"Ich müsste halb Italien retten"

Mit Bogen und Treppen, so schön wurden italienische Dörfer früher gebaut. Foto: promo
Abruzzen Weil das Alte so schön ist

Kihlgrens fast missionarischer Einsatz zur Erhaltung des Kulturguts der Abruzzen wurde belohnt. Neben diversen internationalen Auszeichnungen widmete die Presse – von der „New York Times“ über „Economist“ und „Guardian“ – dem Pilotprojekt seitenlange Berichte. Das Sextantio Albergo Diffuso, das inzwischen 25 Menschen Lohn und Brot bietet, ist meistens ausgebucht. Die Einwohnerzahl des Dorfs ist auf 120 Personen gestiegen.

Prominenz war natürlich auch schon da. Die belgische Königsfamilie etwa, George Clooney, Angelina Jolie oder Kiera Chaplin. Seitdem stehen Bürgermeister anderer dem Untergang geweihter Dörfer bei dem Jungunternehmer Schlange. „Wenn es nach denen ginge, müsste ich halb Italien retten. Es gibt in Italien mehr als 2000 ähnliche Dörfer!“ Doch er möchte nicht als Mäzen verstanden werden. „Ich will Arbeitsplätze schaffen und den Menschen eine würdige Unterkunft bieten“, sagt er. Ja, auch Geld verdienen. Das „System Kihlgren“ zur Bewahrung und Wiederbelebung mittelalterlicher Dorfanlagen ist in Süditalien zum Begriff geworden.

Inzwischen hat Kihlgren ein weiteres Projekt realisiert. 2009 eröffnete in der von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten Höhlensiedlung Sassi di Matera in der Basilikata mit der gleichen Strategie ein Grottenhotel mit 18 Zimmern. In den Bädern liegen von Hand hergestellte Seifen und Leinenhandtücher. So wie einst. „Wir wollen die Orte nicht in ein Disneyland verwandeln, mit kitschigen Souvenirläden und Restaurants mit dreisprachiger Speisekarte“, erklärt der schwedisch-italienische Unternehmer. „Wir bieten den Service eines Fünf-Sterne-Hotels, dabei aber alles so authentisch wie möglich. Ein Mix aus Tradition und Moderne.“

Heute sind ihm die Dorfbewohner dankbar

Wer nach Santo Stefano di Sessanio kommt, wohnt Tür an Tür mit Einheimischen. Er wird vorübergehend selbst zum Dörfler. Dabei haben es die Bewohner Kihlgren anfangs nicht ganz leicht gemacht. „Da kam so ein blonder Typ aus Norditalien“, erzählt Francesco, der eine kleine Bottega mit Salami und Käse betreibt, „und meinte, dass unser bescheidenes Leben attraktiv und unsere alten Häuser wertvoll seien. Was sollte man denn davon halten ?! Heute sind wir ihm dankbar für das, was er für uns getan hat.“

Signor Francesco hat zum Plaudern nicht viel Zeit. Eine kleine Gruppe von Touristen drängt sich um den Tresen, um sich Proviant für einen Tagesausflug nach Navelli zu besorgen, wo seit altersher aus den blasslila Krokusblüten Safran, das teuerste Gewürz der Welt, gewonnen wird. Er machte den Riso alla Milanese berühmt. Alljährlich in der zweiten Augusthälfte wird in dem mittelalterlichen Städtchen das Safran- und Kichererbsenfest gefeiert, ein fester Termin für Schlemmer.

Die Region mit den höchsten Bergen südlich der Alpen ist kein Terrain urbaner Kultur. Es war von jeher zu abgeschlossen, als dass sich hier eine blühende Kunstlandschaft entwickeln konnte. Die Bildungsreisenden des 18. Jahrhunderts strebten voller Ungeduld nach Rom oder Neapel und ließen die unwirtliche Gegend achtlos liegen. Heute zählen die einst vom Aussterben bedrohten Braunbären, die Wölfe und Luchse, die in den dichten Wäldern leben, zu den Hauptattraktionen des Parco Nazionale del Gran Sasso.

„Ein wertvolles Natur- und Kulturgut“, sagt Daniele Kihlgren, „für dessen Erhalt wir uns in einer sich rapide modernisierenden Welt einsetzen müssen.“ Beachtliche Worte für jemanden, hieß es in einer Laudatio, der seinen Reichtum ausgerechnet dem Zement verdankt.

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