Flucht in Schlauchbooten und Sammeltaxis

Frau sein. Für Dania aus dem Irak ist dies eine Frage der Identität und des Überlebens. Nun wohnt sie in Berlin. Foto: Fabiana Zander Repetto/Tsp
Transgeschlechtliche Flüchtlinge Bedroht - im Irak und in Berlin

Dania hat keine Beweise für ihre Worte. Aber der Lesben- und Schwulenverband Berlin hat ihr sogleich eine Härtefallbescheinigung ausgestellt, als er hörte, wo Dania herkommt. Regelmäßig werden im Irak Schwule oder Transmenschen ermordet. Sie werden an schiitische Milizen übergeben und für „ungläubiges Verhalten“ zu Tode gefoltert. Dania hat deshalb gute Chancen auf Asyl.

Sie steht auf, raucht auf dem Balkon eine Zigarette, kocht Kaffee. Sie hat den Schleppern 1300 Euro bezahlt, um über die Türkei nach Griechenland zu gelangen.

Mitleid einer syrischen Familie

Im überfüllten Schlauchboot saß sie mit nur einem Rucksack Gepäck am Boden, das Handy, das nun zerbrochen ist, an ihre Brust gedrückt, Wasser spritzte ihr ins Gesicht. Um sie herum stöhnten Schwangere, Säuglinge kreischten.

Auf einer griechischen Insel rannte sie nachts immer wieder vor der Gewalt anderer Flüchtlinge davon. In Bussen und Sammeltaxis reiste sie über Mazedonien und Serbien bis nach Ungarn weiter. Irgendwann waren alle Ersparnisse aus den Nachtclubzeiten aufgebraucht, sie verschuldete sich bei einer syrischen Familie, die Mitleid mit ihr hatte.

Dania ist jung, neu hier, in einem Körper gefangen, den sie nicht mag und – wurde gerade verlassen. Der Mann aus dem Club, den sie in Bagdad liebte und der nun selber auf der Flucht ist, antwortet ihr nicht mehr. Seine Familie darf niemals von ihr erfahren.

Das schmerzt mehr als die Erinnerungen, mehr als die Beleidigungen und mehr als der angebrochene Arm. In der Schöneberger Wohnung verschränkt Dania nun die Finger ineinander und legt den Kopf darauf ab. Niemand spricht.

Angebrochener Arm

An jenem Morgen, als Dania in der Notunterkunft geschubst wurde, als wieder einer sagte: „Pass auf deinen Arsch auf, es könnte ihn dir jemand klauen“, vertraute sie sich einem Sicherheitsbeamten an.

Ihr Arm wurde geröntgt, und sie lernte Jouanna Hassoun kennen. Ehrenamtliche organisierten Dania einen Schlafplatz bei Freunden, dann bei anderen Freunden. Es ist ihr unangenehm, zur Last zu fallen, sie traut sich nicht, das angebotene Glas Wein abzulehnen, sie kann nicht gut mit Besteck essen.

Schließlich verschaffte ihr Hassoun übergangsweise diese Altbauwohnung und trieb privat ein paar Spenden für die ersten Tage allein auf. Die 19-Jährige muss jetzt lernen, damit zu haushalten.

Jetzt will sie sich nicht mehr verstecken

Warum sie sich nicht versteckt, das Haar schneidet, die Nägel kürzt?

„Niemand würde mir das abnehmen“, sagt Dania. Und dass sie ihren Asylgrund verlieren würde, wenn sie auf den Ämtern ihre Identität verschleiert. In der Fremde lässt sich das Doppelleben von daheim nicht aufrechterhalten. Make-up drauf für die Behörden, Jungsklamotten an für den Schlafsaal – das geht nicht so einfach.

Und dann sagt sie noch, leise, aber mit dem Selbstbewusstsein der sicheren Dania in der sicheren Schöneberger Wohnung: „Außerdem: Warum sollte ich?“

Mitarbeit: Dr. Marwa Mahdy

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