Fusako Urabe und Aoba Kawai inf "Wheel of Fortune and Fantasy " von Ryusuke Hamaguchi. Foto: Neopa/Fictive
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Summer Special Die queeren Berlinale-Filme

Flüchtige Küsse, Reisen in die Vergangenheit und Sex im Wald: beim Summer Special der Berlinale laufen auch wieder einige queere Filme. Ein Überblick.

Alle Bären-Gewinner*innen der Pandemie-Berlinale sind schon bekannt. Mit einer Ausnahme: Die Teddy Awards für die besten queeren Filme des Festivals wurden nicht im März zum Finale des Branchen-Events verkündet, sondern werden am 18. Juni bei einer Online-Veranstaltung verliehen. Bereits bekannt sind aber die Nominierungen der dreiköpfigen Jury.

Es sind weniger als sonst, was vor allem am insgesamt weniger umfangreichen Programm liegt. Aus dem Wettbewerb geht mit dem Episodenfilm „Wheel of Fortune and Fantasy“ des japanischen Regisseurs und Drehbuchautors Ryusuke Hamaguchi ein Werk in der Spielfilm-Kategorie ins Teddy-Rennen.

Zwei Sexarbeiterinnen beginnen eine Beziehung

Drei unzusammenhängenden Geschichten kreisen jeweils um eine Frauenfigur, wobei es sich den ersten beiden Teilen um Heterosexuelle handelt. Die dritte und stärkste Episode beginnt auf der Wiedersehensfeier einer Schulklasse. Die Informatikerin Natsuko (Fusako Urabe) ist nur gekommen, um ihre einstige Geliebte zu treffen, die allerdings nicht auftaucht. Doch am nächsten Tag meint Natsuko sie zufällig auf einer Rolltreppe zu sehen und rennt ihr hinterher. Eine erstaunliche und bewegende Begegnung entwickelt sich.

Dasselbe lässt sich auch über Sascha (Katharina Behrens) und Maria (Adam Hoya) sagen, die sich in Henrika Kulls zweitem Spielfilm „Glück“ (Panorama) in einem Berliner Bordell kennen lernen. Die 42-jährige Sascha arbeitet hier schon lange, ihre 25-jährige italienische Kollegin ist neu dabei. Recht bald entwickelt sich zwischen den beiden in eine intensive Beziehung, die die Bilder zum Flirren bringt. Sicher ein heißer Teddy-Kandidat.

Ein fein durcherotisiertes Gewebe von Begegnungen, Blicken und Dialogen entwickelt sich während eines Umzugs in „Das Mädchen und die Spinne“ (Encounters) der Schweizer Brüder Ramon und Silvan Zürcher. Queerness fließt hier eher auf subtile Weise mit ein und steht nicht im Zentrum.

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Was sich von einigen weiteren Festivalfilmen sagen lässt. In Hadas Ben Aroyas „All eyes off me“ (Panorama) gibt es etwa zu Beginn bei einer Party einen leidenschaftlichen Kuss zwischen zwei Frauen. Anschließend geht es heterosexuell, aber durchaus experimentierfreudig, weiter.

Explizit schwul ist hingegen „Les Attendes“ aus dem Kurzfilmprogramm. Der 15-Minüter von Minh Quy Truong zeigt ein Sexdate zweier älterer Männer in einem Wald, kontrastiert mit Aufnahmen eines jüngeren Mannes, der offenbar in derselben Gegend mit zwei Wasserkanistern unterwegs ist. Gesprochen wird fast nicht, am Ende lobt einer der Schwulen den anderen: „Dein Schwanz ist klasse.“

Politisch wird es in John Greysons „International Dawn Chorus Day“, der ebenfalls für den Kurzfilm-Teddy nominiert ist. In Zoom-Call-Optik werden Vögel aus verschiedenen Ländern gezeigt, die sich zusammengeschaltet haben, um den titelgebenden Tag zu feiern. Erst zwitschern sie – untertitelt - über andere Tiere, den Wind, die Pollen.

Vögel unterhalten sich über eine ägyptische Aktivistin

Doch irgendwann geht es um die queere ägyptische Aktivistin Sarah Hegazi, die 2018 bei einem Konzert in Kairo eine Regenbogenflagge schwenkte. Anschließend wurde sie festgenommen, inhaftiert und gefoltert. „Natürlich hatte ich Angst. Du bist Ägypterin, Kommunistin, Homosexuelle“, sagt sie auf zwei der Video-Kacheln.

Danach geht es um den Fall des Filmemachers Shady Habash, der wegen eines Musikvideos ins Hochsicherheitsgefängnis von Kairo kam, wo er 2019 mit nur 24 Jahren starb. Die Vögel diskutieren angeregt über die Bedeutung des Songtitels „Balaha“. Es wirkt, als wolle Greyson die weltweite Twitter-Zwitscherei visualisieren - was überraschend fesselnd ist.

Eine starke Konkurrenz geht ins Rennen um den Teddy der Kategorie Dokumentation/Essay. Allen voran die Hamburger Regisseurin Monika Treut, die 20 Jahre nach „Gendernauts“ für „Genderation“ noch einmal zu den Pionier*innen der kalifornischen Transbewegung gereist ist, die ihr ein weiteres Mal Einblick in ihre Leben geben.

Die 1961 geborene Sozialwissenschaftlerin und Professorin Susan Stryker berichtet, wie sie in den Neunzigern aufgrund der Stigmatisierung von trans Menschen keine akademische Anstellung bekam. Inzwischen ist sie etabliert und hat zudem Glück mit ihrer Partnerin ein eigenes Haus zu bewohnen. Sonst könnten sie sich unmöglich in der Bay Area halten.

„Es ist viel weißer und reicher geworden. So viele meiner Freunde können es sich nicht mehr leisten hier zu leben“, sagt sie einmal. Dem Schriftsteller und Lyriker Max Valerio („Testosteron Files“) ist es so ergangen: Er zog zu seinen Eltern in die Gegend von Denver.

Das Land verlassen, aber den Selbsthass mitgenommen

In einer noch prekäreren Lage befindet sich der georgische trans Mann Alexander in Yana Ugrekhelidzes Dokumentation „Instructions for Survival“ (Perspektive Deutsches Kino): Seine Hormontherapie organisiert er mit Hilfe der Community selbst, legale Jobs kann er mit seinem weiblichen Geschlechtseintrag im Pass nicht bekommen, er lebt im Verborgenen und in Angst. Seine Frau Mari will ihm dabei helfen, das Land zu verlassen - und lässt sich als Leihmutter engagieren.

Schon vor Jahrzehnten hat der 1963 geborene Dolmetscher Miguel seine Heimat, den Libanon, verlassen. In Spanien konnte er endlich offen schwul leben, doch seinen Selbsthass hat er nicht hinter sich lassen können. „Ich glaube immer noch, dass ich ein schlechter Mensch bin und Bestrafung verdiene,“ sagt er in „Miguel’s War“, dem beeindruckenden Porträtfilm, den er zusammen mit der Filmemacherin Eliane Raheb gedreht hat.

Wenn sie den Libanon und in Miguels Vergangenheit reisen, meint man einer Traumatherapie zuzusehen. Eine heftige, außergewöhnliche Filmerfahrung. Es wäre „Miguel’s War“ zu wünschen, dass er nach dem Festival einen regulären Kinostart bekommt. Für „Genderation“ steht er schon fest: Am 21. Oktober soll Monika Treuts Doku anlaufen. Hoffentlich lässt die Pandemie-Situation es zu.

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