Eigenes Reich. Abends bei Freunden zu Hause, Ferienlagerstimmung nach einem langen Tag in der Stadt. Foto: Sebastian Urzendowsky
© Sebastian Urzendowsky

Reise-Tagebuch Ein Iran hinter Mauern und Rosengärten

Sebastian Urzendowsky

Schauspieler Sebastian Urzendowsky besuchte die Familie seiner Freundin in Teheran. Ein Tagebuch über die Kunst, aus Holz Gold zu machen, und Tische mit Liebe.

Ankunft

Es ist warm, und es stinkt. Ein dicker Kohlenebel hängt in der Luft. Als ich sechs Jahre alt war, roch es in der Schönhauser Allee genauso. Eine erste Heimeligkeit. Osten bleibt Osten.

Auf der Suche nach einem Klo im Flughafen stolpere ich versehentlich in den Gebetsraum daneben. Die verschiedenen Möglichkeiten, sich zu erleichtern, liegen direkt beieinander, denke ich. Sogar das Zeichen an der Tür ist fast das gleiche. Ich muss lachen. Jetzt dann doch: Willkommen in der Fremde.

Der Vater meiner Freundin ist schon seit zwei Wochen da, und seitdem gehen Whatsapp-Nachrichten hin und her, die uns an nötige Unterlagen erinnern, an Mitbringsel und wann wir wo sein werden. Aktuell stehen wir vor der Eingangshalle des Flughafens und warten auf ihn.

Da taucht er aus dem Nebel auf. „Relax, we’re in Iran.“ Er zieht uns von den Taxileuten weg zum Mittelstreifen, wo er sich nach dem Auto seines Neffen umschaut. Es hupt. Der Neffe holt uns mit seinem Wagen ab. Hat er sich nicht nehmen lassen, wenn schon mal die Verwandtschaft von so weit angereist kommt. Wir verstauen unsere Jumbo-Koffer in dem kleinen Geländewagen und los geht’s. Der Neffe fährt mit 140 zwischen allen Spuren und dreht sich dabei gern ausgedehnt zu uns um, mit dem Rücken zu Gästen zu sprechen, ist schließlich unhöflich. Sie in den nächsten Lkw zu fahren offenbar weitaus weniger. Trotzdem kommen wir heil an.

In persischem Barock. Im Iran verstehen sie die Kunst, aus Holz Gold zu machen. Sämtliche Stühle und Tische werden goldfarben lackiert. My home is my castle. Diese Prämisse hat die Engländer in eine plüschig-puffige Gemütlichkeit geführt. Aber im Iran, in Persien, da stand Versailles Pate. Egal wie klein die Bude.

1. Tag

Eine Cousine holt uns aus der Wohnung ab. Ihr dunkelblonder Zopf kringelt sich unterm Kopftuch raus, das ständig wegrutscht. Wir quetschen uns zu viert in ein Taxi und fahren zum Tadschrisch-Basar im Norden der Stadt. Mit einem Schlag beginnt der Märchentraum vom Orient. Nüsse, Obst, Schmuck, Glühbirnen und Socken. Alles da. Auch eine Art schiitisches Krippenspiel. Drei Kerle in Seide, Säbel und Turban führen das auf. Jeder von ihnen hat ein Mikro, über das ihre Geschichte scheppert, als wäre es Gottes Wort selbst. Um den geht es schließlich. Beziehungsweise um Ali. Und seinen Sohn Hassan. Und Hossein. Und denen ging es um Gott, den Einzigen, Großen, Scheppernden. Dazu gibt es Tee. In der ersten Reihe sitzen schwarz verschleierte Damen mit ernsten Gesichtern.

Abends wird Hof gehalten bei der Familie. Oberster Stock des eigenen Hauses. Dicke Teppiche und Stuhlkreis. Auf die Polster ist das immer gleiche spätromantische europäische Liebespaar gestickt. Das trifft sich ganz wenig mit meiner Vorstellung von unseren Gastgebern, denn wir sind zu Besuch beim sehr traditionellen Teil der Familie. In der Runde wird mir arg heiß. Ich verstehe kein Wort und fühle mich beobachtet. Dazu kommt ein Pistazienkeks nach dem anderen meines Wegs, und in appetitloser Höflichkeit nehme ich sie erst mal alle entgegen. Zum Glück gibt es auch schwarzen Tee. Dann Essen. Ein Festmahl. Danach Obst und noch mehr Kekse.

2. Tag

Im Süden der Stadt begrüßt uns der Onkel. Beine wie Baumstämme bringen seine Hüfte mit jedem Schritt ins Wiegen. Ein geschmeidiges Schaukeln durch die Stadt. Zwinkernde Knopfaugen, Moustache. Er stellt sich in den Verkehr und teilt die Fluten. Alle schwärmen. Der Onkel macht Dinge klar. So ziemlich alle.

Wir wollen unbedingt den Golestanpalast sehen, die alte Residenz der Kadscharen. Meine Freundin ist pikiert. Da ist man früher so reingekommen. Ohne Schlange. Ohne Touristen. Guck mal: Deutsche! Aber es gibt den Onkel, und bevor wir VIP sagen können, sind wir drin. Meine Freundin meint, damals müsse es einem größer vorgekommen sein. Damals ist in dem Fall nicht die Zeit vor den Touristen, sondern die der alten Kadscharen. Tatsächlich erhebt sich draußen vor den drei Meter hohen, kunstvoll gekachelten Mauern ein Monstrum von einem Neubau, der den Rosengarten verschattet. Der Lärm bleibt draußen. Es ist eine Oase. Beim Teehaus treffen wir die Deutschen in ihren Regenjacken wieder. Jack Wolfskin hat es auch reingeschafft.

Abends gehen wir ins Theater im Stadtzentrum. Ein vermeintlich feministisches Stück wurde uns empfohlen. Über eine weitreichende Telefonkette kommen wir an Karten. Das Ticket wird handgeschrieben und uns vorm Theater zugesteckt, als handle es sich um einen Kassiber.

Das Stück heißt übersetzt etwa: „Wo sind die Täubchen des Harems hin?“ Dieser Frage wird zweieinhalb Stunden lang nachgegangen. Ich verstehe, wie zu erwarten, nichts. Zum Geräusch von Flügelschlag wechselt das Damenensemble auf der Bühne öfter mal den Tschador und kurz flattert die Freiheit vorbei. Dazwischen wird viel geweint. So viel, dass es mich irgendwann nervt. Ich denke kurz, wie gemein das von mir sei, wo ich doch sonst eher empathisch bin und hier immerhin Dinge verhandelt werden, die tief schürfen, auch wenn ich sie nicht verstehe. Aber dem Stöhnen meiner Sitznachbarn entnehme ich, dass ich wohl auch bei Kenntnis der Sprache nicht enthusiastischer wäre. Draußen hagelt es Kritik. Da haben sie hier schon mutigere Stücke gesehen.

Zur Startseite