennenzulernen und zu merken: Hey, der ist mir gar nicht so unähnlich. Auf einmal haben die Leute Ideen, knüpfen Kontakte. Durch die Stände und Workshops von Vereinen kommen sie mit verschiedenen Themen in Berührung, von gewaltfreier Kommunikation bis zu selbstgemachten Hausmitteln. Da können sie Dinge ausprobieren und sehen häufig: Ist ja gar nicht so schwierig und tut mir gut. Das Konzept funktioniert, vielleicht gibt es das bald auch in Moskau und St. Petersburg.

Klingt so, als sei das gut fürs Image.

Ich lerne aus dem Festival, mache Erfahrungen, entwickle Neues. Das kostet eine Menge Geld. Egal, was soll ich mit drei Häusern mehr?

Seit November gibt es in Frankreich die Protestbewegung der Gelbwesten. Viele von ihnen kommen aus ländlichen Regionen und kritisieren die Hauptstadt-Elite. Lässt sich der Riss in der Gesellschaft wirklich mit Konzerten und Workshops beheben?

Wer zurückgezogen lebt, kann auf komische Ideen kommen. Egal, ob auf dem Land oder in der Stadt. Aber es gibt Gegenden, wo die Menschen noch nie einen Schwarzen gesehen haben. Da denkt man: Das kann nicht sein. Wenn man dann nur Fernsehen guckt, ist das fatal, weil oft einseitig berichtet wird. Über die Gelbwesten aber auch. Ich habe Freunde im Ausland, die haben die Bilder der Proteste gesehen und denken, wir seien in einem Bürgerkrieg!

Schockieren Sie die Bilder nicht?

Natürlich. Es ist erschreckend, diese Energie zu sehen, die manche nur nutzen, um etwas kaputtzuhauen. Generell finde ich es gut, wenn die Leute sagen: Bis hierhin und nicht weiter, wir haben genug. Sie treffen sich, diskutieren, wie der Alltag verbessert werden, wie man besser zusammenleben kann. Das zeigen die Medien nicht. Stattdessen brennende Autos, Polizisten, die von Demonstranten attackiert werden und andersrum.

Sind Ihnen die Gelbwesten sympathisch?

Man hat mich in Frankreich dafür beschimpft, dass ich keine Stellung beziehe. Das Ganze ist nicht eindeutig für mich. Die Gelbwesten, die ich persönlich kenne, sind Pazifisten. Ich glaube, die meisten wollen nicht mehr alles einfach so hinnehmen. Sie sind erschöpft, ihr Leben besteht aus Rechnungen, die sie bezahlen müssen, und Arbeit, die sie nicht glücklich macht. Die können nicht mehr, und daran ist nicht nur die Regierung schuld. Sie fragen sich: Warum arbeite ich eigentlich? Um mir irgendwelche Sachen zu kaufen? Ihnen dämmert, dass es noch andere Dinge im Leben gibt. Immer mehr Franzosen, die ihre Jobs verloren haben, ziehen auf alte Bauernhöfe, eignen sich das nötige Wissen an. Da muss man zuhören können, offen und geduldig sein. Tomaten wachsen nicht schneller, wenn man sie anbrüllt.

Sie haben vor einigen Jahren ein Haus außerhalb von Paris gekauft. Eine Flucht aus der Stadt?

Ich hätte mir auch ein Wohnmobil kaufen können, doch die Sache mit den Steinen erschien mir sicherer. Apartments im Pariser Zentrum sind außerdem so teuer, das kann nicht mal ich mir leisten, und alles sieht aus wie im Hotel. Mir war es wichtig, einen kleinen Garten zu haben. So etwas kannst du in Paris völlig vergessen.

Und, wächst und gedeiht alles?

Ich hatte wirklich vor, mich damit zu beschäftigen, aber weil ich nie Zeit habe, verwandelte sich der Garten langsam in einen Dschungel. Also habe ich einen Gärtner engagiert und kann nun in Ruhe die Artischocken angucken, wenn sie blühen, blauviolett. Merkwürdige Tiere gibt es auch.

Zum Beispiel?

Im Sommer habe ich mal um vier Uhr morgens eine Spinne entdeckt, groß wie eine Hand, mit einem Auge auf dem Kopf. Als ich näher kam, hat sie sich drohend aufgebaut und gefaucht, es war gruselig. Ich habe ein Foto an einen Freund geschickt, der schrieb zurück: In welchem Land bist du? Die ist vielleicht irgendwo ausgebrochen. Und ich ziehe Libellen an. Einmal saß ich vor einem Thai-Restaurant in Berlin, und plötzlich flog mir eine auf den Arm.

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